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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-04 · Heft 1 (4.1.1907) · p. Seite 11

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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11 bevorstehenden Anstrengungen zu ertragen vermögen d Durch Enriques genaue Kenntnis der Wege und die größte Borsicht waren sie bisher nirgends den Schergen der Inquisition begegnet. Jetzt mußten sie wegen der Steilheit der Berge die Maulesel verlassen ltub die Reise wieder zll Fuß fortgesetzt werden. Die Tiere überließ der Mönch einfach ihrem Schicksal. So waren die Flüchtlinge in die Nähe des letzten bewohnten Platzes gekommen, und Enriquez mußte sich für die nächsten Tage mit Mundvorrat versorgen. Er zog deshalb in das Dorf, um Lebensmittel einzukaufen. Das alte geschwätzige Weib, der er sie abkaufte, erzählte ihm dabei, daß heute Nacht Diener der Inquisition angekommen seien, sie wären zwei Flüchtlingen auf der Spur, auf deren Habhaftwerdung der Großinquisitor die Sunnne von zehntausend Gulden gesetzt habe. Enriquez' mußte alle Kraft zusammennehmen, um bei diesen Mitteilungen den Schein der Ruhe zu bewahren. Es war also verdoppelte Vorsicht notwendig, beim nun stand alles auf dem Spiele. Doch trug er das Geheimnis für sich. Eine Mitteilung an Juanita hätte die Lage natürlich noch verzweifelter gemacht. Er mußte den schwierigsten, mit scharfem Geröll bedeckten Weg aussuchen, da er nur hier darauf rechnen konnte, den Feinden zu entgehen. Enriquez kletterte voran und das junge Mädchen folgte willig allen Bewegungen des Mönches, der sie ermutigte, tröstete und ohne Unterlaß aufrecht erhielt; nur noch eine kurze Strecke trennte sie vom Lande des Heiles; nur noch einmal mußten sie dem Bergabhange folgen, dann führte sie ein verborgener Weg direkt nach Frankreich. Seit vierundzwanzig Stunden hatten sie nichts Feindliches gehört und gesehen, und schon glaubten sie sich gerettet, als bei einer jähen Wendung des felsigen Weges, wo das Gebüsch plötzlich aufhörte, Enriquez unter sich ungefährem Dutzend Diener der Inquisition am Abhange erblickte, an einer Stelle, an der er durchaus vorbeikommen mußte. Der Felsen bildete hier eine Art Plattform, wo das Gebüsch zu Ende war; links ging er steil in die Höhe und rechts war zwar die Lenkung des Berges sanfter, aber er siel sehr steil zu dem Punkte ab, an dem die Diener der Inquisition Posto gefaßt hatten. Als er seine Feinde sah, zog sich der Mönch plötzlich zurück; er verbarg sich, sognt es eben anging, hinter dem hohen Geröll; zugleich in achte er Juanita, die ihm auf dem Fuße folgte, ein Zeichen, nicht weiter vorwärts zu gehen. Aber das junge Mädchen hatte ebenfalls die Männer beinerkt, die den Weg bewachten. Sie hielt au, stieß aber unwillkürlich einen Angstschrei aus. Gleichzeitig vernahmen beide in ihrem Versteck ein sehr deutliches Stimmengewirr und Waffengeklirr von unten herauftönen. Sei es durch Zufall oder durch Juanitas Geschrei, die Schergen hatten die beiden Flüchtlinge entdeckt. Diese Männer zweifelten nicht einen Augenblick daran, daß sie der Mönch und die Jüdin seien. Das verriet ihnen ihr Versteck. Aber wie waren sie da hinaufgekommen? Das konnten sich die Schergen nicht erklären. Kein bekannter Weg führte auf diesen unersteiglichen Gipfel; man konnte ihn nur -von fern emporragen sehen, und der einzige Weg, durch den man in seine möglichste Nähe