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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-11 · Heft 2 (11.1.1907) · p. Seite 21

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
Seite 21 (sequence 9)
Language
German
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21 falls erwähnt. Bekanntlich hat er nach der Legende im Koran sein Gesicht wieder bekommen, nachdem er vom Weinen über den Verlust seines Sohnes Joseph blind geworden war — eine Ueberlieferung, die auch in der sonstigen Poesie der Araber mit mehr oder weniger interessanten und reizvollen Zutaten ausgeschmückt ist. Auch Esra, der bekanntlich die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft befreite und sie nach Jerusalem führte, wird wiederholt sehr sympathisch erwähnt. Die Märchenerzähler nennen ihn Esdras und beschreiben den Esel, auf dem er bei seinem Befreiungszuge ritt. Im übrigen hat ja schon vor Jahrzehnten Abraham Geiger in seiner berühmten Preisschrift: „Was hat Mohammed aus dem Judentum ausgenommen?" die biblischen bezw. jüdischen Bestandteile im Koran in unübertrefflicher Weise nachgewiesen. Harun al Raschid wird als Freund und Gönner der Juden erwähnt, in dessen Diensten in seiner Hauptstadt Bagdad ein berühmter jüdischer Lautenspieler Namens Isaak lebte, von dessen Kunst der Kalif sehr entzückt war, und dem er so manche Beweise seiner besonderen Gunst gab. Auch Gustav Weil, der bekannte Arabist und einst Professor der morgenlündischen Sprachen an der Universität Heidelberg, der „Tausend und eine Nacht" zum erstenmal aus dem Urtext vollständig und treu übersetzte, hat in seiner 1805 geschriebenen Einleitung zu den arabischen Erzählungen einiges vvrgebracht, was inan als eine allerdings mir sehr geringfügige Ergänzung zu den Geigerschen Ausführungen betrachten kann. Es mag hier nur die nachstehende Stelle der Weilschen Einleitung wiedergegeben werden: In der Erzählung des Kaufmanns mit dem Geiste führt der Geist den Fischer an den See, in den, er weiße, blaue, rote und gelbe Fische sängt: Die Farbe der Juden, Christen, Feueranbeter und Mohammedaner, welche, wie in der Folge erzählt wird, die Bewohner der Stadt bildeten und in Fische verwandelt worden sind. An die Geschichte vom Fischer reiht sich die vom Lastträger in Bagdad und die der drei Kalender, in welcher Harun al Raschid eine Rolle spielt. In der Geschichte des Buckligen ruft der Jude: „O, Eleazar, v Moses, o Aron, o Josua,- Sohn Runs!" Namen, die wohl einem Moslim, aber schwerlich einem alten Perser oder Indier bekannt waren." Daß gerade Weil derjenige war, der sich nicht damit begnügte, „Tausend und eine Nacht" nach der ersten berühmt gewordenen französischen Uebersetzung Gallands ins Deutsche zu übertragen, sondern die Uebersetzung nach der ursprünglichen arabischen Handschrift verfertigte und durch seine Verdeutschung eine der meisterhaftesten Uebersetzungen der Weltliteratur lieferte, ist auch ein Beweis dasür, wie sehr sich die Orientalisten des jüdischen Stammes für ein Werk interessierten, das nicht allein die Phantasie berückende Zaubermürchen der buntesten Art enthält, sondern auch durch die in ihrer Art einzig dastehende Volkspoesie, die das ganze durchweht, auf Herz und Gemüt nicht allein des Laien, sondern auch des Fachgelehrten j des Denkers und Forschers einen faszinierenden Reiz ansübt. Diese meine flüchtigen Bemerkungen und Ausführungen wollen in keiner Weise den Arabisten und Hebraisten vorgreifen, vielmehr sollen sie nur anregend wirken und gerade die Fachleute veranlassen, das, was hier bloß angedeutet wird, gründlicher