Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 Büchern saß n»d das Haus versah. Das war ein trauriger Tausch der natürlichen Verhältnisse, und die Mutter fügte sich nur deshalb, weit sie als fromme Jüdin glaubte, damit eine Galt wohlgefällige Handlung zu begehen. Aber das Wohl der Familie litt sehr darunter, denn meine Mutter war sehr unerfahren im stampfe umS Dasein, und unsere Armut wurde immer größer. Als min gar der Würgeengel, die Cholera, die zu jener Zeit Europa verheerte, auch über Ungarn dahinfuhr und meinen Vater hinwegrafste, blieb meine Mutter als zweiundzlvauzigjährige Witwe mit zwei Kindern im tiefsten Elend zirrüek. Die Huden von Salonik. Non Alexander V. cUie'Kanb.1) Balonit liegt mit einer breiten, offenen Reede gerade dem Olymp gegenüber — dem Olympus selber, hoch ltnb I heilig, mit weißen Schneemassen und einem Bogen von blauen! Bergen zu beiden Seiten. Tie Stadt steigt ziemlich steil den Berg l)itmit, und rings nut die ganze Stadtgrenze zieht sich eilte der gttten, alten Martern mit Zinnen unb Türmen und Scharten.! Durch ttnzählige kleine, einsame Straßetr, wo man vor den hohen Gartenmauern nichts sieht, erreichte ich eins der Tore in der Verteidigungsmauer. Da lag ein friedlicher Storch aus einem alten, hohen Neste, und durch das offene Tor gingen geputzte Juden und Jüdinnen mit Kindern; es war ein Samstag Morgen. Wenn ich ein Jtrde wäre und in Nordeuropa wohnte, wo , sie immer Horen müssen, daß sie schwarz und klein rnrd schiefj beinig sind, würde ich jedes Jahr nach Salonik wie in eilt Bad reisen. Ich würde meine Stalltmverwandten attfsuchelt, den zobelverbrämten Kaftan unb die Hellen, feinen Uttterkleider anlegett; ltnd in der Freude über die Schönheit des ans-! erwählten Volkes, lvie sie sich hier bewahrt und entwickelt hat,! lvürde ich meine Beine strecken und meilten Rücken gerade j richten und meine Seele mit Verachtung gegen die Nordländer > mit den hohen Hüten und ben wässerigelt Augen erfüllen.; Nie habe ich schönere Mättner als diese Judelt itt Salottik gesehen, die am Sabbatmorgen in dert Straßett oder außerhalb der Mauern spazieren gingen, und nie einen feineren Alts-! druck auf den Gesichtern. Ein Wohlwollen, das keine Angst! davor hatte, sich zu zeigen, unb doch eine Würde, die hoch erhaben lvar über die halb verlorene englische Steifheit, woriir lvir alle gern ein wenig herumpfnschen — besonders attf Reisen. Mit zwei jltngell Juden, die ich für Brüder hielt, gillg ich lange zttsamnteil. Es kam dadttrch, daß ein mit Heu unb Unkraut beladener Esel ltlts drei in eine Ecke zusammendrückte, lvo wir alle mit Stielen tmd Gras behängen wurden. Wir lächeltett einander ztt bei bem gemeinsamen Mißgeschick — konnten natürlich gegenseitig kein Wort verstehen; aber mir lasen uns gegenseitig die Halme ab, und wir fühlten, jeder attf feiner Seite: hätten wir nur reimt können, so wäret! mir Freunde und Gleichgesinnte gewesen; wir verstanden, daß etwas Gleiches und etwas Gemeinsames mts verband, aber tonnten nur mit den Altgen erklären, daß wir tttts verstanden. y Alts der Aeisestudie „Salonik" des verstorbenen norwegischen Dichtern, die in der Sammlung von Skizzen „Menschen und Tiere" (überseht von Tr. Friedrich Leskien und Marie Leskien-Lie, Bering von Georg Merseburger in Leipzig) vor kurzem erschienen ist. | Indessen fuhren wir fort zusammen