kommen konnte, war der, den sie selbst bewachten. „Wie hat dieser Schuft da hinaufkommen können?" „Dieser verdammte Mönch ist der Teufel selber." „Und die Jüdin ist eine Hexe!" „Wenn man einige Schüsse hinaufschickte?" So riefen die Schergen wild durcheinander. „Redet keinen Itnfiuit," sagte ihr Anführer. „Wir müssen sie lebendig haben. Siebentausendfünfhundert Realen stehen auf den Kopf des Mönches unb zwölftausendfünfhnndert auf die Jüdin, d. h. wenn nur sie lebendig wiederbringen." „Das wird schwer fein." „£), sie sollen uns schon nicht entgehen," entgegnete der | Hauptmann. | „Meine Ansicht ist," sagte ein anderer, „daß nur beu | ganzen Paß beobachten; hier können wir lange wartein denn j hinauf zu gehen ist unmöglich." l „Unmöglich?" entgegnete der Anführer, „das wollen wir j doch erst sehen. Zwanzigtausend Realeil ist ein nettes Sümmchen j Wer will sie mit mir teilen?"! Die Schergen betrachteten beu Bergabhang; er war nn- ■ gemein steil. Alle schüttelten beu Kopf, j „Geht, Ihr seid alle feiuen Schuß Pulvers wert," sagte! der Anführer. „Ich werde es allein probieren; aber wenn ich! oben bin, nlüßt Ihr alle nachkominen." I Und in der Tat begann er auf allen Vieren hinauf zll j klettern, indem er sich mit den Händen an den geringstell! Unebellheiten, an Grasstallden ulld spitz hervortretendem! Gestein, anklainmerte. Ost glitt er plötzlich schnell ein | Stück zurück, aber inliner wieder rutschte er mit neuem Eifer vorwärts. Enriquez war beu Bewegungen des Hauptmanns ängst- Lich gefolgt; einen Allgenblick hatte er daran gedacht, ihm entgegeil zu gehen unb ihn voll der Höhe des Berges hinabzustürzen; aber er inußte riskieren, selber von ihm mit hinllntergezerrt zll werden. Was wäre danil ohne ihn aus Juallita geworden? Ailderseits, wenn erst der Anführer der Schergell oben loar, lvar alles verloren, denll seine Leute luäveu ihm, durch sein Beispiel allgefeuert, sofort gefolgt, und dann gab es fein Mittel mehr, ihnen zll entgehen. Der Mönch überlegte einige Augenblicke, ohlle beu Hauptinanll dabei alls den Allgell zll verlieren. Er faßte einen verzweifelteil Entschluß. . Der Hauptmann hatte fast die kteille Plattform, auf der sich Enriquez und Juanita befandell, erreicht; aber hier sprang der Fels scharfkantig vor, so daß sich der Anführer der Schergen nach rechts wenden nulßte, wo der einzige leicht zugängliche Ort war; hatte er diesen erreicht, so war es eine Kleinigkeit, der beiden Flüchtlinge habhaft zu werdell. Diesen Allgenblick wählte Enriquez, unl gegen ihn vorzugehen. Der Scherge hielt an; er glaubte, daß der Mönch ein Handgemenge mit ihm beginnen wolle, in welchem letzterer ihm gegenüber beu Vorteil einer guten Stellung gehabt hätte, deshalb bereitete er sich zur Abwehr vor. Enriquez hielt ebenfalls an. Der Scherge begann weiter 31t klettern. Juanita, die einige Schritte hinter Enriquez saß, verfolgte mit tiefem Schrecken die Bewegungen der beiden Männer. Plötzlich sah sie Enriquez das Fläschchen mit Gift unter seinen Kleidern hervorziehen unb es an den Mund setzeil. Alles war demnach verloren. Ein koilvulsivisches Zittern erfaßte sie; sie wankte und mußte sich an den Felsen lehnen, llm llicht unlzusinkell. Der Scherge hatte allch diese Bewegung voll Enriquez gesehen. „Bei allen Teufeln der Hölle!" schrie er, „jetzt sind siebentansendfünfhundert Realen verloren. Der Elende vergiftet sich!

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