Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-18 · Heft 3 (18.1.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228748--63220-3297094
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

71. Jahrgang. Nr. 3 Berlin, 13. Januar 1907. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße §6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. hrilpädsgogilchk Inttitutr. Berlin, 15. Januar, er Beschluß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, anläßlich der silbernen Hochzeit unseres Kaiserpaares eine neue Heilanstalt zu gründen, ist von vielen Seiten mit großer Freude begrüßt worden. Cs waren zwar gleich nach der Bekanntmachung des Beschlusses im vorigen Jahre erst 35 000 Mark sür den Baufonds vorhanden, hoffentlich aber ist inzwischen die Angelegenheit so weit gediehen, daß das Institut in nicht allzulanger Zeit eröffnet werden kann. Warten doch eine ganze Anzahl schwachsinnig unglücklichen Kinder oder vielmehr deren Eltern und Angehörige sehnsüchtig auf die Eröffnung. Das Bedürfnis für diese Anstalt ist um so dringender, als es sich in der Mehrzahl — Gott sesis geklagt — um armer Leute Kinder, also um doppelt Unglückliche handelt. Wenn wohlhabende Leute ein geistig minderwertiges Kind besitzen, dann wissen sie sich Rat. Sie halten ihm entweder einen Erzieher und Lehrer im Hause oder sie bringen es für Geld und gute Worte in einem der in genügender Anzahl vorhandenen Privatinstitute unter. Armen Leuten dagegen, die infolge des harten Kampfes ums Dasein sich kaum um ihre normalen Kinder kümmern können, ist ein solch unglückliches Kind eine ungeheure Last. Unter diesen Verhältnissen wird das betreffende Kind entweder dem Verbrechen in die Arme getrieben oder der schwache Funke menschlichen Geistes, der in dem Unglücklichen oft noch schlummert, wird durch körperliche und geistige Verwahrlosung gänzlich erstickt. Derartige Kinder, die sehr häufig noch zu brauchbaren Menschen erzogen werden könnten, verkommen ohne geeignete Erziehung vollständig. Die vorhandenen staatlichen, kommunalen und sonstigen privaten Wohltätigkeitsanstalten reichen bei weitem nicht aus. Gerade jüdische Kinder werden, schon weil die Charitas meist konfessionellen Charakter trägt, in vielen Fällen zurückgewiesen oder von den Eltern aus religiösen und rituellen Bedenken auch einer sogenannten simultanen Anstalt erst gar nicht zugeführt werden. Jüdische Institute aber, obwohl wir, wie statistisch feststeht, leider den höchsten Prozentsatz solcher und der noch zu erwähnenden anderen Kategorien von Unglücklichen aufweisen, gibt es noch nicht. Welchen religiösen und politischen Standpunkt man auch einnehmen mag, es ist nicht zu bezweifeln, daß wir auf dem Gebiete der Heilpädagogik unter den gegenwärtigen Verhältnissen auf konfessionelle Anstalten angewiesen sind. Denn wir dürfen gerade den von der Natur stiefmütterlich bedachten Kindern eine ausreichende sittlichreligiöse Erziehung und Unterweisung nicht vorenthalten. Wenn ein derartiges jüdisches Kind einmal ausnahmsweise in einem unter christlicher Leitung stehenden Institut untergebracht ist, so kann ihm aus verschiedenen Gründen nicht immer die Sorgfalt zuteil werden, auf die es Anspruch hat. Die Unglücklichen, die in ein solches Institut ausgenommen werden, sind nicht etwa alle vollständig blöde. Es finden sich bekanntlich in den Jdiotenanstalten die verschiedensten Stufen der geistigen Minderwertigkeit, von den Kindern, die infolge eines kleinen geistigen Defekts vielleicht noch in der einen oder anderen Hilfsschule für Schwachbefähigte stecken, bis herab zu deil total Blödsinnigen. So viel Kinder, so viel Verschiedenheit der Krankheitserscheinungen. Darum muß in solchen Instituten mehr als anderswo auch auf eine individuelle liebevolle Behandlung der Zöglinge Gewicht gelegt werden. Sollten wir da nicht ganz besonders die noch bildungsfähigen jüdischen Kinder, die ganz brauchbare Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft werden können, in ausnahmsweise gute Obhut bringen, damit sich ans ihnen nicht Verbrecher rekrutieren, die bei der üblichen Verallgemeinerung dann uns Juden und dem Judentunre an die Rockschöße gehängt werden. Denn es ist erwiesen, daß sich unter den Verbrechern, ob Juden oder Christen, trotz großer Raffiniertheit, mit der diese Leute bei ihrem lichtscheuen Treiben oft zu Werke gehen, eine große Anzahl von geistig Minderwertigen befindet, die meist infolge ungenügender Erziehung auf diese Bahn gelangten. Neben einer Jdiotenanstalt ist auch aus den angeführten GründeneineisraelitischeBlindenanstalt nötig. Schonmehrfach wurde darauf hingewiesen, daß ein solches Institut ins Leben gerufen werden müßte. Zuletzt geschah dies durch Dr. Ludwig Cohn, einen Mann, der selbst das Unglück hat, von Jugend auf blind zu sein, der deshalb ganz besonders geeignet scheint, die Gründung eines solchen Instituts zu fördern. Herr Dr. Cohn hat sogar am Schluffe seiner Ausführungen, in denen er die Notwendigkeit einer jüdischen Blindenanstalt zur Evidenz erwies, darauf hingewiesen, daß sich seine Bemühungen bereits zu bestimmten Plänen verdichtet haben. Wer auch die Initiative dazu ergreift oder schon ergriffen hat, den armen (wir betonen auch hier wiederum „armen") jüdischen Blinden ein Heim, und was noch segensreicher und wichtiger ist, den im schulpflichtigen Alter befindlichen eine Unterrichts- und Erziehungsstätte zu schaffen, der macht sich um Judentum und Menschheit hochverdient. Die einzige jüdisch-konfessionelle heilpädagogische Anstalt, die in Deutschland besteht und in der arme unglückliche Kinder unentgeltlich ausgenommen werden, ist die israelitische Taub stu m menan stalt in Weißensee bei Berlin. Ein jüdischer Lehrer war auf den Gedanken gekomnien, ein solches sür das Deutsche Reich und die deutschen Juden notwendiges Institut

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.