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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-04 · Heft 1 (4.1.1907) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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meinen Blicken auf und die Zeit des Berliner „Vereins für Kultur und Wissenschaft der Juden", zu welchem mit Heine, Eduard Gans, Moses Moser auch Zunz als Mitglied gehört hatte. Und iunner mehr erweiterte sich das Bild dieses wunderbaren „jüdischen Berlin" von damals, der Stadt der Aufklärung und der dominierenden jüdischen Frauen, von denen ein Lichtschein noch bis auf den Weg Paul Heyses herabreicht, des Sohnes der schönen, aninutigen Jettchen Saaling. Heinrich Heine, Eduard Gans, der große Jurist, kehrten dem Judentum den Rücken, und auch von Leopold Zunz ging das törichte Gerücht, daß er ein Apostat gelvvrdeu. Man kann Näheres darüber in dem jüngst erschienenen Buche des Jenenser Kirchengeschichtslchrers Nippold: „Unter drei Kaisern" lesen. Das überaus törichte Gerücht aber, durch die Zeitungen und die Salons geschleift, war natürlich völlig grundlos. Daß er in dem von der preußischen Regierung konfiszierten Vorwort seiner „Gottesdienstlichen Vorträge" die Zulassung der jüdischen Geschichte und Literatur zur Universität gefordert hatte, daß er kurz vorher aus der Redaktion der „Spenerschen Zeitung" ansgetreten war, in der er mit Exzerpten und Uebersetzungen aus ausländischen Blättern sein kärgliches Brot verdient hatte, daraus scheint damals jenes Gerücht seine Nahrung geschöpft zu haben. Man denke: Leopold Zunz, der Stolz des Judentums im XIX. Jahrhundert, ein Renegat! Ironischer allerdings hätte sich die jüdische Aufklärung nicht selbst persiflieren können. Aber sie hat es nicht getan. Zunz starb als treuer Jude, zweiundneunzigjährig. Heine und Börne, Rahel und Henriette Herz, Schleiermacher und Hegel waren ihm zuletzt nur noch dämmernde Jngenderinnernngen. Zu diesem Beispiel fügt sich passend, schon des Kontrastes wegen, ein anderes, um darzntun, wie mannigfach, um nicht zu sagen international, die Anregungen sind, welche von der Jewish Encyclopedia ausgehen können. Das Beispiel Israel Zangwills. In unserer Jugendzeit war ein großes Wandern unter den Juden, vor allem nach Amerika, wohin der Menschenbedarf lockte und mehr noch das kalifornische Gold. Aber auch nach England und nach Ungarn. Sic erinnern sich, liebe Freundin, noch des Eisenhändlers, den nur Reb Berel nannten; der war aus unserer preußischen Heimat als Bachur (Talinudjüngeri zu Fuß nach Preßburg gewandert, um in der Talmudschule des dortigen berühmteil Rabbiners Mosche Ssofer (Schreiber) seine Talnludkenntnis zu erweitern; dann war er, immer zu Fnß, von Ort zu Ort bis zur siebenbürgischen Grenze gekommen, und als ihn das Heimweh plagte, hatte er den Weg durch Steiermark genommen. Dort aber blühte schon damals die Sensenfabrikntion und zu Hause angelangt, legte er sich ein Eisengcschäft an. Der vielgeivanderte Mann! Auch Israel Zanglvitls Vater hatte den heimatlichen polnischen Boden verlassen und war nach England gepilgert, zuerst nach Bristol, dann in. die Petty Coslane, die Londoner Judengasse. Dort ward ihne der Sohn Israel geboren, der jetzt vierzigjährige Dichter der „Kinder des Ghettos", des „Königs der Schnorrer" und des „Tagebuchs eines Getauften". Der englische Ghettodichter! Und Rufer in der Vorderreihe der Zionisten! Vor einigen Tagen erst ist in einein Wiener Theater ein Drama „Laue" anfgesührt worden, eine seiner von ihm selbst dramatisierten Geschichten. Er ist ganz Engländer gelvorden, dieser Sohn eines armen polnischen Juden, aber jüdischer Engländer, den es immer wieder zu seinen Glanbensgenossen