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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-18 · Heft 3 (18.1.1907) · p. Seite 26

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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26 ins Leben zu rufen, und er hat diesen Gedanken dank der materiellen Unterstützung edler Glaubensgenossen in umfassender Weise in die Tat nmsetzen können. Die von M. Reich begründete und noch unter seiner Leitung stehende Taubstummenanstalt besteht schon länger als drei Jahrzehnte und nimmt jüdische taubstumme Kinder aus dem ganzem Reiche auf. Sie wird von dem Verein „Freunde der Taubstummen — Jedide Hmim", dem Mitgliederbeiträge aus allen Teilen Deutschlands zufließen, unterhalten. Die Mittel des Vereins sind trotzdem sehr beschränkt; zahlt doch das Gros der Mitglieder des Vereins einen Jahresbeitrag von nur drei Mark. Damit aber der Verein das Ziel, alle jüdischen taubstummen Kinder Deutschlands in seine Anstalt aufzunehmen, erreichen kann, müßte er über ein größeres Vermögen verfügen. Es genügt nicht, wenn die unsicheren Mitgliederbeiträge für das Allernotwendigste gerade ausreichen. Nur größere Legate und Stiftungen würden die Anstalt und ihr gedeihliches Fortbestehen sichern. In der Beziehung ist uns Oesterreich bei weitem über. In Wien existiert nicht bloß eine israelitische Blindenanstalt, sondern auch feit vielen Jahren eine gut fundierte Taubstummenanstalt, und dabei ist sie nicht einmal die einzige in der Donaumonarchie. Unsere Weißenseer Taubstummenanstalt dagegen, obwohl die einzige im Reiche, hat inuner noch mit Pekuniären Sorgen zu kämpfen. Das Institut, auf das die deutschen Inden stolz sein können, ist leider selbst in Kreisen, die dafür Interesse haben müßten, immer noch zu wenig bekannt. Es ist Pflicht der Aerzte, Rabbiner und Lehrer, jüdische Familien, die das Unglück haben, taubstumme Kinder zu besitzen, auf diese Anstalt hinzuweisen. Und nicht bloß das, sie inüssen sich auch bemühen, den Strom der jüdischen Wohltätigkeit auch einmal in das trockeneBett der heilpädagogischen Bestreblingen zu lenken. Woran liegt es, daß bis jetzt kein reicher jüdischer Wohltäter in Deutschland an die Gründung einer heilpädagogischen Anstalt gedacht hat, während konfessionelle Alterversorgungsanstalten und Waisenhäuser in ziemlich ausreichendem Maße vorhanden sind? In erster Linie liegt das wohl daran, daß die Zahl dieser Unglücklichen, absolut betrachtet, Gott sei Dank gering ist. Wer nicht gerade in der eigenen Familie das Unglück hat, ein solches Kind zu besitzen oder beruflich als Arzt oder Lehrer mit Idioten, Blinden rmd Taubstummen in Berührung kommt, wird schwerlich auf den Gedanken kommen, daß für diese Kinder, besonders für die armen, eigene Veranstaltungen für Erziehung »nd Unterricht getroffen werden müssen. Es ist dringend notwendig, daß, wie gesagt, vor allein die Herren Rabbiner. Aerzte und Lehrer wohlhabende Glaubensgenossen, die gemeinnützige Anstalten gründen, beziehungsweise fördern wollen, auf das Gebiet der konfessionellen Heilpädagvgik aufmerksam machen. Das Gebiet ist im Gegensatz zur Waisensürsorge eng begrenzt. Drei größere Anstalten für Deutschland genügen vor der Hand. In erster Reihe ist die schon bestehende Tmtbstnmmenanstalt reichlicher als bisher zu bedenken, zweitens eine Blindenanstalt zu gründen nnd