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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-04 · Heft 1 (4.1.1907) · p. Seite 12

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 Glücklicherweise bleibt uns noch die Jüdin! Das sind noch immer zwölftausend Realen!" Und er ging wieder vorwärts. Enriquez war zu dem jungen Mädchen zurückgekommen. „Juanita," sagte er schnell zu ihr, „Dn mußt auf alles gefaßt sein. Wundere Dich über nichts, nimm," und er reichte ihr das Fläschchen. „Steige auf diesen Felsblock, aber trinke erst im letzten Augenblick, versteht mich wohl, wenn dieser Elende über meine Leiche hinweggeschritten sein wird, um Dir zu nahen! Nicht früher!" Juanita besaß nicht die Kraft um zu antworten; sie ergriff zitternd die Flasche und tat zitternd nach dem Gebote des Mönchs. „Beim heiligen Dvminicus!" brüllte der Hauptmann wütend, der das Fläschchen in Juanitas Hand gesehen hatte. „Soll ich alles verlieren? Verdammt!" Aber schon trat Enriguez wieder auf ihn zu. Der Mönch wollte ohne Zweifel seine letzten Augenblicke dazu benutzen, um den Feind von der Höhe des Berges hinabzustürzen, in der Absicht, das junge Mädchen;u retten. So glaubte wenigstens der Anführer der Schergen. Als er Enriquez' Bewegung sah, bereitete er sich wieder zum Kampfe vor. Aber Plötzlich wankte der Mönch, seine Hände suchten vergeblich nach einer Stütze; er drehte sich im Kreise herum und stürzte zu Boden. Noch einige Sekunden zuckte er, dann lag er still. „Vorwärts!" sagte der Scherge, „wir werden nur seine Gebeine zu verbrennen haben." Juanita, die auf den Felsblock geflüchtet war, sah den Mönch fallen; sie sah den Schergen vorwärts gehen; sie ergriff bebend das Fläschchen; als der Scherge die Bewegung des jungen Mädchens sah, beflügelte er seinen Schritt; er stieß den Leichnam des Mönches beiseite, um sich auf das > Mädchen zu stürzen; aber plötzlich hielt er an und steckte die Arme in die Luft; ein Blutstrom stürzte ihm aus dem Munde, er fiel hin, und hinter ihm erhob sich Enriquez, einen blutigen Dolch in der Hand schwingend. Juanita hielt sich die Hand vor die Angen, um sich zu überzeugen, daß sie nicht von einer Vision umstrickt sei, von! törichten Verblendungen infolge ihres Todesschreckens! Ihr! Blick siel auf das fatale Fläschchen, das sie in der Hand hielt, es war voll. Jetzt verstand sie alles. Der Mönch hatte selber das Fläschchen noch nicht geöffnet. Seine Bewegung war nur eine schlaue Finte gewesen, um seinem Gegner jenes Mißtrauen zu nehmen und ihn desto sicherer zu treffen. Der Hauptmann war tot; der Mönch wälzte den Leichnam an den Felsabhang und stürzte ü)u in den Abgrund hinab. Die zurückgebliebenen Schergen hatten nicht die einzelnen l Handlungen mit den Blicken verfolgen können, der scharfe Felsvorsprung hinderte sie daran, und als sie einen Leichnam herunterrollen sahen, glaubten sie, es sei der Mönch. Aber sie sahen bald ihren Irrtum ein, und Enriquez und Juanita konnten leicht das Wut- und Rachegeschrei unterscheiden, das die Bande gegen sie ausstieß. Der Mönch ging vorsichtig vorwärts, um ihre weiteren Maßregeln beobachten. Sic berieten sich einige Zeit, der - abergläubische Schrecken, den ihnen der Mönch eingeflößt hatte,! wurde durch den Anblick des blutigen und verunstalteten j Leichnams noch vermehrt. Deshalb' dachten sie keinen Augen- : blick daran, den Versuch, der ihrem Anführer das Leben gekostet hatte, zu erneuern, und beschlossen nach der früheren j Ansicht des einen von ihnen, den Paß an einem der Grenze! näher gelegenen Punkte zu beobachten. iSchlusi solgt.;! Literarikchr Mitteilungen. Löwenberg, Stille Helden. Hamburg 