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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-11 · Heft 2 (11.1.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 2 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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71. Jahrgang. Nr. 2. Allgemeine Berlin, II. Januar 1907. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstrllen) bezogen Vierteljahr!. 3 OT. ttefcaftcur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philipxson. VerlgZS-kxpkMM; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse. Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 4b/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Salomon Luder. Berlin, 8. Januar, in 28. Dezember verflossenen Jahres ist in seiner Vaterstadt Lemberg der ausgezeichnete Gelehrte und Forscher Salomo» Buber kurz vor der Vollendung seines achtzigsten Lebensjahres gestorben. Es war dies ein eigentümlicher Mann, der länger als ein halbes Jahrhundert im Dienste der Wissenschaft des Judentums gestanden und einen der wertvollsten Zweige des jüdischen Schrifttums liebevoll und erfolgreich gepflegt hat. Beruflich war Salomon Buber Großkanfmann. Er hatte kein Lehramt, war nicht Rabbiner; er machte nicht, wie unsere Alten zu sagen pflegten, die Wissenschaft zum Spaten, mit ihm zu graben. Und doch opferte er viele Jahre seines Lebens, um die Wissenschaft des Judentums ersprießlich zu bereichern. Er teilte seine Tage zwischen den beruflichen Obliegenheiten, wissenschaftlichen Studien und Forschungen und der ehrenamtlichen Tätigkeit im öffentlichen Leben, in seiner Vaterstadt und in der jüdischen Gemeinde. Denn es braucht wohl kaum erst gesagt zu werden, daß ein Mann wie Buber, reich, gelehrt und einer angesehenen Familie entstammend, sich nicht in sein kaufmännisches Kontor oder in sein Bibliothekzimmer zurückziehen konnte; er mußte sich auch in hervorragender Weise dem Dienste der Gemeinde und seiner Vaterstadt widmen und an allen gemeinnützigen Arbeiten regen Anteil nehmen. Der Mann, der große Geschäfte abzuwickeln hatte und dazu noch eine umfangreiche Korrespondenz mit jüdischen und christlichen Gelehrten in allen Weltteilen führte, sich von verschiedenen Bibliotheken Handschriften kommen und abschreiben ließ, seine gelehrten Werke schrieb und ihren Druck sorgfältig überwachte, derselbe Mann mußte sich eine fast unübersehbare Reihe von Ehrenämtern übertragen lassen, die er alle gewissenhaft versah. In früheren Jahrhunderten waren solche Erscheinungen in der Judenheit nicht selten. Heutzutage aber erregt ein solches Leben und Wirken geradezu Erstaunen. Salomon Buber wurde in Lemberg am 2. Februar 1827 geboren. Sein Vater Jesaja war ein angesehener und gebildeter Kaufmann, der auch im jüdischen Schrifttum recht heimisch war. In Lemberg herrschte um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Geistesrichtung, die von den zwei unsterblichen Mitbegründern der Wissenschaft des Judentums Nachman Krochmal und Salomo Juda Rapoport ausgegangen war. Diese bestand hauptsächlich darin, daß die begabte jüdische Jugend sich nicht ausschließlich der talmudischen Dialektik hingab, wie es damals in Rußland und in Polen üblich war, sondern auch den allgemeinen Wissenschaften eifrig huldigte und dabei die geschichtlich-archäologische Erforschung des Judentums im Auge hatte. Wir müssen dies besonders hervorheben, weil die galizische Judenheit in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts leider einen kulturellen Rückgang erlitten hat. Die geistige Entwicklung, wie sie der junge Buber vor etwa 60 Jahren durchgemacht hat, wäre jetzt vielleicht gar nicht mehr möglich. Er stand in seinen jungen Jahren unter dem Einfluß von Rapoport, Zunz. Luzzatto und den anderen hervorragenden Männern der Wissenschaft des Judentums, mit denen er Jahrzehnte hindurch eine gelehrte Korrespondenz unterhielt. Er war ans verschiedenen Gebieten der jüdischen Forschung heimisch und versuchte sich frühzeitig in den damaligen Organen der Wissenschaft des Judentums mit Beitrügen und Abhandlungen, welche die Aufmerksamkeit der anerkannten Meister auf sich zogen. Indessen wählte sich Buber bald als Spezialität seiner Forschung ein Gebiet, das bis dahin unbeachtet und unbearbeitet war. Das jüdische Volk, oder richtiger die palästinensische Judenheit, hat in den Jahrhunderten seiner Leidensgeschichte nicht aufgehört, prophetisch-poetisch schöpferisch zu sein. Im Gegenteil : unter den Drangsalen, welche die palästinensischen Juden nach dem siegreichen Vordringen des Ehristentums zu erleiden hatten, gedieh die herrlichste und schönste Frucht des nachbiblischen Judentums: die Agada. In ihr vereinigte sich alles Schöne, Tröstliche und Erhebende, dessen Zauber dem biblischen Schrifttum entströmt; sie ist Prophetenwort und Psalmdichtung zugleich. Die Agada ist auch die .Quelle der späteren national-shnagogalen Dichtung aus der spanischarabischen Epoche. Leider ist das Verständnis für die palästinensische Agada den späteren Geschlechtern verloren gegangen. Es ist bezeichnend genug, daß ein beträchtlicher Teil der agadischen Sammlungen gar nicht gedruckt wurde und bloß in öffentlichen oder privaten Bibliotheken aufbewahrt blieb — wenn er nicht durch die Unbilden der Zeit verloren ging. Beim Druck jener agadischen Sammlungen, die doch Gemeingut der Judenheit geworden sind, pflegte man recht wenig Sorgfalt zu verwenden, so daß Vieles verstümmelt und unverständlich wurde. Die jüdischen Gelehrten, die „Lamdanim" des sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, hatten wenig Sinn und Verständnis für diese gemütvollen Homilien, die auch sprachlich äußerst wertvoll sind. Konnte man doch die Aussprüche der Agada nicht zur Operationsbasis für eine ausgeklügelte Spitzfindigkeit machen, logische Purzelbäume zu schlagen, schwarz in weiß und weis; in schwarz zu verwandeln. So >vie im Zeitalter des Niedergangs im Ghetto nicht etwa die wundervolle Methodik unseres Maimonides die Gelehrten beschäftigte, sondern irgendeine ausgeklügelte Schwierigkeit

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