zu gehen — Me'züsMld — die Straße hinauf. Bisweilen kamen wir int Gedränge dicht aneinander, ltnd wir lächelten; und so freuten wir ltns gewissermaßen gegetrseitig nuferer Gesellschaft. Sie waren hochgewachsen, wie das ganze Geschlecht vorn portltgiesischen Schlag. Haar und Bart von ltngewöhnlicher Schönheit, warnte, brattne Hanl ltnd klttge Altgen, unb vor allent eine Ruhe ltnd eine Sicherheit, die sie weit Volt dem unterschieden, was man sonst unter Juden versteht. Und dazu kam, daß in Salonik alle die schwere und grobe Arbeit von den Jltden besorgt wurde — zum Beispiel int H afen. Am Samstag, wo sie also in ihren lattgen Pelzverbrälltten Kaftans spazieren gingen, lvar kein Boot am Quai aufzutreiben. Und bei der Löschung des Schiffes zeigte es sich, daß alt diesem Tage, lvo wir als Altslader uttd Lastträger die Bekenner anderer Götter hatten, nicht der dritte Teil verrichtet wurde; attßerdem eilte die ganze Batlde an Land, lange ehe die Somte unterging, lveil ein wenig Wind ztt wehen anfing. Erst der Anblick dieser Nachkomutell der alten Judelt tttachte mir die Geschichte des Josephus, die ich halb ungläubig biefeit Winter gelesen habe, begreiflich. Denn der Eindruck von den Juden, ben wir aus unserer biblischen Geschichte bekommen, ist im Grunde der, daß sie eilt kleines, umhergetriebenes Volk waren, rings um einen Tempel, voll dem wir wußtet!, daß er zu Schtttt und Asche werden würde. Ein Volk, das immer in der Klemme war und mtr durch übernatürliches Eingreifen anfrechterhalten werden konnte, ein Volk, das sich, toie Jakob, unter* höherem Schutz mit Lug ltnd Trug vorwärts brachte. Aber in den Jltden von Salonik findet tnan die rtn beugsame Kraft wieder, von der Josephus erzählt, ein Heldenvolk — so ziemlich das hartnäckigste, das die Rötner zu beugen hatten, mit einer Hauptstadt, deren Prachtbauten in der Fertte lvie ein hoher, schneeweißer Berg erschienert .... Bus trübrr Leit. Eine historische Erzählung. XIX. I^nriquez kannte genau jeden Steg int Gebirge, das beide ttoch in dieser Nacht erreichten. Er war selber häufig voll den Inquisitoren abgesandt wordetl, Ketzern, die sich den Verfolgungen des heiligen Offiziums durch die Flucht entzöget! hatten, hier nachzuspüren. Deshalb war er auf Schritt und Tritt sicher ltnd wußte auch, welche Straße er nehtnen müsse, ltm jedem Auge und namentlich den Dienertl der Inquisition verborgen ztr bleiben. Vor allent lvar es notwendig, den Vorsprttng, den er hatte, nach Kräften altszttllutzen. Aber bald sah er ein, daß er ztt Fuß nicht meit kommen lvürde. Juanita hatte noch nicht Zeit gehabt, sich ltach den ausgestandenen Folterqualen genügetld 31t erholen, unb ihre ohnehin schwachen Kräfte sollten bemnadf) für die letzte höchste Gefahr anfgespart werden. Darum kaufte Enriqttez itt bem erstell Gebirgsdorf, das sie erreichtet!, zwei Anzüge, wie sie die Bewohner der dortigen Gegend trugen, ltnd zwei Maulesel. Er lvollte jede Spttr seiner Flucht unkenntlich tnachen. Nach fünftägigen ltnsäglichen Anstrengungen erreichten sie glücklich das Hochgebirge, und nur noch zwei Tagereisen trennten sie von Frankreich, dem Lande der Befreiung. Aber diese Tage tvaren die schlvierigsten, denn sie untsiten auf entlegenen, selten betretenen Pfaden zurückgelegt werdet!. Bisher hatte Juanita lnutig allen Gefahren getrotzt; werden ihre Kräfte catch die