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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-11 · Heft 2 (11.1.1907) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
Seite 22 (sequence 10)
Language
German
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22 bei- Friede floh, und die Kinder hatten viel vor der immer zunehmenden Niedergeschlagenheit der Mutter zu leiden. Die Schenke mußte aufgegeben werden, und wir versuchten cs mit einem neuen Erwerbszweig — den Verkauf von Blutegeln. Das war eine Art Familiengewerbe der Fleischmanns, oder vielmehr ein elendes Hausiergeschäst. Die Gebrüder Fleischmann kauften den Bauern die Blutegel ab, die im Ueberfluß in den umliegenden Sümpfen gefunden wurden und verkauften sie dann an die Apotheker Nordungarns. Noch sehr jung, wurde ich schon in die Geschäftsgeheimnisse eingeweiht und hatte unter anderen Verrichtungen die Blutegel zweimal in 24 Stunden zu baden! Wie schwer überwand ich deir Ekel, den diese Geschöpfe mir einflößten. Manchmal geschah es auch, daß sie nachts aus ihrem Sack herauskameu und dann in dem Stübchen, das uns allen zum Schlafzimmer diente, herumkrochen. Da wir Kinder auf der Erde schlafen mußten, so wachte bald der eine, bald der andere auf, unsanft aus dem Schlaf gerissen durch den stechenden Schmerz, den die saugenden Unholde verursachten. Nun wurde Licht gemacht, die Jagd begann, bis alle wieder glücklich im Sack waren. Das Wohl und Wehe der Familie, die unterdessen ans sechs angewachsen war, hing ganz von der Nachfrage nach Blutegeln und deren Preis ab. Als die vorschreitende inedi° zinische Wissenschaft ihren Gebrauch einschränkte, wuchs die Armut in unferm Hause. Die rosigen Tage der Kindheit waren für mich Tage des Leidens, der Entbehrung und des Hungers. Besonders wenn mein Stiefvater auf einer seiner Geschüftswanderungen begriffen war und das zurückgelassene Geld zu Ende ging, lebten wir von trockenem Brot, Kartoffeln und Hülsenfrüchten. Kaffee und Milch waren Delikatessen und Fleisch gab es nur am Sonnabend oder hohen Festtagen. Manchmal hatten wir aber auch nicht einmal Brot, und lebhaft erinnere ich mich, auf welch seltsame Weise wir es uns zu verschaffen suchten. Unser Häuschen, ein armseliger, verfallener Bau, stand am äußersten Ende der Stadt an einem Weidenbusch und ganz in der Nähe des unbebauten Stück Landes, auf dem die Zigeuner ihre schmutzigen Zelte aufzuschlagen pflegten. So kam es, daß ich sehr früh ansing, mich für diese braunen Kinder des Ostens zu interessieren. Manche waren ganz nackt, andere in Lumpen gehüllt, aber doch hatten sie große silberne Knöpfe an den elenden Fetzen. Sie gehörten zu den wilden walachischen Zigeunern und lebten vom Stehlen, Weissagen und Kesselflicken. Der Weg nach den Dörfern auf der Insel Schütt zwischen Dnna-Szerdahely und Komorn führte bei uns vorbei, und am Freitag, wenn alle Bettler im Umkreis auf den Märkten betteln durften, kamen Elende und Bresthaste jeden Alters und Geschlechts an unserem Hause vorbei. Noch heute schüttelt mich der Ekel, wenn ich an diese Karawane von Aussätzigen, Gelähmten, falschen und echten Krüppeln denke, mit denen ich an den Freitagen um Brot rind andere Nahrungsmittel, die sie erbettelt hatten, gegen eine Flasche Branntwein feilschen mußte. Das war in der Tat ein bitteres Stück Brot, das schmutzige, kranke Hände nur unwillig hcrgaben! Doch schützte es uns vor dem entsetzlichen Hungergespenst, mit dem ich noch so oft in meinem Leben kämpfen sollte. Trotz alledem wuchs ich kräftig und gesund auf, nur in meinem vierten Jahre wurde ich krank, was mir daher erinnerlich ist, daß meine Mutter mich angeblich für ein paar Kreuzer einer andern