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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-04 · Heft 1 (4.1.1907) · p. Seite 5

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 fortan nicht mehr verlangen, daß der Rabbiner am Kolnidre- Abend und am Morgen des Versöhnungstages so weite Wege machen muß, wie es heute in einer aller Gesundheitspflege Hohn sprechenden Weise üblich ist. Dringend erforderlich ist auch ein Krankenzimmer, welches vom Frauenchor leicht zu erreichen ist, welches einfach mit einer Chaiselongue, einem Tisch und zwei Stühlen und einer Hausapotheke auszustatten ist. Anfälle von Ohnmächten und plötzliche Erkrankungen sind bei der Ueberfüllung unserer Synagogen an den hohen Feiertagen gerade unter den Damen nicht selten. Bisher fehlt jeder Raum, Erkrankte der Schaulust zu entziehen und bequem zu lagern. lOrirf aus Kroatien. Bo» Dr. L. Roth. elten nur dringt die Kunde vom Leben der kroatischen Juden in die Welt. Während in den Nachbarländern und in Deutschland das Judentum kämpfend und siegend seinen Geist bejaht und in mannigfachen Organisationen seine Eigenart im Lichte der Oefsentlichkeit bekundet — hört die Welt nur weniges von den Juden der südslavischen Länder. Denn ethnographisch gehören die südlichen Länder der Monarchie zusammen. Kroatien, Bosnien und Dalmatien haben eine homogen slavische Bevölkerung. Ihre politischen Aspirationen sind denn auch auf ein gemeinsames Ziel gerichtet. Wie ein Zukünftstraum lebt in der Seele dieser slavischen Stämme der Wunsch nach einer gemeinsamen, sie umfassenden Form des staatlichen Lebens. Groß-Kroatien heißt die wache Sehnsucht -dieser interessanten Völker; politische Freiheit ist der Weg, auf dem sie ihrem Ziele nahe zu kommen gedenken. Denn bis nun lag über diesen Ländern der Nebel eines Halbasiatismus, den aber die politische Entwicklung in Ungarn immer mehr verscheucht. Seitdem in Ungarn die große Krise herangebrochen, ist; namentlich Kroatien in eine neue Phase des politischen Lebens ■ eingetreten. „Freiheitliche Gesetze" werden geschaffen, die eine Garantie! für verfassungsmäßiges Verwalten schaffen sollen. Eine ganze Reihe freiheitlicher Gesetze und Institutionen soll ins Leben treten und die Konsolidierung auf liberaler Basis ermöglichen. Inmitten dieser Kämpfe und Arbeiten stehen auch Juden. Unter drei Millionen Einwohnern beträgt ihre Zahl bloß 20000. Gewiß eine geringe, im Verhältnis zum nahen Ungarn. Die kroatischen Juden sind denn auch nicht lange im Lande an-! sässig. Kaum ein halbes Jahrhundert ist verflossen seit ihrer Einj Wanderung, zum größten Teil aus Ungarn.; In den fünfziger Jahren beginnen sie die ersten Gemeinden zu bilden, Diakovar, Warasdin, Essek, Vukovar, dann in der Landeshauptstadt Agram. Ihre Gemeindeorganifationen sind j nach Muster der ungarischen Gemeinden eingerichtet und ihre ' Rabbiner sind großenteils Ungarn. Die ersten Einwanderer waren Kleinkaufleute, trieben auch Gewerbe, auf dem flachen Lande Ackerbau. Besonders in dem gesegneten Slavonien, ' dem fruchtbaren Landstriche, mit seinem milden, fast südlichen Himmel, treiben die Juden Ackerbau. Sie konnten sich rasch ' akklimatisieren. Eine friedliche, ruhige Bevölkerung ließ die Juden ihrem Handel, Gewerbe und dem Landbau nachgehen. Eine sentimentale Schwärmerei eignet dem Südslaven, eine innige Anhänglichkeit an sein Volkstum, ohne Haß gegen Andersgläubige. Etwas Weiches, fast kindlich Träuinendes liegt in : diesem Menschen. Ohne starke Leidenschaft — gedämpfte, verhüllte Liebe und ruhiges Hoffen. Keine starke Kulturmacht, aber auch frei von jeder Brutalität gegen Andersdenkende. In diesem Lande konnte die jüngere Generation ihre Heimat finden. Sie wuchsen mit dem Gefühle der Anhänglichkeit an dieses Vaterland heran; sie fühlten mit ihren Freunden den gemeinsamen Schmerz der politischen Bevormundung. Die Bevölkerung ist zum größeren Teile katholisch und dann griechisch-orientalisch. In Sprache und Sitten besteht kein großer Unterschied, wohl aber in den politischen Aspirationen. Die orthodoxe Kirche — Serben — neigt in ihrer politischen Gesinnung nach Serbien. Die katholische Bevölj kerung lebt in bester bürgerlicher Freundschaft mit den j Juden. j Der jüngst verstorbene Bischof Stroßmayer zu Diakovar, j die markanteste Gestalt des Südslaventums, war ein Freund! der Juden, wie er ein glühender Verehrer des biblischen j Schrifttums war. i Bei vielen öffentlichen Anlässen hat dieser von allen Slaven; bewunderte Kirchenfürst seiner Anerkennung für das Judentum Ausdruck verliehen. Kurz vor seinem Tode noch erwiderte er auf den Glückwunsch der Deputation der jüdischen Gemeinde: „Er sei immer ein warmer Verehrer der Religionsgemeinschaft : gewesen, die seit Jahrtausenden einen heldenmütigen Kampf j führe für die höchsten sittlichen Güter der Menschheit. In l ihnen erblicke er die Nachkommen der Patriarchen und Gottes- > männer, die den heiligen Berns hatten, die Religion der Liebe : auf Erden zu künden."! Dies waren die letzten Worte, die er bei feierlichem Anlaß sprach. Er hatte sie wiederholt betätigt durch persönliche Freundschaft an Juden. Der Rabbiner der Kultusgeineinde Diakovar gehörte immer zu seinen Tischgästen, so oft feierliche Gelegenheiten dies erwünschten. Kein Wunder, wenn diese Gesinnung eines führenden Geistes, der durch 50 Jahre die hohe Würde inne hatte, zum Erbteil all derer wurde, die an seinem Namen hangen. Und Stroßmayer war nicht nur Kirchenfürst, sondern der Führer der nationalen Parteien des kroatischen Volkes! Zu seinem Heerbann gehören denn auch Juden, die für seine politischen Ideale kämpfen. Demokratischer Fortschritt, dies war sein Glaubensbekenntnis. Er erinnerte in seiner gesamten Tätigkeit an die Renaissance-Bischöfe, die für Kultur und Bildung alles opferten. Er war der Begründer der südslavischen Akademie der Wissenschaften, der Universität, ein prinzipieller Vorkämpfer der politischen und bürgerlichen Gleichheit aller Staatsangehörigen. Dieser Geist der Freiheit lind Gesittung ermöglichte es den Juden, immer mehr sich „einzufühlen" in die Betätigung als Staatsbürger und immer regeren Anteil an dem Neubau der Institutionen zu nehmen. Aber auch die spezifisch jüdischen Interessen verkümmerten nicht. Agram ist unter der langjährigen Leitung des Dr. Jakobi eine Mustergemeinde geworden. Dieser aus Deutschland stammende Rabbiner hat als Kanzelredner, Pädagoge (durch Herausgabe jüdischer Religionsschristen in kroatischer Sprache) wie als Erwecker und Begründer humanitärer Einrichtungen vorzügliches geleistet. Erst vor einigen Tagen ereignete sich ein Fall, der die Oeffentlichkeit lebhaft erfreute. Seit Jahren wünscht Dr. Jakobi die Errichtung eines Siecheuhauses. Nun starb ein reicher Mann, S. Schwarz, und testierte — auf Anregung des Dr. Jakobi — 400 000 Kronen für diesen Zweck. Immer mehr nimmt auch das Interesse für jüdische Literatur zu. In Agram wirkt unter der Leitung des trefflichen Vorstehers .

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