Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Mein Lebenskampf. Von Professor Hermann Vämbery.ß Vorfahren und erste Kindheit.! I^ogilo, ergo sum! Ja, ich bin, aber das Datuin meiner! Geburt kann ich nicht bestimmt angeben. Ich hatte das! zweifelhafte Glück, von jüdischen Eltern abzustammen, und da! in jener Zeit kein Gesetz die Juden in Ungarn zwang, sich 1 regelrecht einzutragen, so ist es mir nicht gelungen, einen! amtlichen Geburtsschein zu erreichen.! Meine Mutter hat' mir oft erzählt, das; ich kurz vor meines i Vaters Tod geboren bin, und da mein Vater eines der letzten! Opfer war, welches die im Jahre 1830 beginnende Cholera! forderte, so irre ich wohl nicht, wenn ich 1831 oder 1832 als! mein Geburtsjahr angebe. Genealogie ist nicht gerade meine starke Seite, daher ich! auch den Leser mit einem genauen Bericht über meinen; Stammbaum verschonen will. Soviel ich weiß, kam mein Urgroßvater aus der ehrwürdigen Stadt Bamberg und mein , Großvater wählte sich zur Zeit, als Kaiser Joseph seinen jüdischen Untertanen befahl, einen Familiennamen anzunehmen, \ den Namen der Stadt seiner Väter, obwohl er selbst in Ungarn geboren war. Er wurde also als Bamberger eingetragen. Mit der Zeit verwandelte sich das B in W, und mein Vater schrieb seinen Namen schon Wamberger, obwohl er diesen offiziellen Namen nur selten gebrauchte. In jenen Tagen folgten die orthodoxen Juden nämlich noch der orientalischen Sitte, den Vornamen als Hauptnamen zu betrachten, wogegen der Zuname nur von geringer Bedeutung war. Mein Vater war nicht nur ein frommer Jude, sondern auch ein ausgezeichneter Talmudist, der oft ganze Tage und Nächte beim Studium verbrachte, ohne sich um weltliche Angelegenheiten weiter viel zu kümmern. Religiöser Eifer und Liebe zum Lernen sind die beiden mächtigen Triebfedern dieser spezifisch jüdischen Gelehrsamkeit, und ihre Jünger lebten in ' einer Traumwelt, in die nur Theologei; asiatischer Religionen eindringen können, die aber modernen christlichen Geistlichen, deren Lehren so von Zweifel durchsetzt sind, gänzlich ver- 1 schlossen bleibt. Nach dem, was mir meine Mutter erzählte, ist mein Vater j in frühester Jugend von diesem fanatischen Eifer ergriffen ■ worden. Im gewöhnlichen Leben war er scheu und linkisch,! und als er um meine Mutter freite in ihrem mährischen j Vaterhause zu Lundenburg, hatte sein Aeußeres den Mädchen I der Malavan-Familie (dies war der Mädchenname meiner : Mutter) manch heimliches Lächeln entlockt. Meine Mutter jedoch, ein schönes, achtzehnjähriges Mädchen, hatte bald für j den schüchternen jungen Gelehrten mit den hellen Augen und i h Herr Professor Vämbery, der berühmte Orientalist und kühne Forschungsreisende, hat unter dem Titel Story of mv Struggles seine hochinteressanten Memoiren veröffentlicht. Die überaus frisch und spannend geschriebene Autobiographie erzählt von seiner harten Jugend, seinen abenteuerlichen Reisen als Bettelderwisch und endlich von seinem Aufenthalt an den Höfen von Konstantinopel und Windsor, wo der arme Judenjnnge von einst nun als hochgeehrter Gast weilte. Eine deutsche Ausgabe seines Buches ist noch nicht erschienen, so daß den deutschen Lesern in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" zuerst eine Probe dieses originellen Werkes von dem autorisiertenUebersetzerdesselben.B. Tucholsky, gebotenwird. DieRed. hübschen Zügen Neigung empfunden. Sie >var von einer Stiefmutter erzogen worden und hatte schon in zarter Kindheit vom bitteren Kelch des Lebens gekostet. Da sie nun hoffte, an der