drittens der vom Gemeindebund geplanten Jdiotenanstalt Förderung angedeihen zu lassen. Es ist unsre Pflicht, für solche unglücklichen Kinder zu sorgen, so wie wir es schon seit undenklichen Zeiten für Waisen und andere Hilfsbedürftige tun. Es handelt sich hier nur um eine zeitgemäße Erweiterung und Differenzierung der alten jüdischen Wohltätigkeitspflege, die doch mit der fortschreitenden Kultur und Erkenntnis gleichen Schritt halten muß. Sorgen wir, wenn wir auch in politischer Hinsicht auf dem Standpunkte der Jnterkonfessionalität, der Simultanschulen, stehen, entsprechend der Ansicht unsrer christlichen Mitbürger, daß konfessionelle heilpädagogische Institute gegründet werden. Ein aufopferndes Eintreten für diese Zwecke verschafft vielleicht, weil sie speziell jüdische sind, nicht sogleich eine Rangerhöhung oder auch eine Ordensauszeichnung, gibt dem betreffenden Wohltäter aber das freudige Bewußtsein, nicht bloß seinen Stammes- und Glaubensgenossen, sondern im umfassenden Sinne auch dein Staate und der Menschheit genützt zu haben. Auch für diese Bestrebungen gilt der Satz: Will man haben, daß alles besser werde, dann muß bei der Jugend angefangen werden. Zum Schluffe fügen wir eine Tabelle bei, die zeigt, in wie reichlichem Maße jüdische Waisenhäuser bedacht sind, für deren Zöglinge Anstaltserziehung nicht einmal so unbedingt notwendig ist wie für unsere „Waisen der Natur". Gibt doch die Stadt Berlin eine Unmenge von Waisenkindern aus pädagogischen Gründen hinaus aufs Land und in kleine Städte, nicht in Anstalten. Es wäre wünschenswert, wenn jede der von uns geforderten heilpädagogischen Anstalten, die schon bestehende Tattbstummeuanstalt in Weißensee eingeschloffen, über solche Kapitalien zu verfügen hätte wie folgende Waisenhäuser, die nach einer von Tannwald-Hamburg neulich veröffentlichten Tabelle in etwas anderer Reihenfolge zusammengestellt sind. Unsere Tabelle ordnet nämlich die Anstalten mit mehr als 100 000 Mark Vermögen nach der Größe ihrer Fonds. Bei den meisten Berliner Instituten ist es uns möglich gewesen, neben den Rubriken Zahl der Zöglinge, Vermögen, Etat, noch die im Vergleich zum Etat oft auffallend geringen jährlichen Verpflegungskosten anzugeben. Außerdem sind die entsprechenden Angaben über die Taubstummenanstalt in Weißensee, die in der Tannwaldschen Tabelle nicht ausgeführt wird, zum Vergleiche hinzugefügt nnd das Vakuum: Blindenanstalt, Jdiotenanstalt, angedeutet. Nr. Name der Anstalt Ort Zahl der Zöglinge i j Bei mögen i 0-tat; psle. : guug^- S kosten m. Mk. m. 1 Baruch Auerbach - sche Waisen- und Erziehungsanstalten E. V. Berlin 84 1 180 445 87 458 ' 18 981 2 ■ Waisenanstalt Jakobson - Schule Seesen 1 000 000 120 000 Israelitische Waisenanstalt für Knaben u. Mädchen in Bayern Fürth 54 989 599 54 524 4 Israelitische Waisenverpftegungsan statt E. V. Breslau 700 000 | 51000 1 1 i 5 Reichenheimsches Waisenhaus der jüd. Gemeinde E.B Berlin 75 097 162 50 409! 13 400 0 Israelitische Waisenanstalt Frankfurt a. M. 08 o o o 7? 00 800 , 7; Samsonschule Wolsenbüttel 000 000 107 708 8 Israel. Waisenhaus für Stadt und Provinz Königsberg E. V. Königsberg i. P. 28! bis; so 554 287 | 21 558 j 9 Wolfsohnsches Waisenhaus Inowra» zlaw io 500 000 10 Israelitisches Waisenhaus „Wilhelmspflege" E. V. Eßlingen | 22 455 575 15 117

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