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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-11 · Heft 2 (11.1.1907) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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ein „herber Nambam", war es auch init der Agada, mit dein Midrasch, von dem nur der „wunderliche", der „Midrasch pelia". einen Reiz ausübte. Noch in den letzten Jahrzehnten war es üblich, das; in den Talmudschulen beim eifrigen Studium des Talmuds die agadischen Stellen geringschätzig überschlagen wurden. Solche „Kleinigkeiten" böten dem echten „Laindan" Nichts, das sei höchstens mir für den Laien. Merkwürdig ist es, das; sich Salomon Buber gerade dieses vernachlässigten Teiles unseres Schrifttums annahm. Er stellte sich zur Aufgabe, die nur handschriftlich vorhandenen agadischen Sammlungen, die man sogar für verloren gehalten hatte, sorgfältig abschreiben und mit anderen Handschriften vergleichen zu lassen, nach ihren Quellen zu forschen, sie zu erläutern und mit einem aufhellenden Kommentar herauszugeben. Seine Erstlingsarbeit auf diesem Gebiete war die „Pesikta di Rav Kahana", deren Verlust Rapoport und Zunz bereits beklagt hatten. Sie befand sich indessen handschriftlich im Besitz eines italienischen Privatsammlers und Luzzatto zog sie an das Tageslicht. Buber verglich die Handschrift mit anderen handschriftlichen Exemplaren, die man später in einigen öffentlichen Bibliotheken fand. Die Veröffentlichung dieser Homilienfammlung wurde von allen Freunden der Wissenschaft des Judentums und des hebräischen Schrifttums sehr beifällig begrüßt. Das ermutigte Buber, im Laufe der folgenden Jahrzehnte eine ganze Reihe ähnlicher Sammlungen herauszugeben, teils solche, die nur handschriftlich vorhanden waren, teils aber auch solche, die früher verstümmelt und im Druck vernachlässigt das Licht der Welt erblickt hatten. Es ist hier nicht der Ort, die große Zahl der durch Buber veröffentlichten agadischen Sannnlungen namentlich anzuführen, geschweige denn, über ihren Wert und ihre Bedeutung ausführlich zu sprechen. Wir müssen nur besonders betonen, daß, soviel Beifall Salomon Buber auch für diese Arbeit allerseits zuteil wurde, der Wert dieser Publikationei; noch immer nicht genügend anerkannt ist. Es ist nicht einmal der Versuch gemacht worden, die Homilien nach ihrem sprachlichen Gut zu erforschen. Dies wäre äußerst wichtig, nicht nur für das Verständnis der Agada selbst und des nachbiblischen Schrifttums, ffvndern auch von unbegrenztem Nutzen für die Bibelexegese. Man muß es lebhaft bedauern, daß von berufenen Gelehrten dieser Forschungszng durch die palästinensische Agada bisher nicht unternommen wurde. Es käme dabei nicht bloß ans den lexikalischen, sondern hauptsächlich auf den syntaktischen Gehalt an, auf den Geist der Sprache, die in diesen Sammlungen ihre Ursprünglichkeit und auch ihre natürliche Entwicklung zeigt. Wäre Buber bloß Gelehrter und Forscher gewesen, so Hütten seine Arbeiten schwerlich in solchem Umfange erscheinen können. Er hat ja eine ganze Bibliothek auf diesem Gebiete geschaffen. Wo hätte sich ein Verleger gefunden, der sein Geld an solchen Publikationen wagen wollte? Glücklicherweise war er aber Gelehrter und Kaufmann zugleich. Die meisten Bücher, ans deren Veröffentlichung Salomon Buber so viele Kosten verwandte, gab er aus eignen Mitteln heraus und verschenkte zumeist die gedruckten Exemplare an alle Freunde der Wissenschaft des Judentums. Das ist ein Mäcenat, wie eS wohl zum zweitenmal kaum noch Vorkommen dürste. In späteren Jahren hat Buber einen anderen Zweig der Wissenschaft gepflegt, den der Genealogie berühmter jüdischer