Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Gewiß, die „Deutsche Reform" Hut Recht: Eine Uebersetzung des Talmuds voll Pastor Krösell und eille Uebertragullg des Schulchan Arilch — vielleicht in Versen — von Oswald Ailllmermann oder von Liebermann v. Sonnenberg wäre lveit angenehmer itnb lvürde sicher das Judelltum in dein Lichte erblicken lassen, in dem es die Herren Antisemiten aller Schattierungen gar zu gern der Menschheit zeigen möchten. Schade, wirklich schade, daß eine solche Absicht nicht ausznfuhren ist. ft Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, welche folgen die Mische heil für das Judentum haben. Die Zahlen, welche uns die neueste Statistik an die Hand gibt, sind in der Tat besorgniserregend. In den Jahren 1001 —04 wurden in Deutschland 15635 jüdische Ehen und 2700 Mischehen geschlossen. Es haben also 8,01 Prozent aller Jüdinnen > und 9,26 Prozeick aller Inden Andersgläubige geheiratet; mit j anderen Worten: jedes zwölfte Mädchen und jeder elfte Mann i Die .lewisli Territorial Association hat, wie uns aus London mitgeteilt wird, unter starker finanzieller Beteiligung jüdischer Finauzleute, wie Jacob H. Schiff-New Port und Lord Rothschild-London, die Ansiedlung von in ihrer Heimat verfolgten Juden in der Nähe voll Galvestone in Texas beschlossen. Damit ist der erste Schritt zu einem großen .Hilfswerk getan worden, dessen weitreichende Bedeutung niemauo verkennen loird, der die Not und das Elend der Auswanderer jemals gesehen hat. lieber das in Rede stehende Territorinur wisseil lvir noch nichts; bekannt ist die Umgegend von Galvestone als überaus fruchtbar rnld illdllstriereich. Galvestone selbst ist als Znflllchtsort der letzten Flibustier Westindiens gegründet wordell; vielleicht finden da heute auch die unglücklichen Juden des Ostens eine Zuflucht. Jllden wohnen in Galvestone seit 1840, in Texas überhaupt seit 1821. Die Zahl derselben wird ans 17 500 angegeben. Sie spielen dort seit eineul halben Jahrhundert eine große Rolle. Generalmajor Opeuheimer war eiller der tapfersten Soldaterl der Arinee und Michael Seeligsohn lvar scholl 1856 Bürgermeister von Galvestone. Die Einhaben Mischehell geschlossen. Währelid 1902 nur 599 derartige Heiratell geschlossen umrdell, lrmchs ihre Zahl 1909. auf <*>35 und im folgenden Jahre gar auf 720. Der weitaus häufigste Fall ist die Heirat zwischeli einem Inden und einer evangelischen Christin, der 31G mat vorkam. Dann folgen die Ehen zlvischen evallgelischen Mällnern itnb jüdischell Frauen (256). Tie 497 jüdisch-protestantischen Mischehell des Vorjahres waren svlllit auf 572 im Jahre 1904 gestiegell und betrugeil allnäherlld viermal soviel, als die jüdisch-katholischen Verbindungell, deren 148 Fälle sich je zilr Hälfte auf die beiden hier möglichell Kombinationen verteilen. Im Jahre 1904 haben 24 Prozent aller Juden christliche Frauen itnb 15,1 Prozent aller jüdischen Mädchen in Berlin christliche Männer geheiratet; mit anderen Worten: jeder vierte! Jude lllld jede siebellte Jüdin in Berlill haben in diesem - Jahr eine Mischehe geschlossen. In den anderen dentschell , Landesteilen ist die Zahl natürlich eine erheblich geringere. 