Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Norm der jüdischen Schüler und Studenten. Innerhalb des bisherigen Ansiedlungsrayons sieht das neue Gesetz allerdings einige Erleichterungen vor. Auch soll ihnen in einigen Neichsteilen, wo ihnen bisher der Aufenthalt verboten war. das Wohnen gestattet werden, vorausgesetzt jedoch, daß sie Handelsscheine erster Klasse lösen. Hierher gehört namentlich das Gebiet der dänischen Kosaken." Wenn das wahr ist — und die Nachricht klingt sehr wahrscheinlich — dann wird es kein Mensch bedauern, daß Zar Nikolaus diesem „Reformprojekt" seine Bestätigung versagt und die ganze Judengesetzgebung der Duma reserviert hat. Schlechter wird es diese in keinem Falle machen. V j Ganz komische Geschichten wissen deutsche Blätter, auch liberale, von dem Versuch zur Bildung einer „jüdischen Fraktion" im englischen Unterhanse zn berichten. Wir lesen da u. a.: „Ter Vorschlag einiger besonders energischer israelitischen Mitglieder des englischen Unterhauses, eine besondere „jüdische Fraktion" i zn bilden, tun so die besonderen Volks- und Rassen- resp. Glaubensinteressen ihrer Stammesgeuosseu besser verteidigen zu können, hat in fast allen nichtseinitischeu Kreisen Proteste hervorgerufen, die zum gröberen Teil recht lebhaft sind. ES gab bis vor kurzem keine semii tische Frage in England, und auch heute noch kann man von einer solchen im kontinentalen Sinne nicht sprechen, denn die Agitation, die sich säst ausschließlich um die Einwanderung armer, meist russischer und rumänischer Juden und die Verdrängung weniger tätiger und arbeitsamer englischer Armen aus Vierteln wie Whitechapel drehte, hat niemals einen allgemeinen Charakter angenommen, und nach wie vor kennt man im englischen Bürgertum wie im Geschäftsleben eigentlich keine „Inden", sondern nur Engländer verschiedener Kon sessionen, darunter auch solche jüdischen Glaubens." Indes hätten die russischen Pogrome, die Einwanderungsbill, die zionistische Agitation manches geändert und schließlich zu einer „geschlossenen Aktion" im Parlament geführt. Aber die scharfe Ablehnung, die der Vorschlag oder Plan auf allen Seiten der englischen Parteien findet, dürfte die Ausführung schon im Keim ersticken. Wir haben uns direkt nach London an maßgebende Kreise mit der Bitte um Aufklärung gewendet und von verschiedenen Seiten die bestimmte Versicherung erhalten, daß jene Ausführungen deutscher Blätter nicht den Tatsachen entsprechen und daß in den beteiligten Kreisen von der Absicht, eine jüdische Fraktion im Parlament zu bilden, absolut nicht die Rede gewesen sei. Die englischen Juden wissen sehr genau, was sie zu tun haben und bedürfen keiner Ratschläge auswärtiger Politiker, deren Wohlwollen nach jenen Preßäußerungen überdies noch sehr in Frage steht. Wenn die jüdischen Abgeordneten irgendeines Parlaments in Fragen, die ihre Glaubensgemeinschaft betreffen, Zusammenhalten oder sich gar zu gemeinsamer Aktion verbinden, so ist das ihr gutes Recht, und jeder Einsichtige wird damit einverstanden sein. Sicher sind die Mitglieder eines Parlaments Abgeordnete des ganzen Volkes, aber dies kann und darf sie doch nicht hindern, sich der Gemeinschaft anzunehmen, aus der sie hervorgegangen sind. Solche Binsenwahrheiten sollte man eigentlich gar nicht inehr nötig haben, vorzutragen. Aber es scheint, daß sie doch von Zeit zu Zeit immer von neuem wieder in Erinnerling gebracht werden müssen. yr Die Königin von Rumänien, Carmen Sylva, veröffentlicht ihre Memoiren in der Zeitschrift „Mode von Heute". Sie kommt diesmal auf ihr innerstes persönliches Verhältnis zu Religionssragen, insbesondere zum Judentum und den Juden zu sprechen. Der Ausgangspunkt ihrer Mitteilungen ist die Erinnerung an den hochgeschätzten Freund ihres Vaterhauses tdes Fürstlich Wiedschen Hauses) Jacob Bernays, den großen Sprachforscher, der Jude war und der „als Jude damals keine Professur haben konnte, obgleich er vielleicht der größte Gelehrte war, den Bonn aufzuweisen hatte". Die Königin schildert das Aussehen und Wesen des Gelehrten, dessen Stellung in ihrer Familie sie folgendermaßen charakterisiert: „Meine Eltern unterhielten sich stundenlang