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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-18 · Heft 3 (18.1.1907) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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29 den es jemals gegeben: Moses. Wer könnte auf dem Throne leben, ohne vor Moses in Anbetung niederzuknien. Er ist ein Herrscher, der sein Volk erst gemacht hat, und der es so gebaut hat, daß es allen Stürmen trotzen konnte. Hätte die Welt die mosaischen Gesetze angenommen, sie würde vor Tuberkulose und Krebs, Diphtheritis und wie alle die verheerenden Seuchen der Reihe nach geheißen haben, bewahrt geblieben sein." Carmen Sylva führt diesen Gedanken weiter aus, indem sie Moses als Universalgenie, als Feldherrn und Arzt feiert und über Karl den Großen, Harun - al - Raschid und Cäsar stellt; alle diese „müssen sich vor Moses beugen, denn alle ihre Reiche sind nicht mehr, aber Moses' Reich verbreitet sich unablässig und wächst immerfort". Die Dichterin und Königin kommt dann auf die Bibel zu sprechen, auf „Wahrheit und Dichtung, wie sie nie wieder erstehen kann. Denn mit unerschütterlicher Wahrhaftigkeit ist die Geschichte erzählt, wo die größten Dichter der Welt mit wohl die Propheten gewesen. Von David nicht zu reden, der vielleicht kein großer König, aber ein wahrj hastiger Mensch und ein sehr großer Dichter war. . ." „Es ist sonderbar. Wir leben und zehren alle von der Bibel und gestatten uns, das Volk zu verachten, welches das Buch der Bücher hervorgebracht. Wir verachten es auch wohl nicht, sondern wir fürchten es eher, weil wir seine Kraft ahnen und immer uns wehren, in der Furcht, ganz von demselben überflutet und unsrerseits unterdrückt zu werden. Aber warum lernen die Christen nicht von ihnen? Wir sind ja aus dem Judentum hervorgegangen, warum wenden wir uns ab und verleugnen unsere Herkunft? Wenigstens unsere geistige Herkunft ist dort, und nirgends anders. Jawohl, Indien, aber in direkter Linie Judäa!" „Die Juden haben keine solchen Entzweiungen in ihrer Mitte, wie die Christen, die Juden wären nie in die Verrücktheit der Kreuzzüge verfallen, die Juden haben keine Dogmen gemacht, die von den anderen bestritten werden können. Wo sind Christi Dogmen? In der Bergpredigt? Oder in seinen Worten, wenn er sagte, wir sollten tum fein und den Armen helfen? Er hat wohl nie geträumt, daß über das ülioque sich die Christenheit unwiederbringlich entzweien und spalten würde; daß über sein heiliges, letztes Mahl, das er seinen armen, verlorenen Schäflein zum Trost in der Erinnerung lassen wollte, unendliche Streitigkeiten entstehen würden, daß in seinem Namen Inquisition und Scheiterhaufen, Martern, wie sie die Hölle nicht erfunden, ausgeübt werden würden! Er wollte Moses Lehre vervollkommnen und ihr eine Milde hinzufügen, die derselben noch mangelte, aber die Menschen waren nicht reif für die Milde und verzerrten sie zu einer scheußlichen Fratze." Carmen Sylva rühmt des weiteren an dem Judentum, daß es „keinen Aberglauben kennt", was „vielleicht an seiner Rasse liegt oder an Moses, der so gesund aufbaute und ihm genug Hilfe gab, ohne den Trost des Aberglaubens". Die einzige Gefahr wäre für das Judentum nach der Meinung der Königin „äußere Macht; schon jeder große Reichtum ist eine Gefahr, aber nun gar Macht könnte es an den Rand des Abgrunds führen. Die andern Völker haben ihm unbewußt den größten Dienst geleistet, indem sie das Volk Gottes unterdrückt und verfolgt haben. Es ist dadurch fromm geblieben und einfach, und hat in sich zusammengeschlossen dagestanden, um nicht fortgeweht zu werden".Die Bekenntnisse der Carmen Sylva schließen mit folgenden Worten: „Es steht alles in der Bergpredigt, es steht alles in Moses Gesetzbüchern, aber die Menschen scheinen manchmal wirklich vom Teufel besessen und stürzen sich selbst in den Abgrund. Und Jeremias weint noch immer vergebens. Und Jerusalem steht nicht wieder auf. Möchte mein wohl das Jerusalem, wo alljährlich die Grabkapelle zu einer Stätte der Schande und der Schmach gemacht wird? Möchten die Juden das Jerusalem, wie es heute ist? Es gibt kein Zion auf der Erde, denn die Menschen haben es zerstört und wissen nicht, wie man es wieder aufbaut. Nur ganz