auszuführen und wissenschaftlich nachzuweisen, da bisher eine derartige, auf den Quellen beruhende Darstellung über die jüdischen Elemente in „Tausend und eine Nacht" uns gefehlt hat. Mein Lebensdampk. Von Professor Herinaiin Aüinbcry. II. ^^^er schreckliche Schlag das Elend und das Gefühl der Verlassenheit in der Fremde erfüllten die junge energische Frau mit ungeahnter Tatkraft. Sie nahm eine junge Person aus Lundenburg ins Haus, um nach den Kindern zu sehen, während sie sich dem Geschäfte widmete. Unermüdlich arbeitete sie und hatte schon im zlveiten Jahre ihrer Witweuschaft die Genugtuung, ihren Keller mit gutem Wein gefüllt und ihre Scheune voll Korn zu sehen; ihre Schenke aber war eine der besuchtesten des ganzen Städtchens. Obgleich sie so gut vorwärts kam, hielt sie doch die Stütze eines Mannes für nötig, ihr Geschäft zu vergrößern, und so heiratete sie denn zum zweitenmal. Ihr Mann war so jung wie sie, aus Duna-Szerdahely, und er sollte nun uns Waisen, meiner Schwester und mir, ein Vater und für meine Mutter der Beschützer und Gefährte sein! Ob meine Mutter diesen Schritt unter dem Vorwand tat, den alle jungen Witwen anführen, oder ob sie wirklich Beistand brauchte, kann und will ich nicht untersuchen. Eins aber ist sicher: sie verbesserte ihre Lage durchaus nicht, denn Herr Fleischmann, wie ihr zweiter Gatte hieß, war wohl gutmütig n»id verträglich, aber gewiß tveder fleißig noch unternehmend. Er half wohl beim Ansgeben, aber nicht beim Verdienen. Als meine Mutter ihm nach Verlauf des ersten Jahres darüber zur Rede stellte, antwortete er ihr, daß sie in seine Heimat ziehen sollten; dort, inmitten seiner Freunde und Verwandten, könnte er mehr tun, seinen Pflichten als Ernährer der Familie nachzukommen. llnd so kam es denn, daß Mutter und wir uns in Duna- Szerdahely niederließen, von welchem Orte ich mein geistiges Erwachen datiere, denn diese Stadt, und nicht die, in der ich geboren wurde, sehe ich als meine Vaterstadt an. Damals muß ich drei Jahre alt gewesen sein, und die Erinnerungen an inein erstes Heim sind sehr unbestimnrt. Aber an einen Auftritt erinnere ich mich deutlich. Ich spielte unter dem großen, runden Schenktisch, während an den Holzknöpfchen, die den Tisch umgaben, kleine Brötchen angebunden waren. Die aß ich nacheinander auf, denn schon damals war ich meines großen Appetits wegen bekannt. Meine gastrischen Heldentaten wurden durch die Ankunft mehrerer Gäste unterbrochen, die neckisch den Schaum von ihren Biergläsern auf meinen Kopf herabbliesen. Das erschreckte mich so, daß ich es bis auf den heutigen Tag nicht vergessen habe. Auch andere Begebenheiten meiner Kindheit haben mir schwache Eindrücke zurückgelassen. So erinnere ich mich ganz deutlich an den Morgen, an dem ich mit Fußschmerzen erwachte und anfing zu hinken, ein Leiden, das nie behoben werden konnte, wie der Verlauf dieser Geschichte zeigen wird. Ich erinnere mich auch dunkel an unseren Umzug, der auf einem großen Wagen vor sich ging, habe aber keine deutlichen Erinnerungen an die ersten zwei oder drei Jahre in Duna- Szerdahely. Wo andere Kinder Rosen auf ihrem Pfad finden, wo der blaue Himmel goldener Jugend auf sie herniederlacht, da fand ich nichts als Dornen, Entbehrung und Elend. Es stellte sich bald heraus, daß unser Stiefvater, wie schon erwähnt, wohl gutmütig war, doch keine von den Eigenschaften besaß, die jeder im Kampfe um das tägliche Brot braucht. Das kleine Kapital, das meine Mutter von St. Georghen mitgebracht hatte, schwand bald dahin. Armut kam ins Hans,

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