Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Wer sich zum Träger der kulturfeindlichen Begierden des Antisemitismus macht, wird in uns unerschrockene, ausdauernde Gegner finden, ohne Rücksicht darauf, welcher Partei er sich zuzählt. Nicht die Parteizugehörigkeit, sondern die Persönlichkeit eines Kandidaten regelt unser Verhalten ihm gegenüber. Vor allem dürfen wir den wechselnden Wahlparolen der politischen Parteien keinen Einfluß auf unsere Stellungnahme gestatten. Niemals war die Gefahr größer als gegenwärtig, daß unter dein Deckmantel tönender Phrasen verkappte Antisemiten um unsere Stimmen werben. Wenn erfahrungsgemäß die Achtung vor unserm Anspruch auf staatsbürgerliche Gleichberechtigung im Gewissen der Zeutrumsmitglieder, von Ausnahmen abgesehen, tiefer wurzelt als in oem der meisten Konservativen, wenn uns selbst ans den Reihen der Nationalliberalen ein Kandidat begegnen sollte, dem antisemitische Regungen nicht fremd sind, so kann es für uns nicht zweifelhaft sein, wem unsere Unterstützung, wem unser Kamps zu selten hat. Wir werden uns den Blick nicht trüben lassen. Nicht das Parteigewand, sondern Herz und Nieren des Kandidaten werden nur prüfen. Nicht nur die Selbstachtung, sondern in gleichem Maße des Vaterlandes Wohl gebieten uns, den uns aufgedrungenen Kulturkampf fortzusetzen, dessen Ziel nichts anderes ist, als Gleiches Recht für alle. Berlin, den 1. Januar 1907. Der Vorstand des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Dr. M. Horwitz, Rechtsanwalt beim Kammergericht. Dr. E. Fuchs, Justizrat, Rechtsanwalt beim Kammergericht. Leopold Dorn, Justizrat, Rechtsanwalt am Landgericht I, Notar. Professor Dr. I. Schneider, Oberlehrer am Falk-Realgymnasium. Dr. I. Ginsberg, Fabrikbesitzer. S. Weile, Maurermeister. M. Abel, Rechtsanwalt, Essen. Osear Berlin, Kaufmann. Professor Dr. phil. S. Blaschke, Oberlehrer am Sophien-Realgymnasium. Dr. med. I. Blumenthal, Geh. Sanitätsrat. Dr. I. Brodnitz, Rechtsanwalt am Landgericht I. Dr. Heinr. Frankenburger, Justizrat, Rechtsanwalt, München. Dr. Herzfeld, Rechtsanwalt, Essen. Herm. Jonas, Kaufmann, Köln a. Rh. Geh. Hofrat G. Josephthal, Nürnberg. L. Kalisch, Stadtraü Kirschner, Rechtsanwalt, Posen. Eugen Landau, Generalkonsul, Rittmeister der Landwehr. Dr. I. Lehmann, Schriftsteller, Oberleutnant d. R. Dr. med. Jos. Lewy, Arzt. Dr. Jul. Lippmann, Rechtsanwalt. Hamburg. Dr. M. Loevinson, Justizrat, Rechtsanwalt beim Kammergericht. A. Loewenberg, Bankier, Mitglied der Handelskammer. Dr. med. Ern. Mendel, Geh. Medizinalrat, Professor arr der Universität. M. Moszkowski, Mitglied der Kgl. Akademie der Künste. A. Ofner, Justizrat, Rechtsanwalt, München. Dr. med. Pariser, Homburg. Dr. phil. A. Pinner, Geh. Negierungsrat, Professor an der Universität und an der tierärztlichen Hochschule, Mitglied des Kaiserlichen Patentamtes und der technischen Deputation im Handetsrninisterimn. Stadtrat F. Pringsheim, Breslau. Dr. med. Herm. Senator, Geheimer Medizinalrat, Professor an der Universität, dirigierender Arzt an der Kgl. Charite, Direktor der dritten medizinischen Universitätsklinik. Hugo Sonnenfeld, Rechtsanwalt beim Landgericht I, Stadtverordneter. D. F. Waldstein, Rechtsanwalt, Altona. Dr. med. O. Wiesenthat, Sanitätsrat. Dr. phil. C. Werner, Rabbiner, München. S. Wreschner, Rechtsanwalt. Wilhelm Wolff, Fabrikbesitzer, Hamburg. Unter Hinweis auf den vorstehenden Wahlaufruf fordern wir unsere Mitglieder eindringlich auf, alle Kräfte aufs ällßerste anzuspannen, um der Partei, die aus dem Judenhaß aufgebaut ist, eine nachhaltige Schlappe zu bereiten. Dieser Kampf bedeutet für uns nicht nur die Vertretung politischer Interessen; er ist ein Kampf um unsere Ehre, um