Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- Seite 24 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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pus trüber Leit. Ein»: historische Erzählung. XX. er Mönch war ganz mit dein jungen Mädchen beschäftigt, das eben ohnmächtig neben ihm zusammengesunken lvar, und hatte deswegen einen Mann nicht bemerkt, bereinige hundert Schritte vor ihnen am Fuß des Berges stand und mit außerordentlicher Aufmerksamkeit alle ihre Bewegungeir verfolgte. Juanita aber hatte ihn in demselben Augenblicke, als sie auf der Höhe der Straße angekvmmen lvaren, erblickt, der plötzliche Schreck über diese Erscheinung hatte ihre Ohnmacht verursacht. Enriquez lvar ebenso erschreckt als überrascht, als er den geheimnisvollen Fremden erblickte. Er sah sich prüfend nach allen Seiten um. Das stand fest, er war in Frankreich, und cs wäre eine Verletzung des Völkerrechts gewesen, hätten die Agenten der Jnguisition ihn hier festnehmen wollen; aber j diese Erwägung konnte die Jnguisition unmöglich anfhalten,! >venn es sich darum handelte, zwei Ketzer zum Scheiterhaufen zu führen. Der Mann war allein, aber konnte nicht irgendwo ein Hinterhalt verborgen sein? Ter Mann schien übrigens geahnt zu haben, was im Innern Enriquez' vorging; denn kaum hatte er sich den beiden genähert, als er mit zitternder Stimme sagte: „Fürchtet nichts, auch ich bin ein Unglücklicher .... Armes Kind," fügte er hinzu und wollte den zartgebauten jungen Mann, der sich ganz auf seinen älteren Begleiter gestützt hatte, näher ins Auge fassen. In diesem Augenblick wendete Juanita leicht das Haupt und ihr Blick fiel auf den Unbekannten. Sie sah ihn einen Augenblick an, wie angedonnert vor Erstaunen. War es ein Phantom, war es ein Phantasiegebilde ihrer Ohnmacht?! „Mein Vater!" rief sie und sank ohnmächtig zurück. Gleichzeitig siel ihr das Barett vom Haupte und ihr schwarzes Haar wallte in langen Flechten zu Boden. Ein vielfacher Freudenschrei antivortete dem ihrigen. „Juanita!" rief der Mönch, welcher glaubte, sie wolle sterben. „Meine Tochter!" rief der unglückliche Vater und schloß das ohnmächtige Kind in seine Arme. „Diego!" sagte der Mönch, außer sich vor Staunen. „Und Enriguez!" rief der Vater wieder, die Hand des Mönches ergreifend. Ehe man an die gegenseitige Erzählung der erlebten Abenteuer denken konnte, mußte Juanita ins Leben zurückgerufen werden. Diego erzählte nun nacheinander die Ereignisse, die sich mit ihm seit jener geheimnisvollen Nacht zugetragen hatten. Er war in jener Höhle geblieben und stets von denselben Handlangern der Gardunja bewacht worden, bis einmal des Nachts Mateo zu ihm gekommen sei. Er habe ihm erzählt, daß Juanita sich der Inquisition übergeben habe. Trotz seines Sträubens habe er ihn gezwungen, ihin zu folgen, und nach ungeheuren Anstrengungen und nach einem Marsch über unwegsame Bergrücken seien sie hierher in dieses Dorf gekommen. Mateo aber sei plötzlich verschnnrnden. „Und hier," schloß sein Bericht, „war meine einzige Beschäftigung, täglich an die Grenze zu gehen und auszuschanen nach meinen Lieben. Ich wußte nicht, wie die Rettung kommen sollte, aber ich ahnte ein fröhliches Wiedersehen." Nur ein Gedanke wirkte noch trübend auf das arme junge Mädchen ein; es war der Gedanke an Fernando, der in den Gefängnissen