hinzieht und zu den Erinnerungen au! das Ghetto. , Hat er doch sogar eine Anzahl von erzählenden Skizzen unter dein Gesamttitel „Die Träumer des Ghettos" vereinigt, und unter diesen Träumern befinden sich Barnch j Spinoza, Ferdinand Lassalle und Benjamin Disraeli. Seül Bildnis iil der Jewish Encyclopedia zeigt eine merkwürdig charakteristische Physiognomie: man unterscheidet schwer, ob die eines anglisierten polnischen Juden oder eines iudäisierteil Engländers — der „Jude in englischer Fiktion" - wie ihn kürzlich ein geistreicher Essayist genannt hat. 1 Doch bei diese» zwei Beispielen aus den: Z des Alphabets, mit dem, wie jede Enzyklopädie, auch die Jewish Encyclopedia endet, möchte ich es bewenden lasse». Schon deshalb, damit j cs nicht den Anschein habe, als wäre der Inhalt des großen j jüdischen Sammelwerkes mit Biographien und Porträts er-! schöpft. Dieser Inhalt erstreckt sich ja naturgemäß über eine j ungeheure Distanz, über die ganze Weltgeschichte und über; das ganze Erdenrund wie das Judentum selbst. Was ist; doch beispielsweise nur aus dem reichlich illustrierten Artikel j „Worms" zu lernen! In der heimischen Talmndschnle schon i hörte ich von den Städtenamen „Wormase" (Worms), „Spire" «Speier) und „Moguutze" (Mainz), den ältesten jüdischen An- > siedlungen in Deutschland. Und mit diesen Namen verbanden j sich die Erinnerungen an die römischen Legionen, den großen : Lehrer Raschi, das furchtbare Verhängnis des „schwarzen Todes". Jetzt ans der Jewish Encyclopedia erfahre ich auch von dem Wormser „Judenbischof" Michael Gernsheim, dein j Ahnherrn der Familie des bekannten Berliner Komponisten - > der Vorsteher der Wormser Jndengeineinde führte lange kraft! kaiserlichen Ediktes den Titel Jndenbischof — und von „Juspa 1 Schammes", dem ersten historisch bezeugten „Schulklopfer", der! von 16W bis 107« in Worms lebte und nebst seinem Berufe j eines Tempeldieners auch als Dichter und Historiker sich bel merkbar machte. An hundert anderen Artikeln bleibt mein Blick hasten - S die zwölf Bände der Jewish Encyclopedia zählen deren etwa U> 000 — und an manchem Bildnis, an mancher Architektur, j an mancher hebräischen Tertbeilage. Da ist in der Abhandlung über den Zionismus ein Bild, darstellend, wie der i Deutsche Kaiser Wilhelm 11. in einer Gasse Jerusalems vom j Pferde herab Theodor Herzt die Hand reicht. Theodor HerzI! war mein Freund und ist tot. Welch ausschweifende» ■ Hoffnungen hat er sich damals hingegeben, als er zur Begegnung mit dein Kaiser nach Jerusalem berufen wnrde! Und! er kam nicht etwa enttäuscht nnd kleinlaut zurück: er glaubte j an seinen Zionismus und dessen Zukunft. Ach Gott, »nd der! letzte Artikel der Jewish Encyelopeclia ist „Zweifel". Andere i Bildnisse lenken den Blick »ach Ungarn, Bildnisse Bainbervs nnd Moriz Wahrmanns. I Doch nun, liebe Freundin, klappe ich ihn zn, diesen; gewichtigen Schlußband der Jewish Encyclopedia. Es iß ei» Abschied und einen Abschied soll man sich nicht ohne Not erschweren. Ein Abschied nicht von dem Werke, in dem ich! noch öfter blättern gedenke, nicht von Ihnen »nd nicht! von unseren gemeinsamen Jugend- und Heimatserinnerungen. Nur von der freundlichen Gewohnheit, mich mit Ihnen a» dieser Stelle in lieber Unterhaltung über die Jewish Eneyelopedia zurückznträumen in die Zeiten, die ivaren nnd nicht iviederkoimne». „Mein Kind, wir waren -Kinder," mit diesen Worten beginnt Heinrich Heines Gruß an feine ferne Schwester. Im Grunde ist jeder Rückblick ein Abschied. Mas tut's? Es war doch ein Rückblick in nufer Jugendland, zu dem uns die Jewish Encyclopedia auregte, und das, denke ich, dürfen wir beide ihr danken.

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