einfach, ganz kindlich, so wie die Bibelmenschen, die auch bereit waren, ihren einzigen Sohn einer Idee zu opfern, ohne Widerrede, ohne Zaudern, fromm und bescheiden. Wir lernen die Bibel, wenn wir lallen, und verstehen sie mit grauen Haaren dennoch nicht! Ich möchte Bernahs zu Füßen sitzen, wie es Steadge in seiner Zeit tat, als er mit ihm die Evangelien auf Griechisch las, und sie von ihm auslegen hören, in der heutigen Zeit, mit den heutigen Kämpfen und Verkehrtheiten und Errungenschaften. Es wäre der Mühe wert! Er sah tief und weit!" Das klingt sicher alles sehr schön und wahr und macht dem Geiste wie dem Herzen der Königin alle Ehre. Aber in Rumänien liegen die Dinge doch nicht so einfach, wie sie sie schildert. Und die Königin sollte ihreir ganzen Einfluß daran setzen, den unglücklichen rumänischen Juden ihr hartes Los zu erleichtern. Der Schah von Persien, Muzaffer Eddin, ist am 8. d. M. gestorben. Die Geschichte wird diesen Fürsten ohne Zweifel zu den bemerkenswertesten Herrschergestalten zu rechnen haben, denn durch die Verleihung einer Verfassung hat er noch kurz vor seinem Tode seinem Lande eine neue Aera eröffnet und ist auf diese Weise nicht bloß für Persien, sondern für Zentralasien überhaupt bahnbrechend gewesen. Und in dieser Verfassung ist, wie wir/bereits mitgeteilt haben, die volle Gleichberechtigung aller Nationalitäten und Bekenntnisse freimütig ausgesprochen. Was das für Persien bedeuten will, kann nicht mit wenigen Worten ausgedrückt werden. Der verstorbene Schah war übrigens wie sein Vater Nassr Eddin, der jahrelang einen jüdischen Leibarzt, Dr. I. E. Polack aus Oesterreich, hatte, ein Beschützer der Juden, die in verschiedenen Städten Persiens durch den Fanatismus der Geistlichkeit noch immer viel zu leiden haben. Muzaffer Eddin schützte sie, sogut er es vermochte. Sooft er nach Europa kam, empfing er nach dem Vorbilde seines Vaters Deputationen der Alliance, des Board of Deputies und anderer Institutionen in huldvollster Weise und versprach alles Mögliche nach seiner Heimkehr zn tun, um das Los der persischen Juden zn verbessern. Wenn trotzdem deren Lage eine zuweilen sehr traurige blieb, so lag die Schuld nicht an dem Schah und auch nicht an seinen Ministern, wie wir aus den Allianceberichten der letzten Jahre wissen, sondern wie gesagt an den Verhältnissen des Landes und an der fanatischen Geistlichkeit. Auch der Thronfolger Muhamed Ali Mirza soll ein liberaler Fürst sein, der den Juden seines Landes — man schätzt ihre Zahl auf zirka 50000 — wohlgesinnt ist. Hoffentlich bringt die Thronfolge und die neue Verfassung ihnen endlich die ersehnte Ruhe und Sicherheit. ft Nachdem die Jewish Territorial Organisation mit Unterstützung von Schiff und Rothschild Galveston als geeigneten Ausgangspunkt für die jüdische Einwanderung proklamiert hat, tritt dieser Hafen in den Vordergrund des Interesses für jüdische Auswanderer. Es dürften unter diesen Umständen einige Daten über Galveston von allgemeinem Interesse sein, die uns das Studienkomitee für jüdische Angelegenheiten zur Verfügung stellt: Galveston liegt a» dem Ostende von Galveston - Island. Es ist die Hauptstadt des Galveston-Distrikts. — In den letzten Jahren sind ungeheure Summen für ständige Verbesserungen in der Stadt ausgegeben worden. Die städtischen Wasserwerke liefern reines Quellwasser mit einer Fähigkeit von vier Millionen Gallonen per Stunde. Straßenbeleuchtung, Feuerwehr, ein vollkommenes Kanalsystein gehören auch der Stadt und werden von dieser unterhalten. Der Steuerwert des Stadtsteuerrates beträgt 26 960 512 Dollars und die Rate der Stadtabgaben ist 1,57 auf 100 Dollars. Es gibt dort zwei Hochschulen, sieben öffentliche Schulen, zwölf Privatschnlen, eine katholische Universität, zwei katholische Akademien. 31 Kirchen aller Klaffen für Weiße und 13 für Neger und viele Waisenhäuser und andere Wohltätigkeitsinstitutionen. Das beste Straßenbahnsystem in Texas, die wunderbarste Umgebung, malerische Wohngegenden, ein Badestrand, wie er in diesem Lande nicht übertroffen wird, ein Klima, das im ganzen Jahre nicht um 30 Grad variiert, sind Vorzüge, wie sie nur wenige Häfen besitzen. Galveston ist zwar nicht

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