Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Siebenschein mib des Professors Schwarz, eines tüchtigen Gelehrten, der Verein für jüdische Literatur sehr gede-ihlich. ilfrtrlj deutschem Muster werde» allwöchentlich einem großen Kreise über jüdische Literatur Vorträge gehalten. Deutsches Muster! Die „Allgemeine Zeitung des Judentums" wird denn auch im Lande viel und aufmerksam gelesen. Ihre Anregungen finden lebhaften Beifall, und sie erfüllt eine verdienstvolle Aufgabe, indem sic uns daS Geistesleben der so hochstehenden deutschen Jndenheit vermittelt. Seit einiger Zeit erscheinen hier kroatische Schriften jüdischen Inhalts. Zum großen Teil Uebersetningen. In einigen Tagen wird eine „Monatsrevue des Jndentnins" in Agram erscheinen. Die erste jüdische Zeitschrift kroatischer Zunge. Ihre Herausgeber sind Studierende der Universität; wenn sie Zionisinns propagieren, wie es den Anschein hat, dann bin ich um ihre Zuknnst besorgt. Anders, wenn sie Wissenschaft und Erkenntnis des Jndentnins verbreiten, dafür werden sich Leser und begeisterte Förderer finden. Der Zionismus nmrde — in Effet — neulich propagiert. Mit großer Emphase haben ihn einige junge Leute in Wien entdeckt und in den Ferien nach Hause gebracht. In der großen Judengemeinde Essek hielte», sic einen „Kongreß" und beschlossen, durchaus nur nach Palästina zu wandern. Die jugendlichen Staatsmänner hat ein alter Wiener Zionist geführt; eine stürmisch beifällig aufgenonnnene Rede, und im Sturm war Palästina erobert. Radikalere Elemente, beginnende Juristen, sprachen sich gegen jeden andern Plan einer Kolonisation ans. „Wir wollen nicht Englands Protektion, wir dulden nicht diese Einmischnng in unsere politischen Bestrebungen." Uganda sei eine Verwässerung des Programms! Ein alter Schlaumeier, ein humoristischer Mann, meinte nach dem offiziellen Teil: Man sollte gegen Englands unbefugten Eingriff in unsere palästinensische Staatsidee Protest erheben. Tenn dies dulde ein selbstbewußter Staatenbegründer doch nicht, daß sich eine fremde Macht einmengt! Die ander» verstanden den Wiß und lachten. Rur ein Herr, der Vater eines solchen zionistischen Staatenbauers, sagte halb wehmütig: „Auch ich könnte lachen, wenn der Rarr nicht mir gehörte." Lin Nückblick. Bon Wilhelm Goldbaum. tz ist mir die Jahre her fast zur lieben Gewohnheit geworden, mich mit Ihnen, liebe Freundin, über jeden neu erschienenen Band der Jewish Encyclopedia zu unterhalten. Nicht bloß die Bedeutung des großen Sannuelwerkes machte mir diese Unterhaltung so angenehm; auch die Gelegenheit, Erinnerungen aus unserer Jugend imb unserer gemeinsamen Heimat auszutauschen, trug dazu bei, mir eine stille, wenn auch bisweilen recht wehmütige Freude zu erneuern. Das wird von jetzt an aufhören, und ich bin ein wenig traurig darüber. Es wird kein neuer Band der Jewisli Encyclopedia mehr erscheinen; sie ist mit dem vorliegenden zwölften Bande vollendet. Aber ich will es mir nicht nehmen lassen, noch dieses letzte Mal der Anregung zu folgen, welche ich von dem Schlußbande empfange, und gleichsam noch den letzten Strahl des Tageslichtes aufzufangen, bevor es Abend wird. Oder ist Ihnen, liebe Freundin, diese Stimmung zu dunkel, der man sich doch nicht zu entziehen vermag, so oft man au einem Ende angelangt ist, sei es am Ende einer Gewohnheit, einer Freundschaft, eines Werkes, das man von seiner Entstehung - bis zu seiner Vollendung mit seinen Blicken begleitet .und schließlich fast schon wie etwas zum eigenen Leben Gehöriges betrachtet hat? Wie etwas zum eigenen