Männer. Außer verschiedenen Abhandlungen auf diesem Gebiete veröffentlichte er ein alphabetisches Lexikon der Rabbiner und Gelehrten von Lemberg und von Zolkjew. Er war in der Genealogie sehr bewandert und wüßte das historische Material, welches sich bekanntlich in Bücher-Porreden, Approbationen. Gemeindeverordnungen, Memoirbüchern und sonstigen Aufzeichnungen zerstreut findet, zu sammeln und kritisch zu ordnen. Daß dazu eine große Belesenheit und ein ungeheurer Fleiß gehört, wird auch jedem Laien einleuchten. Buber blieb bis in seinen letzten Lebenstagen geistig frisch und in seinen Arbeiten unermüdlich. Noch im Sommer 1905 veröffentlichte er aus Handschriften eine Sammlung von Entscheidungen Raschis (Haoreh, der Sammler, nicht Haorah, wie dieser Buchtitel irrtümlich gelesen wird). Zum 800. Sterbetag Raschis hatte Buber im Sinn, eine große Publikation zu veranstalten, wofür die französische Judenheit, die Raschi mit berechtigtem Stolz als den ihrigen bezeichnet, großes Interesse bekundete. Dieses Unternehmen scheint aber bedauerlicherweise an den Ereignissen in Rußland und den kirchenpolitischen Wirren in Frankreich gescheitert zu sein. Aus langjähriger persönlicher Bekanntschaft mit dem Verstorbenen können wir diese kurze literarische Skizze von seinem Wirken mit der Zeichnung seiner Persönlichkeit abschließen. Salomon Buber war ein bescheidener, anspruchsloser und liebenswürdiger Mensch von seltener Güte und Freundlichkeit. Daß er äußerst wohltätig war und nainentlich jüdische Gelehrte, die nicht gleich ihm mit Glücksgütern gesegnet waren, reichlich unterstützte, versteht sich fast von selbst. Darin stand ihm zur Seite seine edle und feingebildete Gattin, die ihm auch in seiner geschäftlichen Tätigkeit hilfreich war. Buber besaß nicht den Hochmut und die Selbstgefälligkeit vieler Gelehrter; er war für jede Anerkennung dankbar und lies; sich von jedem eines Besseren belehren, wenn er sich geirrt hatte. In seinem gastfreundlichen Hause fand jeder Freund der Wissenschaft, jung und alt, arm und reich, die beste Aufnahine. Im persönlichen Verkehr war er von einer rührenden Bescheidenheit, von iveitgehender Teilnahme an dem Mißgeschick anderer. Wenn es sich gar um einen Gelehrten, um einen Talmid Chacham handelte, scheute er weder Geld noch Mühe, um zu helfen und die Not zu lindern. Darin zeigte er sich unermüdlich. Eine Gestalt, wie sie im jüdischen Volke leider immer seltener wird, ist mit ihm aus unserer Reihe geschwunden. Ein echter jüdischer Gelehrter, eigenartig und bewunderungswürdig in seinem Leben und in seinem Schaffen. Gelehrter und Kaufmann, beide Berufe gewiffenhaft und opferfreudig ausübend. Der Kaufmann in ihm hat den Gelehrten genährt, und der Gelehrte diente uneigennützig und mit liebevoller Hingabe dem Judentum, seinem Schrifttum und seiner Wissenschaft. rckMe Bit Woche. Berlin, 8. Januar, u den Reichstagswahlen hat der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" einen Ausruf erlassen, der erfreulicherweise mit den an dieser Stelle in den letzten Wochen wiederholt ausgesprochenen Anschauungen über diese Frage genau übereinstimmt und den wir deshalb allen deutschen Juden zu voller Beherzigung warm und eindringlich empfehlen. Derselbe hat folgenden Wortlaut: Der Reichstag ist aufgelöst. Die Neuwahlen sind auf den 25. Januar d. I. angesetzt. Grundsätzlich überlassen wir unseren Mitgliedern,welcher politischen Partei sich ein jeder anschließen wolle. Gemeinsani ist aber das Ziel der Beseitigung derjenigen verfassungswidrigen Bestrebungen, welche auf Verkümmerung unserer staatsbürgerlichen Rechte gerichtet sind.

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