Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- Seite 23 (sequence 11)
- Language
- German
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23 Ich kam nun in eine Schule dritten Ranges, aber angeborene Begabung und ein gutes Gedächtnis ließen mich bald den ersten Platz erreichen, und so wurde ich für reif erklärt, zu ganz niedrigem Preise in die allererste Schule eintreten zu dürfen. Ich lernte gern und leicht und besonders gern auswendig. Wenn ich einen hebräischen Text zwei bis dreimal gelesen hatte, konnte ich ihn fließend hersagen. Der Lehrer hatte das bald bemerkt, und meine Mutter wußte es natürlich, denn sie sagte: „Sein Vater war ein großer Gelehrter, also muß der Sohn auch klug und begabt sein." Dennoch hielt sie streng auf Fleiß, und wenn ich zu Bett ging, mußte ich meine Bücher, oft diele hebräische Folianten, unter das Kissen legen, „denn", sagte meine Mutter, „so wird die Gelehrsamkeit durch das Kissen hindurch in deinen Kopf ziehen", und das glaubte sie buchstäblich. Ja, meine Mutter war eine merkwürdige Frau. Blinder Aberglaube und seltener Verstand waren in ihr vereinigt. Sie besaß außerordentliche Energie und war so recht eine Verkörperung der Jüdin aus dem Mittelalter, voll alter Lehren und Glaubenssätze, an denen sie hartnäckig festhielt, und dann wieder fügte sie sich verblüffend leicht in die Umstände der Gegenwart. Wenn in der Nacht ein Gewitter war, machte sie schnell Licht, schlug die Bibel bei der Schöpfungsgeschichte auf und betete: „Schau, o Gott, Du hast die Welt erschaffen, zerstöre doch nicht das Werk Deiner Hände!" Ihr Gedächtnis war fabelhaft. Sie erinnerte sich an die kleinsten Begebenheiten ans ihrer Kindheit und erzählte mir oft, was ihr ihre Mutter von den Franzosen berichtet hatte, nach der Schlacht bei Austerlitz. Wie sie die Gegend von Lendenberg in hellen Haufen erfüllten, wie die Grenadiere mit Gewalt in die Häuser eindrangen und schrieen: „Cafe! Cafe, sacre nom de Dieu!“ Ich glaube, ich habe mein Gedächtnis von der Mutter geerbt. Bis zu meinem achten Jahre bestand meine Schnlwisseuschaft besonders aus dem Pentateuch mit Kommentaren, den Propheten und anderen Geschichten aus der Bibel, daneben aber konnte ich ungarisch und deutsch lesen und schreiben. In den fünf Büchern Mosis fühlte ich mich ganz zu Hause, und auch in den Propheten war ich heimisch genug, um lange Stellen aus Jesaia, Jeremia, Tre-assar u. a. herznsagen. Das gab mir ein gewisses Uebergewicht über meine Schnlgeführten, und der Lehrer produzierte mich gern als Gegenstand seiner besonderen Lehrbegabung. Sobald ein Vater in die Schule kam, um seinen hoffnungsvollen Sprößling anznmelden, untrbc ich aufgerufen, um durch meine Antworten das Talent und den Eifer des Lehrers zu dokumentieren. Solche Lobeserhebungen in früher Jugend haben ihre Gefahren. Ich wurde eitel und war auf dem besten Wege, gehörig eingebildet zu werden, wenn meine Mutter solche Anwandlung nicht oft durch ein wohlverdientes kaltes Sturzbad von Ermahnungen gedämpft hätte. „Du bist noch nichts, Du kannst noch nichts'^, sagte sie, „und ich möchte doch, daß der Sohn meines ersten Mannes der Erste von Allen würde." Wenn meine Mutter sagte „der Erste", so meinte sie nicht nur die jüdischen Schulen in Dnna - Szerdahely. Denn ich sollte ja nicht nur in jüdischer, sondern auch in christlicher Gelehrsamkeit glänzen. So gottesfürchtig und strenggläubig sie auch war, so schien sie doch bald erfaßt zu haben, daß das Studium des Talmud und der Thora wohl die Pforten des Paradieses öffnen mögen, aber uns im weltliche» Fortkommen nur wenig helfen. Kurz, meine Mutter hatte beschlossen, daß ich mich nicht ausschließlich dem jüdischen Studium zuwenden, sondern