1906. Gutenberg- Verlag. Stille Helden schildert uns L. in seinen Novellen, die abwechselnd eine Frau und einen Mann zum Gegenstände haben. Der Novellen- Zhklus beginnt mit einer auf wenigen Seiten mit der Knappheit einer Marie von Ebner-Eschenbach geschriebenen Schilderung eines I ganzen Menschenlebens, „Die Schwester" betitelt. Es folgen größere; Erzählungen, die einen Studenten, einen Soldaten usw. zum Helden! haben. Eine Studie von großer psychologischer Kraft ist „Die schwarze Riwke". Abgeschlossen wird der Band durch eine längere Novelle „Geopfert", die in Stil und Behandlungsart an Storms „Jmmensee" erinnert. Es liegt eine Zartheit der Empfindung, ein wehmütiger und melancholischer Reiz über dieser Novelle, der sie! auf eine hochbedeutende künstlerische Höhe hebt. Daß die Novellen ' auch stilistisch außerordentlich fein durchgebildet sind, braucht bei - diesem Dichter kaum hervorgehoben zu werden. Das Buch ist ein schönes Geschenkwerk für alle, die auch einmal einen großen Schmerz zu tragen hatten. R. « — Vielfachen Wünschen entgegenkommend, gibt der Verband der Literaturvereine auch diesmal das „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur" pro 1906, das wegen seiner hoch bedeutsamen Parallelen zwischen Judentum und Christentum eine zweite Auflage erforderte, allen Rabbinern, Predigern, Lehrern, Kantoren usw. zum Preise von 1 Mark inkl. Porto ab. Einzelne Jahrgänge von 1899, 1902 und 1905 sind zum gleichen Preise zu beziehen. Gefl. Meldungen an Herrn Benas Levy, C. Spandauerstraße 78/80. Sxrechsasl. Sehr verehrter Herr Redakteur! den letzten Jahren zeigen sich an dem Körper der Literalurvereine eine Anzahl Schmarotzer, deren Vertreibung meines Erachtens im Interesse der Entwicklung der genannten Vereine liegt. Da sind zunächst eine Legion von Buchhandlungen und Verlegern. die den Literaturvereinen nicht nur Offerten ihrer vielen Erzeugnisse, sondern oft mit marktschreierischer Reklame Werke zusenden, gleich mit Rechnung oder unter Nachnahme. Sie sehen die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur als eine Ablagerungsstätte ihrer Druckerzeugnisse an; aus ihren Offerten spricht oft große Anmaßung und die selbstverständliche Annahme, daß man die gesandten Produkte oder Offerten nicht refüsieren darf, will man nicht in den Ruf kommen, bildungsfeindlich zu sein und kein Herz für jüdische Interessen zu haben! Eine andere Parasitenart sind die „Literaten und Rezitatoren", jüdische (nur weil sie die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur ausbeuten wollen); sie haben stets viel im Interesse der Judenheit gewirkt, haben ihre Existenz der Regel nach wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum verloren, usw. Es ist oft unerhört, wie diese Leute zu Werke gehen, in Schrift und Tat. Da ist erst vor wenigen Wochen hier ein solcher Herr, er nennt sich Franz Graetz aus Breslau, mit großer Aufdringlichkeit aufgetreten. Ich habe hinterher festgestellt, daß derselbe Herr uns vor etwa sechs Monaten unter dem Namen „Joseph Pick" heimgesucht hat. Gegen solche Leute muß entschieden vorgegangen werden durch Warnung und „Ausklärung", denn die Warnungen kommen meistens zu spät. Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr, dieser Sache Ihre Aufmerksamkeit widmen zu wollen; Sie würden den kleineren Vereinen, die fast immer die „Leidtragenden" sind — an große wagen sie sich nicht heran — einen erheblichen Dienst erweisen und sich deren Dank sichern. Marburg, 26. Dezember. Mit Hochachtung E. Alexander. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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