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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-04 · Heft 1 (4.1.1907) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 für auswärtige Angelegenheiten, anderseits die russische Re- > gierung. Aber wir glauben, daß Jaurss doch Recht hat. S Und es ist deshalb dringend notwendig, daß die gesamte! liberale Presse rechtzeitig aus die Gefahr aufmerksam mache, i die aus dieser verschleierten Anleihe notwendig erwachsen muß. Was die genannten Bankhäuser anbetrifft, von denen wir! übrigens nicht wissen, ob ihre Inhaber noch oder überhaupt! dem Judentum angehören, so genügt es, ihre Namen gel nannt zu haben, um ihnen das Maß von Achtung entgegen-; zubringen, das solch edlem Tun gebührt. Aber der Schmerz - über solchen Verrat wird doch gemildert durch das Beispiel : eines anderen und viel größereil Finanzmannes, dessen Name jene nenn Firmen reichlich auswiegt. Der „Frankfurter Zeitung" wird nämlich unterm 13. v. M. ails New tyoxt gemeldet, daß Jaeob H. Schiff bei einem Empfang, der für den Wilnaer Prediger und Duma-Abgeordneten Dr. S. Levin dort veranstaltet wurde, in längerer Rede folgendes erklärt habe: „Der Bankier, der der russischen Regierung noch Geld darleiht, begeht ein Verbrechen an der Menschheit. Ich möchte der russischen Regierung den Rat geben: Gebt dem Juden das Bürgerrecht, dann wird er dem Lande ein Segen werden. Ich bin davon überzeugt, daß eine Menge von Personen im Saale sind, die als Geheimagenten der russischen Regierung fungieren. Ich frage diese Leute: Ist es ein Wunder, daß der russische Jude ein Revolutionär ist? Nicht er hat sich zum Revolutionär gemacht, dies hat die russische Regierung getan." Ehre dem Manne, der so spricht; Schmach und Schande über die, die dem russischen Henker die Mittel gewähren, um ihre eigenen Glaubensgenossen zu verfolgen und zu bedrücken! * Aus dem klassischen Lande der Judenhetzen, aus Rumänien, kommen wieder einmal Nachrichten, die beweisen, daß die Lage der Juden dort noch immer eine sehr traurige ist. Man schreibt der „Vossischen Zeitung" aus Bukarest: ,,Crajova, die drittgrößte Stadt des Landes, war gestern der > Schauplatz großer antisemitischer Ausschreitungen. Die Mittelschüler i der Stadt, mehrere hundert an Zahl, drangen gewaltsam in einen Saal, wo die Juden eine Makkabäerfeier veranstalteten, und schlugen mit Knütteln und Stühlen auf die Anwesenden los. während ein Teil ihrer Kameraden die Ausgänge des Saales besetzt hielt, um die Mißhandelten an der Flucht zu verhindern. Mehrere Personen, darunter Frauen, wurden nicht unerheblich verletzt, und die Polizei, die sich bemühte, die Ruhe wieder herzustetlen, bekam gleichfalls! Prügel ab. Schließlich zogen die Schüler singend und johlend durch! die Straßen der Stadt, schlugen die Fenster der großen Synagoge! ein. mißhandelten die Gäste in einem jüdischen Kaffeehause und verübten auch sonstigen groben Unfug. Diese Anschauungen sind ein Glied in der Kette antisemitischer Kundgebungen, die sich in der letzten Zeit in Rumänien zugetragen haben. Es sind einige Monate her, daß in einem Städtchen an der Moldau eine Bande, die eine jüdische Familie ausgeraubt und mißhandelt hatte, von den Geschworenen freigesprochen wurde. Einige Zeit später sprachen die Geschworenen in Braila den Arbeiter Jalba, der seinen Brotherrn, den Getreideexporteur Mendl, aus offener Straße erschossen hatte, frei, obgleich in der Verhandlung nachgewiesen worden war, daß Mendel dem Manne, der in seinem Dienste einen Unfall erlitten hatte, Wohltaten erwiesen und ihm erst dann die Unterstützungen verweigert hatte, als er mit immer neuen hohen Geldforderungen an ihn herantrat. Vor einigen Tagen wurde in Galatz ein gewisser