Frau „verkaufte", in der Hoffnung, Gott würde der neuen, sündenfreien „Mutter" wegen das Uebel von meinem Haupte abwenden. Genug, seit der Zeit habe ich keinen Tag der Krankheit mehr gekannt. Von morgens bis abends lief ich barfuß herum, schlief meistens auf dem Hofe statt in der dumpfigen Schlafstube, und so fest und süß war mein Schlaf, daß nicht einmal ein Gewitter mit strömendem Regen mich weckte. Meine rosigen Wange», schwarzen Augen und lockiges Haar gefielen den anderen Frauen, und oft hörte ich die Bauernweiber sagen: „Wie schade, daß der kleine Jude ein Krüppel ist!" Mir machte mein Gebrechen übrigens keine Sorgen; lustig hopste ich mit meiner Krücke umher, nur wenn ich nicht mit den andern Jungen Wettlaufen konnte, kam ich wohl weinend zur Mutter. Sie tröstete mich dann mit den Worten: „Mein Kind, cs wird Dir einst viel besser gehen, als all den anderen, nur Geduld und Ausdauer mußt Du haben!" Und doch litt meine Mutter sehr unter meinem Gebrechen. Ihre Eitelkeit war tief verletzt, und ihr einziges Streben war nur. mich von den» Uebel zu befreien. Alles Mögliche wurde angewendet, zu Besprechungen und Zaubermitteln gegriffen. Aber das Schlimmste stand mir noch von Quacksalbern aller Art bevor. Noch heute ist es mir ein Rätsel, wie meine Mutter, diese kluge, klarsehende Frau, so tief in den Netzen des Aberglaubens verfangen war. Einmal hörte sie wieder von einem Wunderdoktor, einem unwissenden Bauern aus dem Dorfe Grvb, in der Gegend von Neutra. Wir machten uns also auf den Weg, und als erhörte, daß es in Duna-Szerdahely guten Wein gab, kam er gleich mit, die Kur auszuführen. Eine Kur, der man kein Tier unterworfen hätte! Nach fünf Tagen unsäglicher Qualen fand die „Operation" statt. Meine Mutter wurde aus dem Hause geschickt, ich mußte mich auf den Boden ausstrecken, zwei starke Zigeuner hielten mich fest, und dann — warf sich der Bauer mit aller Wucht auf mein krankes Knie. Ein entsetzliches Knirschen — ich wußte nichts mehr! Als ich zu mir kam, kniete meine Mutter weinend neben wir. Sie gab mir etwas zu trinken, das Bein wurde bandagiert, die Kur war vollendet! Als ich endlich wieder gehen durfte, da war alles wie früher; ich hinkte, und hinke bis auf diesen Tag. Abgesehen von diesem Gebrechen, aber war ich gesund und kräftig, trotz allen Hungerns und Frierens. Und ich glaube sogar, daß nur diese harten Entbehrungen, das ganze Elend meiner Kinderzeit, mich befähigt hat, das Ziel zu erreichen, das ich mir später gesetzt habe. Soviel also von meiner körperlichen Erziehung. Was meine geistige Ausbildung betrifft, so war sie natürlich im Rahmen der Erfordernisse gehalten, die für einen orthodoxen Inden unerläßlich waren. Wie der Mohammedaner unter Gelehrsamkeit nur religiöses Wissen versteht, so betrachtete der rechtgläubige Jude jener Tage die Kenntnis der Heiligen Schrift nicht als das einzig Wesentliche, und das Talmudstudium war ihm höchste Bildung. Die jungen Burschen lernten zu allererst Hebräisch, und waren sie mit den fremden Lettern vertraut, wurde nach einer sehr primitiven Methode übersetzt. Dann, als dritte Stufe, kam Grammatik und damit das wirkliche Studium an die Reihe. Auch die Schulen wurden meistens auf diese primitive Weise geführt. Jeder Jude mit genügender Kenntnis der Heiligen Schrift durste eine solche Schule eröffnen und der Erfolg beruhte auf der Zahl der begabten Schüler und der Billigkeit des Schulgeldes. Das pädagogische Talent des Lehrers siel auch wohl in die Wagschale,- d. h. solche Schulen, in denen geschwollene Wangen und Striemen nicht so zur Tagesordnung gehörten, wurden von zärtlichen Müttern bel vorzngt.

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