eine weltliche Karriere einschlagen sollte; der Sohn des -Rabbi und Talmudisten sollte also studieren! Wie kühn ein solcher Plan damals war, kann nur der ermessen, der das Leben, die Denkweise und den entsetzlichen Fanatismus der Juden jener Zeit kennt. In meiner Jugend hatte die jüdische Gemeinde von Dnua- Szerdahely den Ruf, der frömmsten eine zu sein, die strenggläubigste in ganz Ungarn, noch nicht von der leisesten Neuerung angekränkelt. Kaum in Rußland oder Polen kam ihr eine der dortigen Chassidimgemeinden an frommem Eifergleich. Noch ein ganzes, echtes Stück Mittelälter mit all seinen wilden Einbildungen und Unmöglichkeiten lebte da, dessen dunkler Schatten mich Jahre danach wieder verfolgte, als ich bei meinem Aufenthalt bei den Moslemin von Bokhara auf ähnlichen Fanatismus stieß. In diesem Treibhaus von religiöser Begeisterung, in diesem furchtbaren Wirrsal ritualistischen Trübsals und traurigen Aberglaubens verlebte ich meine Kindheit. Sommer und Winter, früh und spät, eilte ich beim ersten Schlag des hölzernen Hammers gegen unsere Tür — denn das ist die „Glocke", die die Juden zum Gottesdienst ruft — in die Synagoge, wo meine junge Stimme sich siegreich über alle anderen erhob und mich bald zu einem den Frommen besonders wohlgefälligen Knaben stempelte. Damals wäre ich eher Hungers gestorben, als daß ich einen Bissen berührt hätte, der nicht nach den Regeln der Speisegesetze gekocht war, oder „Fleischiges" nach „Milchigem" genossen hätte, ohne die vorgeschriebenen Stunden dazwischen zu warten, oder gar mich durch Berührung des verworfensten aller Geschöpfe, des Schweins, beschmutzt hätte. Damit ich nur ja nie den Kopf entblöße, zog ich mein Käppchen tief über beide Ohren, und als einst ein paar boshafte Christenjnngen mir das Mützchen fortrissen, da zitterte ich wie Espenlaub in der sichern Erwartung, nun allen Strafen des Gehennoms ausgeliefert zu werden. Damit ich das Wort „Kreuz" nur ja nicht auszusprechen brauchte, sagte ich stets „Schweitzer" statt Kreuzer. Kam ich bei einem Kruzifir vorbei, so wendete ich den Kopf weg. Wenn ich zufällig einmal Sonnabends eine Silber- oder Kupfermünze fand, so schob ich sie mit dem Fuße fort (mit der Hand berühren durfte ich sie ja nicht) und bedeckte sie mit Staub und Erde, daß ich sie den nächsten Tag wiedersiuden konnte. Eine Religion, die ihren Bekenner» die geringfügigsten Kleinigkeiten vorschreibt, die ihnen sagt, wie sie gehen und stehen, essen und trinken, schlafen und sich waschen sollen, die ihnen den Verkehr mit Frauen und alle Aeußerlichkeiten des Lebens genau regelt, eine solche Religion mnß unbedingt ben tiefsten Eindruck auf das jugendliche Gemüt machen, sie nimmt es ganz gefangen, sie hält Sinne und Gedanken in ihrem Bann. Gerade deshalb aber ist es nicht so überraschend, daß der junge, so erzogene Jude in späteren Jahren selbständig zu denken beginnt und seine Fesseln abwirft. Solche Umwandlung hängt natürlich in erster Linie von den allgemeinen Anlagen des einzelnen ab. Solange ich nur die jüdische Schule besuchte und jeder Verkehr mit Andersgläubigen sich von selbst verbot, war auch nicht der leiseste Zweifel in mir wach geworden. Merkwürdigerweise war es meine ahnungslose Mutter, die dazu den ersten Anstoß gab, denn, wie ich schon sagte, sie wollte mich ja für einen weltlichen Beruf erziehen. Ohne sich um den strengen Tadel unserer Glaubensgenossen zu kümmern, nahm sie mich aus der jüdischen Schule und schickte mich in die von der protestantischen Gemeinde gehaltene Elementarschule. Hier lernte ich nun aus christlichen Büchern, wohnte der Katechismusstnnde bei und erhielt sogar Kenntnisse primitivster Art in Geographie und Naturgeschichte.