Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 loijc wieder Omder Straskaimner in Stolp 3111- Erörterung. Ter Kellner Rudolf Strauß hatte sich wegen versuchten Betruges zu verantworten. Am 15. August d. I hatte der Angeklagte die Staatsanwaltschaft in Könitz brieflich ersucht, ihn: 200 Mark Barsch ns: 0 uf die Belohnung auszuzahlen, die der erhalten soll, der den wahren Täter in der Winterschen Blordaffäre entdecke. Er kenne den Mörder sehr genau und werde ihn nach Empfang des Geldes sofort angeben. In dem Schreiben an die Staatsanwaltschaft machte der Angeklagte ganz kuriose Angaben über die Art der Zusendung des Geldes und! die Festnahme des Mörders. St. erklärte, er habe den Mörder deci Winter in Ehicago entdeckt. Gr* handle sich angeblich „um einen steinreichen Inden in Ostpreußen", dessen Helfer nach Ehicago geflüchtet sei. Tie Mörder l)ätteu ihm zwar schon viele Tausende Schweigegeld gegeben, er wolle aber, daß die Gerechtigkeit ihren Lauf nehme. In der Verhandlung erklärte der Angeklagte, das: er sich ans nichts mehr besinnen könne. Zwei Sachverständige haben St. mehrere Wochen ans seinen Geisteszustand hin untersucht und , bezeichneten ihn wohl als geistig minderwertig, aber doch zurechnungsfähig. Das Urteil lautete auf ein Jahr sechs Wochen; Gefängnis. j Posen, 2*. Dezember. Der Verein „Frau enhi lfe" hielt! am 11. d. M. im großen Sitzungssaale des Gemeindehauses, Teich-! straste 10. seine diesjährige orden-tliche Generalversammlung ab. Der! Verein weist die größte Mitgliederzahl sämtlicher Vereine innerhalb > der Gemeinde auf. Den Vorsitz führte Frau Lea Calvarh. Dem Rechenschansbericht für die Zeit vom 1. Oktober 1005 bis 31111t 50. September 1900 ist zu entnehmen: Ueberschuß vom Rechnungsjahr l004/a5 xxi,oo 9)1 ark, Mitgliederbeiträge 2479 Mark, Feste innahnie 1x37,50 Mark, Spenden in Höhe von 3 bis 300 Mark im garizell 2115,15 Mark, Beitrag der israelitischen -Srrankettverpflegungsgesellschaft 5 Mark; die Gesamteilmahme, betrug 73lx,55 9)lark. Dieser Einnahme - steht eine dlusgabe von 40x7,71 99!ark entgegen, so daß ein Ueberschns; j von 2030,X4 Mark verblieb. 9!ach Prüfung der Rechnung ivnrde die! seitens der Revisoren beantragte Entlastung erteilt. Bei der hieran § sich anschließenden Wahl der Vorsteherinnen wurden durch Zuruf die! bisherigen Vorstandsmitglieder wiedergewählt. Der Verein besteht bereits 15 Jahre. — In dieser Woche ivurde der Iahrzeitstag be* verstorbenen Frei Herrn Er n st v. Kottlvitz in der israelitischen Waisenknaben-Anstalr begangen. Ein Edelmann im schönsten Sinne des Wortes, evangelischer Konfession, welcher sein ganzes Dasein in den Dienst der werktätigen Menschenliebe gestellt, spendete er im Jahre 1X30 fünfzehn tausend Mark zur Errichtung der genannten Anstalt. Da das Kapital bei lueitem siir diesen Zweck nicht genügte, bildete! sich damals ein Verein, dessen Mitglieder sich zu jährlichen Beiträgen! für die Unterhaltung des zu gründenden Waisenhauses bereit erklärten.! Klein und unscheinbar hat die Anstalt begonnen, ist aber stetig fortj geschritten und hat seit ihrem Bestehen mehr als zweihundert Zogi linge als brave und nützliche Mitglieder dem bürgerlichen Leben zu-! geführt. Mögen die Gönner dieses Wohltätigkeitsinstitnts nicht erniüden, nach alter, getreu befolgter Ueberlieserung nach Kräften diese Anstalt zu unterstützen und jederzeit bemüht sein, neue Mitglieder ihr zuZufuhren. 11. Posen, 1. Januar.. 9!ach langem schweren Leiden starb am IX. v. M. Frau Felicia Bremer geb. Wongrowitz im Alter von 01 Jahren. Die Trauerfeier fand int Stecbehause, Neumaiinstraße 10 statt. Bor und nach der Feier stimmte Kantor Oswald Drauergejänge an. Die Gedächtnisrede hielt Rabbiner Dr. Bloch. Redner schilderte den aufopfernden Wohltätigkeitssinn und die seltene Liebensivürdigkeit der Tahingeschiedenen, wie sie mit Freudigkeit alle Pflichten der 9Renschentiebe 311 jeder Zeit erfüllte. Den: Vorstande der israelitischen Waisenknaben-Anstalt gehörte sie eine Tan 130 Reihe von Jahren an, ebenso war sie Vorsitzende der hiesigen Schwesternloge „Amicitia". Von Gemeindemitgliedern und ans der Ferne waren viele herbeigeeilt, der Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Friede ihrem Andenken! n. Breslau, 1. Januar. Am 13. v. 9)1. feierte Herr Stadtrak Hugo Milch seinen siebenzigsten Geburtstag. Als junger Rechtsanlvalt ivurde er zun: Stadtverordneten geivählt und dann zum Stadtrat ernannt. Er gehört mit 31t den Gründern der Schlesischen Boden-Kredit-Aktienbank