mit ihm und hatten unglaubliche Freude an der Größe und Weite seiner Anschauungen . . „Noch Jahre nachher wurde er oft in unserem Hause zitiert: Bernays dachte so, Bernays sagte immer! Er hatte einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt durch die Macht seiner Persönlichkeit und seines ausgedehnten Wissens." Der Kummer, den er darüber äußerte, daß einer feiner Brüder zum Christentum übergetreten war, gibt Carmen Shlva Anlaß, sich darüber auszusprechen, daß „es keinen Zweck hat, die Kirche, in der man geboren ist, zu verlassen". Dann heißt es weiter: „In unserem Hause ist Nathan der Weise ein täglicher Gast, da »vir alle Konfessionen in der eigenen Familie vertreten haben! Katholisch, protestantisch und orthodox, ebenso im Hause auch einen Juden als Sekretär haben! Und gerade ein Israelit ist es. der meine Hauptstütze in allen Wohltätigkeitssachen ist. Oberst Bro ein er trug im Kriege von 77 zwei schwere Wunden davon, wurde dann Sekretär bei uns und opfert sich mit Begeisterung auf für alle Armen und Leidenden, die von uns Hilfe erwarten. Und es hat noch nie den leisesten Zwist oder die kleinste .Uneinigkeit gegeben, sondern jeder hat die Kirche des andern mit der größten Hochachtung behandelt; die Kinder haben nie empfunden, daß sie eine andere Kirche hatten als wir, also hier ist der Beweis, daß es auf die Andachtssormen gar nicht ankommt! Die Juden haben ihre Religion reiner erhalten als die Christen, das ist eine beschämende Tatsache, aber sie haben sich auch nie den vorhandenen Religionen angepaßt, um die ihrige einzuführen, sie haben jahrhundertelange Verfolgung ausgehalten und sind nicht abgewichen, und haben ihren Glauben nie aufgedrängt oder einzuführen gesucht. Die Judenverfolgung ist darum auch nicht Sache der Religion, sondern der Rasse, die Völker wollen sich nicht gefallen lassen, ein anderes Volk in ihrer Mitte stärker werden zu sehen, als sie sich selbst fühlen. Es ist sehr einfach In Rumänien ist es noch einfacher. (?) Das Land ist schwach bevölkert, die Handwerke sind absolut in den Händen der Fremden, und da kamen nun die Hungerjahre, deren Folgen sich erst jetzt fühlbar machen. Es wird nicht mehr gekauft, noch gebaut, noch bestellt, und da sind nicht nur Juden, sondern auch Protestanten und Katholiken scharenweise ausgewandert, einfach weil sie keinen Lebensunterhalt mehr fanden. Sie haben keinerlei Verfolgung erfahren, denn das Land leidet unter ihrem Abgang; aber als die Bauern hungerten, hat die ganze Welt zugesehen, mit der größten Gleichgültigkeit, nun, da es die Gewerbetreibenden betrifft, ist die ganze Welt in Bewegung. In den letzten Monaten haben 36 protestantische Familien Bukarest verlassen, weil sie keinen Verdienst mehr fanden. Die Not war eben sehr groß, und es wird noch ein paar Jahre dauern, bevor die beiden Hungerjahre vergessen und überwunden sind. Wenn kein Halm mehr steht, die Felder aussehen wie Tennen, das Vieh' mit Erde im Magen zu Tausenden stirbt, dann gibt es auch kein Gewerbe mehr, dann steht eben alles still. . . . Die Christen haben ihren Judenhaß und die ewige Verfolgung, die sie dieses bewunderungswürdige Volk haben erdulden lassen, mit der Kreuzigung Christi entschuldigt. Seien wir ganz ehrlich gegen uns selbst. Was würden wohl die heutigen Christen tun, wenn Christus wiedererschiene? Ich fürchte, sie würden nicht einmal Hosiannah schreien, sondern ihn sofort für einen gefährlichen Sozialisten erklären und wenigstens in ein Irrenhaus sperren. Tolstoi hat dem Christentum streng nachleben wollen und es in der Tat verwirklicht, und er ist moralisch sogut wie gekreuzigt worden, zumal, als er die Schächter aus dem Tempel zu jagen anfing und sie Otterngezüchte nannte, als er soviel Wahn und Heuchelei aufdeckte, mit dem das Christentum umhängt worden. — Die Juden sind das einzige Volk, das keinen Verfall erlebt. Sie bleiben fest, und stark, und einig, in sich geschlossen, einander hilfreich, gesund und kinderreich und mächtig. Und das alles verdanken sie einem einzigen Manne, dem größten Herrscher, den die Welt gesehen, dem König der Könige, dem weisesten Arzte, dem größten Psychologen und Physiologen,