unsere Menschenrechte! Glaubensgenossen! Dem Zentralverein deutscher Staatsbürger indischen Glaubens liegt Fraktionspolitik fern. Aber die Schmach, welche der Antisemitismus für unser Vaterland bedeutet, muß getilgt 'erden. Zur Lösung dieser Aufgabe rufen wir Euch auf. Ihr habt unser ingen und Kämpfen bisher vertrauensvoll unterstützt. So werden wir gewiß auch keine Enttäuschung erfahren, wenn wir in der Stunde der Gefahr vor Euch treten mit der Aufforderung: Gewährt uns die Geldmittel, die für eine erfolgreiche Führung des Wahlkampfes unentbehrlich sind. Ihr habt ungezählte Summen freudigen Herzens für Wohltätigkeitszwecke hingegeben. Euer Opfersinn wird sich auch bei der Verteidigung Eurer Ehre. Eurer staatsbürgerlichen Gleichberechtigung bewähren. Nieder mit dem Antisemitismus in jedem Gewände! Mit Zuversicht treten wir in den Wahlkampf ein und gewärtigen reiche Zuwendungen an die Adresse unseres Schatzmeisters, Herrn Dr. I. Ginsberg. Berlin IN., Oranienburgerstraße 5*. Eile tut not! * Der Vorstand. Das neue Jahr hat uns eine neue Spezialität gebracht, nämlich einen antisemitischen Botschafter. Wie jetzt feststeht, ist Herr Jules Kauibon, gegenwärtig der Botschafter Frankreichs in Madrid, zum französischen Botschafter in Berlin ernannt worden. Herr Cambon war vorher Generalgouverneur von Algerien. Er ist der Protektor des algerischen Antisemitismus gewesen, der mit wunderbarer Sehergabe die russischen „Pogroms" vorahnte und voransnahm. Herr Cambon hat mit liebevoller Pflege den bekannten, übrigens seit Jahren verschollenen Max Rogis großgezogen und ihn wie seine Anhänger mit den Wohltaten amtlicher Gunst überhäuft. Unter Herrn Cambons Statthalterschaft hatten die Knüppelbanden von Max R^gis eine herrliche Zeit. Da konnten sie die jüdischen Läden in Algier plündern und verwüsten, alte Judenweiber aus den Straßenbahnwagen herausreißen und auf dem Pflaster mit Fußtritten töten, Judenkinder mit Messern abstechen, alles aus eigener Erfindung, mehrere Jahre, ehe Kischinew und Bialystok ihnen als Vorbild dienen konnten. Herr Cambon ist übrigens nicht nur einem Herzenszuge gefolgt, als er die Freunde Max Mgis' mit lächelnder Nachsicht und kaiun verheimlichter Aufmunterung schalten ließ; er nahm dabei auch ein politisches Interesse wahr. Die Antisemiten waren nämlich die Partei, die den Generalgouverneuren immer das Leben sauer zu machen pflegte, gegen Herrn Cambon aber waren sie zum Dank für die Förderung, die er ihnen angedeihen ließ, sanft wie die Lämmer. Sobald Herr Cambon Algier verließ, ging es dort auch mit dem Antisemitismus abwärts, und jetzt hat er dort ganz ausgespielt. In Paris bekam man damals eine hohe Meinung von der Gewandtheit des Mannes, der sich mit der widerhaarigsten Partei Algeriens sogut zu stellen wußte, und man merkte ihn für heikle Aufgaben vor, die einen an keiner krankhaften Sentimentalität leidenden Mann erfordern. In seiner Washingtoner Zeit war sein vertrautester Freund der russische Botschafter Graf Cassini, der hier nicht weiter gekennzeichnet zu werden braucht. Herr Cambon und Graf Cassini — zwei Bruderseelen, die sich gefunden hatten. In Madrid war Cambon übrigens unschädlich, und auch in Berlin kann er nichts für den Antisemitismus leisten: Er kann ihn höchstens unpopulär machen. Unsere trüben Ahnungen, Rußland betreffend, haben sich erfüllt: Aus unbedingt zuverlässiger Quelle erfährt die „Russische Korrespondenz", daß der Ministerrat dem Kaiser den Entwurf eines Manifestes vorlegte über sofortige Abschaffung der die Juden betreffenden Beschränkungen vom Jahre 1882, und insbesondere sollten Landpachtungen im Ansiedlnngsrayon gestattet werden. Alle diese Vorschläge hat der Kaiser verworfen.