und sitzt noch jetzt im Direktorium derselben. Eine zeitlang war er Vorsitzender des Vorstandes der jüdischen. Gemeinde und-gehört seit mehr als vier Jahrzehnten dem Kuratorium der Fräukelschen Stiftungen an. Eine große Anzahl von Freunden. Verehrern und Deputationen alter Kollegien und Vereine, denen der Gefeierte angehört, erschienen zur Gratulation. Das gesamte Magistratskollegium mit dem Oberbürgermeister Dr. Bender waren erschienen. Herr Dr. Bender sprachherzliche Worte zu den: Jubilar. Geheimer Iustizrat Dr. Freund erschien an der Spitze einer Deputation der Stadtverordneten. Geheimer Kommerzienrat Moritz Eichhorn gratulierte im Namen der Schlesischen Boden-Kredit-Aktienbank. Der Vorstand der jüdische:: Gemeinde und die Rabbiner erschienen persönlich. Das Kuratorium der Fräukelschen Stiftungen überreichte ein prachtvolles Oelgemälde, das das Arbeitszimmer des Jubilars im Rai Hanse darstellt, und verlas eine prachtvolle Adresse, die den Jubilar in den herzlichsten Worten feierle. Das Lehrerkollegium des jüdisch-theologischen Seminars überreichte eine schön ausgeführte Adresse. Die Hörerschaft hatte, ebenfalls eine Adresse überreicht. Sie alle feierten Herrn Stadtrat 9Rilch als denjenigen, der für nufere Stadt und für so viele Wohlfahrtsbestrebungen unserer Stadt Unvergängliches geleistet hat. Möge es ihm vergönnt sein, noch viele Jahre in ungetrübter Kraft und Frische seine vielseit'gen Aemter zu verwalten. — Der jüngst verstorbene Breslauer Stadtverordnete Schürtzmann hat der Breslauer Stadtgemeinde testamentarisch 075 000 Mark vermacht mit der Bestimmung, daß der Zinsgenuß dieses Kapitals seiner Gattin bis zu deren Ableben verbleibt. Das Kapital soll dazu verwendet werden, den unbemittelten Bürgern billige Wohnungsgelegenheit 31t schaffen. Ein bestimmter Teil der bereitzustellenden Wohnungen ist ausdrücklich für arme jüdische 9Ritbürger Vorbehalten. Diese testamentarische Bestimmung eines christlichen Testatore zugunsten feinei* jüdischen Mitbürger ist deshalb bemerkenswert, weil dies in Breslau der erste derartige Falt ist. i. (Görlitz, 30. Dezember. Heute feierte unser affgemein beliebter und hochgeschätzter Rabbiner Dr. S. Freund sein 50jähriges Amtsjnbiläum. Dr. Freund ist der erste Rabbiner der Gemeinde, die sich erst nach den: Jahre 1848 hier ansässig gemacht hat. In der Zeit seines hiesigen Wirkens hat der Jubilar es verstanden, nicht nur innerhalb der Gemeinde segensreich zu wirken, sondern auch im öffentlichen Leben tätige::. regsten Anteil zu nehmen. Er ist Vorstands Mitglied in: Verein für Volksbildung sonne in mehreren anderen Vereinen. Es war daher nur eine wohlverdiente Auerkenuuttg, daß er den Roten Adlerorden 111. Klasse gestern erhalten hat. Möge es Dr. Freund noch lange beschieden sein, so segensreich wie bisher wirken zu können. 3. Chemnitz, 28. Dezember. Unser attge:nein beliebter und verehrter Rabbiner, Herr Dr. Mühlfelder, tritt krankheitshalber nach fast 23jähriger segensreicher Wirksamkeit in unserer Gemeinde ans seinen Antrag zun: 1. April 1907 in den Ruhestand. Ans dieser Veranlassung richtete der Gemeindevvrstand an Herrn Dr. Mühlfelder ein in herzlichen Worten abgefaßtes Dank- :n:d Anerkennungsschreiben. Am letzten Sabbat bestieg Herr Rabbiner Dr. Schwartz-Prag, Schwiegersohn des Herrn Dr. Mühlseider, die Kanzel unserer Synagoge, um im Austrage seines Schwiegervaters Abschied von der Gemeinde zu nehmen. Die herzlichen Worte der inhaltreichen und formvollendeten Predigt des Redners, welche den tiefsten Eindruck hervorriefen, legten beredtes Zeugnis ab von der gegenseitigen Liebe und Hochachtung' welche in unserer Gemeinde allezeit zwischen Rabbiner und Gemeinde bestanden. Möge Herr Dr. Mühlselder bald geheilt und genesen von seiner schlveren Krankheit sich noch recht lange der wohlverdienten Ruhe erfreuen können. p. Seesen, 27. Dezember. Wie Sie bereits kurz gemeldet, ist an: 23. d. 9)1. hier der Direktor der Jacobson-Scbille, Professor Dr. Emil Philippjon, in: 55. Lebensjahre an einem Herzschläge gestorben. — Emil Philippson wurde in Magdeburg am 4. Juli 1851 geboren als Sohn des Kaufmanns Julius Philippson. Dieser war der jüngere Bruder des Rabbiners Dr.-Ludwig Philippson. Julius und Ludwig Philippson hatten Schwestern geheiratet; der Zusammenhang der Fanrilien war. naturgemäß ein-sehr inniger, das Vorbild und der Einfluß des Oheims auf den jetzt verstorbenen Neffen - sehr wirksam. Nachdem er das Magdeburger Domgymnasinm als Primus vbsolviert l * r