Seite eines sv ernsten und fromnien Mannes ihr Lebensglück zu finden, gab sie bald dein Zureden ihres orthodoxen Vaters nach und verließ Haus und Heimat, um de»; jungen Talmndisten, den sie doch so wenig kannte, nach Ungarn in die Stadt St. Georgen zu folgen, wo mein Vater, als von dort gebürtig, aus die Stelle eines Unterrabbi hoffte. Aber leider ist es weltbekannt, daß die Theologen aller Zeiten und aller Bekenntnisse unbezähmbaren Haß, Neid und Mißgunst gegen Mäimer ihres Berufs cinpfunden haben, und daß die Pfeile, die der religiöse Eiferer versendet, zu den giftigsten gehören. Die Talmudisteu von St. Georgen, deren Zahl nur beschränkt sein konnte, machten natürlich keine Ausnahme von der Regel, und da ineines Vaters ruhiges, bescheidenes Wesen seinen Gegnern nicht gewachsen war, so versank die Hoffnung auf Anstellung immer mehr, und der dunkle Zukunftshimmel des armen Mannes wurde nur noch von dem stetigen Schein seines Lerneifers erhellt. Während er nun über die Verwicklungen der Misehim und Gemara sann und grübelte, vergaß der Gute völlig, daß die bescheidene Mitgift meiner Mutter nicht elvig währen könne und nicht so unerschöpflich >var lvie die abgrundtiefen Diskussionen und Beweise seines Liebliugsstudiuuis, und daß man, um zu leben, jenseits der Welt der Bücher, auf den Marktplatz des täglichen Lebens zu blicken hat. Bald kau; die Zeit, wo meine Mutter ihn zur Erkennung dieser Notwendigkeit erwecken mußte. Sie durchschaute den Ernst der Lage nur zu gut, aber alle Mittel, die die junge, kluge aber unerfahrene Frau anwandte, um die schlimmen Tage abzuwehren, erwiesen sich als zwecklos. Einmal riet sie ihrem Mann, ein Fruchtnnd Korngeschäft zu beginnen, dann wieder hielten sie eine Schenke, aber als alles fehlschlug, mußte der junge Talmudist Hausierer werden, der den Bauern der Nachbarschaft ihre Waren abkaufte, um sie mit geringem Nutzen wieder abzusetzen. Welch schreckliche O;>al inußte das den; begeisterten Talmudisten gewesen sein, Studien und Bücher zu verlassen, un; bei den rohen slavischen Bauern hausieren zu gehen! Welche Aufopferung gehörte dazu, die farbenglühenden Traumfelder der Halacha und Hagada zu verlassen und zu der niedrigen Beschäftigung eines Hausierers hinabzusteigen, der un; einen Sack n;it Bohnen und Erbsen oder um ein Schaffell handeln und feilschen mußte. Mit Tränen in den Augen sprach meine Mutter später davon, denn sie hatte n;eincn Vater sehr lieb. Sie teilte seine Lernbegier, sie litt mit ihn; seine seelischen Kämpfe durch, aber der Hunger ist unerbittlich; so konnte sie nur trösten und helfen, und der arine Vater verlor wenigstens nur selten die Geduld. An einem nassen Herbsttage, als er eine noch feuchte Kuhhaut von einen; Schlächter in Ratzersdvrf gekauft hatte, warf er sie sich über die Schulter zu einer, schweren Last, die er schon trug. Sv beladen erreichte er sein Heim spät an; Abend, müde und durchnäßt, nachdem er stundenlang durch tiefen Schmutz hatte waten müssei;. Meine Mutter hatte mit de»; bescheidenen Abendbrot auf ihn gewartet, aber er, statt zu essen, warf nur seine Bürde ab, ging direkt in sein Zimmerchen und vergrub sich dort in seine Bücher. Als meine Mutter ihn dort endlich aufsuchte, fand sie ihn in seine Studien vertieft, als ob er den ganzen Tag friedlich dort gesessen hätte. Natürlich war ein Mann von solchen Gewohnheiten nicht sehr befähigt, für das weltliche Wohl seiner Familie zu sorgen. So mußte denn die Mutter Geschäftsfrau ivcrden. Sie gi>;g hinaus in die Welt, wahrend der Vater daheim bei de»