Winkler, ein naturalisierter Rumäne, sreigesprochen, der einen jüdischen Gutspächter niedergeschossen hatte, weil dieser auf seinen Pachtvertrag nicht verzichten und sich nicht von dem Gute wegjagen lassen wollte. In den besonnenen Kreisen in Rumänien haben diese Dinge den peinlichsten Eindruck hervorgerufen, und in der letzten Sitzung der Kammer wurde sogar allen Ernstes die Frage erörtert, in welcher Weise die Geschworenengerichte, für die Rumänien offenbar nicht reif genug sei, aufgehoben oder doch wenigstens derart ab geändert werden könnten, daß den Mißbräuchen und Ungerechtigkeiten, die heute auf der Tagesordnung sind, ein Riegel vorgeschoben würde. Die Regierung hat übrigens Maßregeln ergriffen, um die Wiederkehr solcher Ausschreitungen wie die von Crajova zu verhindern.^ Pus der Berliner Gemeinde. Von Sanitätsrat Dr. S. Steinthal. lljährlich, wenn die Zeit der Erholung kommt und damit die Sehnsucht nach den Bergen, hält mich auch der Süden unseres Vaterlandes mit seiner dem Preußenlande fremden freieren Luft fest. Einige Tage werden stets den Kulturzentren Bayerns oder Badens gewidmet. Natürlich wird dann auch den Synagogen dieser Städte ein Besuch abgestattet. Sie alle — ich erinnere nur an Nürnberg und München, an Freiburg. Karlsruhe und Konstanz — stehen stolz da an einem freien Platz oder frei in der Straßenfront als monumentaler Bau, der für jeden Fremden als Synagoge erkennbar ist. Auch die neue Synagoge am Stadtgraben in Breslau scheut nicht die Oeffentlichkeit. Zu meiner größten hleberraschung besitzt sogar das mecklenburgische Städtchen Neubrandenburg eine frei an der Straße stehende Synagoge. Wie beschämend ist unter solchen Umständen für einen Berliner Juden das Gefühl, daß seinem Gotte — mit einer Ausnahme — stets eine Hofwohnung angewiesen wird! Außer der Synagoge in der Oranienburgerstraße vermag kein Fremder eine Synagoge zu finden, mag er in der Lindenstraße oder Lützowstraße noch so sehr suchen; man müßte ihm denn die Hausnummer sagen, gleichsam als wenn man ihm die Adresse eines Schneiders verrät. Man predigt von den Kanzeln und in Versammlungen die Hebung des Selbstbewußtseins, der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat als Hauptaufgabe, das Selbstbewußtsein der Juden zu steigern. Trotzdem muß man an jedem Feiertag immer wieder die betrübende Tatsache konstatieren, daß viele Juden mit eingewickeltem Gebetbuch zur Synagoge gehen — der einfachste Beweis dafür, daß das Selbstbewußtsein unserer Juden noch auf keiner hohen Stufe sich befindet. Was gäbe es aber für ein wirksameres Mittel, die Juden stolz auf ihren Glauben zu machen, als ihre Gotteshäuser stolz und monumental zu bauen, so daß jeder Fremde sie von außen erkennt, daß auch des Nichtjuden Aufmerksamkeit auf sie als würdige Stätten der Gottesverehrung gelenkt wird? Man mache nicht den Einwand, daß Geld gespart werden müsse, um wieder eine andere Synagoge bauen zu können! Wenn eine jüdische Gemeinde mit 250 Haushaltungen (Freiburg i. B.) eine monumentale Synagoge besitzt, so ist die Berliner Gemeinde mit 24 600 Haushaltungen wohl in der Lage, zehn monumentale Synagogenbauten nach und nach aufzuführen?) Es ist gar nicht erforderlich, daß das der Schule dienende Gebäude auf so teurem Terrain steht wie die Synagoge; die Schule kann in einer Nebenstraße auf einem Hofe erbaut werden. Der Magistrat von Berlin ist ja in dieser Beziehung mit gutem Beispiel vorangegangen. Unbedingt notwendig ist hingegen eine kleine Predigerwohnung von zwei Zimmern bei jeder Synagoge. Man darf y Die Zahlen sind dem statistische» Jahrbuch des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes von 1906 entnommen.

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