Leben Gehöriges, obwohl man an seiner Entstehung und an seinem Wachstum keinen Anteil hat, gleich dem Dichter, Maler, Bildhauer, von denen man sagt, daß ihnen jedes ihrer vollendeten Werke einen großen Schmerz bereitet, weil sie sich von ihm loslösen müssen? j Solcher Art nun, liebe Freundin, ist die Empfindung nicht oder! doch bei weitem nicht ganz so, mit welcher mich dieser Rückblick erfüllt. Nur daß es eben ein Rückblick ist, einer von den vielen, wenn auch nicht immer gleich stark empfundenen, die sich mit den fortschreitenden Jahren zu mehren pflegen, und ein Rückblick, der sich bis in die Jugendjahre erstreckt, in die unwiederbringliche „schöne, goldene Maienzeit" — nur das ist das Wehmütige bei der Sache. War es denn aber eine „schöne goldene Maienzeit", die lvir in den stillen, engen Gassen unseres heimischen Ghetto verlebten? Je nun, die Jugend war es doch und die Jugend vergoldet alles. Auch den Talnmdfolianteu, über dem der | Knabe gebeugt sitzt, wahrend die Sonne durch die trüben Fensterscheiben der Talmudschule hereinlugt — auch diesen wunderlich wundersamen Talmud, dem der letzte Band der -Jewisli Encyclopedia eine große, gelehrte Abhandlung widmet, wie keiner meiner Lehrer im Bet-Hamidrasch sie geahnt, geschweige zum Verständnis des Talmud für erforderlich gehalten hätte. Diesen scharfsinnigen Leuten war es wenig um die Geschichte des Talmud und um seine Schicksale zu tun; sie waren Ausleger und wollten nichts anderes sein. Ungefähr wie die heutige Generation der Philosophen behauptet, die Geschichte der Philosophie gehöre gar nicht zur Philosophie sondern sei eine historische Hilfswissenschaft. Unser Horizont der unserer beiden Familien — der Ihrigen, deren Haupt der' Doktor, der weinigen, deren Haupt der Kultusoorsteher war — reichte doch schon damals ein geraumes Stück weiter als der Horizont des Bet-Hamidrafch, der Talmudschule. Erinnern Sie sich noch, wie lvir — alle Mitglieder der beiden Familien — an Freitagabenden zur Winterszeit um den großen runden Tisch beim Schein dreier Talglichter zusammeusaßell und ein notorisch gewordenes Buch, etwa Leopold Komperts Roman „Am Pflug" oder Gustav Freytags Roman „Soll und Haben", vorgelesen wurde, während das christliche Dienstmädchen von Zeit zu Zeit ans leisen Sohlen hereinschlich, um die Lichter zu > putzen? Das hat ja alles, als lvir aus dem „Engeren" hinaus- - kamen, auf anderem Wege Sie, auf anderem ich, lange lvie! unter Geröll verschüttet jenseits unseres Gedächtnisses gelegen. , Es ist aber lvieder zum Vorschein gekomlnen, und daran hatten dieStöckerund Lueger sicher auch ihren Anteil. Die Jugend wurde uns wieder lebendig. Und im schönsten Lichte lebendig. Wenn Alter nach dem bekannten lateinischen Worte Krankheit ist, so ist Jugend immer,, auch in der Erinnerung noch. Glück, selbst wenn über .ihr., in Wirklichkeit einst seltsames, atembeklemmendes Gewölk gelastet hatte. Es ist. mir unauslöschlich im Gedächtnis geblieben, daß ich, als Student nach Berlin gekommen, gleich in betx ersten Tagen den alten Leopold Zunz — er war damals schon über siebzig — auf der Straße zu sehen bekam. Er hatte nichts Auffälliges in seinem Aeußern; man zeigte mir ihn, da er mit seiner Gattin Adelheid, der „Zunzin", wie sie von Bekannten geheißen wurde, im Tiergarten feinen Spaziergang machte. Aber was war's doch, daß auf mich der bloße Anblick dieses Unscheinbaren einen starken Eindruck machte? Ich kannte wenig noch, fast nichts von seinen Schriften; aber der Name Heinrich Heines tauchte sofort neben dem seinigen vor