1 Dagegen steht es um die Sache noch schlimmer in anderell! Ländern lllld Großstädten Ellropas. In Kopenhagen sind! ül den Jahrell 1880 — 1903 im ganzell 358 jüdische und 234 Mischehen, also 65,36 Prozent aller Ehen, geschlossen wordell; lllld zwar ist hier eine beständige Steigennlg festzustellen; von 1880—1890 betrug der Prozentsatz 55,17 Prozellt; von 1891 — 1900 ist er auf 71,09., itnb voll 1901 — 1903 gar auf 89,74 Prozent gestiegen. In gallz Dänemark fanden voll 1873 — 1891 308 Ehen statt, von denen 187 jüdische nnb 121, das heißt 64,71 Prozent, Mischehen waren. Noch schlimmer ist es in Schweden, wo die Zahl der Mischehen fast die Zahl der rein jüdischen noch überwiegt. Auch in Frankreich llnd Italien, namentlich in letzterem Lande, sind die Mischehen sehr häufig; dagegell kommen sie in den östlichen Ländern Europas seltener vor. Nllr in Bll da pest stellte sich der Prozentsatz im Jahre 1904 so hoch, daß jeder 14. Jude eine Christin heiratete. In! Englarld kommen Mischehen unter den dortigen Inden hän- , figer vor als lmter den eingewanderten; aber auch unter den > letzterell sind sie nicht mehr so selten, als mall annehlllen! sollte. In Amerika sind Mischehen in den West- und Süd- > staaten sehr häufig, m den Oststaaten seltener anzutreffen. I Alles in allem zeigt schon diese kurze statistische Uebersicht, | welch eine eminente Gefahr die überhandnehmenden Mischehell für das gesamte Judentum bilden, da doch die Statistik gleichfalls ben ziffernmäßigen Nachweis erbracht hat, daß mehr als 90 Prozent der alls solchen Mischehell hervorgegangenen Kinder sofort nach der Geburt getauft lverden. * | Wanderung alls Europa durch den Hafen von Galvestone ist > natürlich eine sehr starke. Mall sieht also, es finb alle Be- | dingnugeu vorhanden, um gerade dort die Kolonisation zu! eiller gedeihtichell zu elltwickeln. Es ist sehr lnerklvürdig, daß voll Rll ßlan d alls unaufhörlich versichert wird, lnall benfe dort nicht an eine neue Anleihe. In Verbindung mit diesem Dementi kommt meist die Nachricht, daß man sich in Regierlmgskreisen mit der Frage einer Erlveiterilllg der Rechte der Judell ernftUcI) beschäftige. Wer die offiziöse Sprache kennt, lveiß sehr gellall, lvas beide Mitteilungell wirklich zu bebeuteu habeli. Tatsächlich beschäftigt man sich aus sehr llaheliegellden Gründell mit der neuen Allleihe sehr ernsthaft, währeild mau gar llieht darall denkt, die Rechte der Juden wirklich zll ermeitern, wie die neueste Depesche ans St. Petersburg (siehe unter „Nah und Fern") belveist. Unter diesen Uulständell gewinnen zlvei Berichte alls Paris und Nelv Port eine ganz besondere nnb sehr hohe Bedeutung. Nach bem ersteren hat der bekannte Deplltierte Jauri-s sich ill eineul sehr scharfen Leitartikel feiner „Hnmanitr-" gegell die jüdischen Finanzleute Frankreichs gewendet, die im Gegensatz zu ihren englischen und amerikanischen Glaubensgenossen die russische Regierllng durch Gewährung lleuer Anleihen in itjrem Kaulpfe gegen die Duma und gegell die Emanzipation der Jllden unterstützen lllöchten. Jauräs behauptet, daß die Bankhällser j Lazard, Enl ersdorffer, Gans, Weisweiller, Seliglnanil, Kahll, Sulzbach, Levy und Louis Hirsch die letzte Allleihe bect'teu und daß sie voll ihrell Kunden nicht die Zahlung des gesetzlich vorgeschriebellen zehntell Teils des gei zeichneten Betrags verlangterl, sondern sich lllit dem zlvallzigstell llnd dreißigsten Teil begnügten. Jaurös türldigt all, daß Oldie Regierung interpellieren werde, ob sie eine solche Umgehung des französischen Gesetzes fernerhin dulden wolle. Janräs bespricht dallN die voll der „Uangne francaise pour le Commerce ei rIndustrie" und von der Russischen Jnternationalell Bank projektierte Konlbination zur Beschaffilng des Materials für die russischen Eisenbahnen; er stimmt der Allsicht zu, daß es sich uul eine verschleierte Aktion zugunstell der ruffifefjen Regierung handle, die. wie Graf Witte sich einem Korrespondenten des „Daily Telegraph" gegenüber geäußert haben soll' zur Deckung der noch vor dem Zusaullilentritt der Dlllna entrierten Schulden dienen soll. Bon zwei Seiten hat man allerdings die Nachricht voll der neuen Anleihe als unwahr bezeichnet, und zwar war es einerseits der französische Minister