zurückgeblieben war und nun Folterqualen allein unterliegen mußte, während alle Seinigen gerettet waren.. . . Da kamen eines Tages zwei Flüchtlinge in Larran an, die aus dem Gefängnisse der Inquisition entkommen waren Ihre Flucht war so eilig gewesen, daß sie nicht wußten, was in Saragossa vorgegangen war. Nur soviel konnten sie sagen, es sei eines Tages ein großer Lärm ausgebrochen, Menschen seien eingedrungen, die die Schließer der Aljaferia gemißhandelt und die Kerkertüren geöffnet hätten. Es sei übrigens noch ein junger Mann, den sie nicht kannten, mit ihnen entflohen. Sie seien eine Zeitlang zusaminengereist, dann habe er sich von ihnen getrennt. Bei dieser Erzählung zweifelte Enriquez und Juanita ebenso tvie Diego nicht einen Augenblick; es handelte sich um Fernando, er war gerettet. Alle drei standen nun an derselben Stelle, in der sie Diego jüngst bemerkt hatten, und warteten. Aber vergeblich; schon waren einige Stunden langsam dahiic geschlichen, und noch zeigte sich nichts. Juanita war wieder der Verzweiflung! nahe. Da entschloß sich der Mönch kurz, er ging Fernando! entgegen. Er nahm den Weg, den er verfolgt hatte, um seinen Feinden zu entgehen, und kaum war er eine Stunde rüstig vorwärts geschritten, als er in nächster Nähe bemerkte, wie sich jemand hinter dem Gestrüpp zu verbergen bemühte. Der Mann schien sehr erschöpft. Der Mönch trat auf ihn zu. „>.o aimni!" sagte Enriquez zu ihm. „Lo ammi!" antwortete der junge Mann. In gleicher Feit erkannte er Enriquez' Züge. „Wo ist Juanita?" fragte er. „Sie ist gerettet," antwortete Enriquez, „und erwartet Dich." „Gelobt sei Gott! Und Du, mein Retter, seist gepriesen!" Vor allem erquickte Enriquez den jungen Mann durch die mitgenommenen Lebensmittel. Fernando hatte sich seit drei! Tagen von Wurzeln nähren müffen. Dann eilten sie vorwärts zu den Ihrigen. Da hörte man nur Freudengeschrei, sah nur Freudentränen. Hier waren vier glückliche Menschen. Keiner konnte sprechen; ihre Herzen lvaren zu voll. Fernando fand zuerst die Sprache lvieder. „So hat uns denn der Himmel alle erhalten, alle gerettet!" „Ja, gerettet," sagte der Mönch, „denn wir sind in Frankreich, und hier können uns unsere Feinde nicht erreichen." * * * Die Inquisition vermehrte den allgemeinen Schrecken durch ihre Blutgerichte. Neunundsechzig Unglückliche wurden teils lebendig, teils nachdem sie vom Henker erdrosselt lvaren, verbrannt. Unter den zum Feuertode Verurteilten befanden sich der Graf voll Ramira und sein Sohn Alonzo; an der Spitze des feierlichen Aufzuges wurden die lebensgroßen Bilder voll Antonio Perez, Enriquez, Fernando und Juanita einher getragen, die ebenso ins Feuer geworfen wurden wie die Gebeine des Wandersiilannes, der unter Diegos Namen beerdigt ivorden war. Während sich die Inquisition das unschädliche Vergnügeil machte, Enriquez, Fernando, Juanita und Diego in effigie zu verbrennen, begaben sich diese selber wohlbehalten zu ihren Brüdern in Bahonne. Diego hatte, wie wir wissen, schon lange einen Teil seines Berulögens nach Frankreich bringen lassen. Nach so vielen harten Schicksalsschlägen verlebten sie eildlich ruhige Tage in gegenseitiger Liebe, die durch die Erillnerung an die Opfer, die sie einst einander gebracht hattennur noch gefestigt und gekräftigt wurde. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.