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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-04 · Heft 1 (4.1.1907) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 sich selbst aber als kurzsichtig, leidenschaftlich, kurz als Politisch nicht ausgereift erwiesen haben. Bei aller Verworrenheit unserer politischen Lage können wir den Verhältnissen die eine gute Seite abgewinnen, daß wir erkennen, von einer bestimmten Politischen Richtung als Juden nicht abhängig 31t sein. Als freie, gleichberechtigte Männer dürfen wir unseren Standpunkt bei jeder politischen Partei wählen, auf welche uns Erziehung und Lebensanschanung hinweist. Wir dürfen erwarten, daß unsere Gefühle als Glaubensgemeinschaft von jeder nicht völlig rückständigen oder leidenschaftlich verblendeten Partei gebührend geachtet werden. Wenn jeder in seiner Partei es versteht, die Anerkennung seiner Parteigellossen 31t erwerben, ohne die Achtllllg der Gegner zu verscherzen, so wird der deutsche Jude auch aus diesem Wahlkampfe in dem Bewußtsein hervorgehen, daß die politische Entwicklung vorwärts schreitet und daß wir alle die Tage lloch zu erleben hoffen dürfen, in denen inan, wie in politisch reiferen Ländern, vom religiösen Standpunkte aus eine Mahlbewegung überhaupt nicht zu betrachten nötig hat. Daß dies heilte in Deutschland leider lloch nicht möglich, lvird jeder Einsichtige von vornherein zugebell. Damit ist aber auch die Notwendigkeit zllgestandell, daß wir als Judell uns bcn entsprechenden Standpunkt im Wahlgetriebe allssllchen unb diesen sesthalten. Bit Woche. Berlin, 1. Januar, ngesichts der wilden Jagd arrf Mandate, die die Vertreter der „Wirtschaftlichen Vereinigung" jetzt vor den Rei chstagswahlen begonnen, haben, ist es von Interesse, sich einlnal zlvei Vertreter dieser Richtung näher allzusehen. Zrulächst den Herrn nnb Meister selbst. Ein llationalliberaler Abgeordneter hatte in einer der letzten Sitzrmgell des arlfgelösten Reichstags sich darauf bezogen, daß .Herr Lieber mann v. Svnnenberg nach der alltisenlitischen „Hessischen Bolksztg." von feinen Wählern gesagt habe: „Meine Ballern sind treu wie die Hunde, aber dreckig wie die Schweine." Liebermann voll Sonnenberg erklärte darauf, er habe gegen diese „infalne Verleumdullg" die Gerichte angerufen. Die „Hess. Bolksztg." erwidert nun hierauf, daß sie in dieser Bemerkurlg Liebermanns einen neuen ektatalltell Beweis seiner seit längerer Zeit so oft wahrgenommenen fatalen Gedächtnisschwäche finde. „Der vieledle Herr hat nämlich offenbar seinen guten Wittel! mit der £at verwechselt, wenn er meint, daß er gegen diese infame Verleumdung die Gerichte angernsen hat; denn davon müßte doch lvenigstens nnserm seinerzeit verantwortlichen Schriftleiter durch Vorladung etwas bekannt geworden sein. Leider ist dies nicht gescheherr, und so wird uns wohl der Hauptspaß ewig versagt bleiben, Herrn v. Liebermann vor den Schranken des Gerichts ein trauliches Stelldichein zu geben. Wie beklagenswert dies auch ist, Herr v. Lreberlnann hat sich, seinen Angreifer und seine Zuhörer in frommen Wahn gewiegt, als er Herrn Scheidemalln in Aussicht stellte, einer derartigen Gerichtsverhandlung in Kassel beiwohnen zu können. Die Entrüstungspose im N e i ch s k a g steht also einem Herrn von den .Qualitäten des Abgeordneten Liebermann v. Sonnen* b e vg s ei) lcch t au, der sich für infam verlelllndet erklärt, v 0 rgibt die Beleidigungsklage angestrengt zu haben, und dennoch die ihm dazu gebotene Frist hat ruhig verstreichen lassen. Jetzt, sind nahezu vier Monate nach Veröffentlichung des Artikels ins Land gegangen, ohne daß mir von einer solchen Klage Kenntnis erhalten haben!" Und nach dem Meister den Schüler! Aus Phritz wird nämlich hiesigen Blättern berichtet: „Ter Fall, daß ein Reichstagsabgeordneter ans der Fraktion ausgeschlossen wird, ereignet sich selten. Wie jetzt erst hier bekannt wird, wurde der Reichstagsabgeordnete für den Wahlkreis Pyrih-Saatzig, der antisemitische Ex Pastor K rö s el l, nach einer Erklärung des Fraktionsvorsitzenden der Wirtschaftlichen Vereinigung des „Alten Reichstages", Liebermann v. Sonnenberg, cnn Auflösungstage des Reichstages (13. Dezember) ans der Fraktion der Wirtschaftlichen Vereinigung ausgeschlossen und soll, im Falle seiner Wiederwahl in unserem Wahlkreis, in die Fraktion nicht wieder aufgenonnnen werden. Die Ausschließung Krösells dürfte mit dessen gehässiger Kampfesweise, die ihm viele Strafprozesse eingebracht hat, in Verbindung stehen. Da Krösell bisher „kneifte", war gegen ihn während der Sommerferien des verflossenen Reichstags ein Steckbrief erlassen worden, der wahrscheinlich jetzt wieder erneuert lverden wird. Für den 27. Dezember standen vor der Strafkammer in Stargard i. P. zwei Verhandlungstermine an, die aber wegen „Abwesenheit des Angeklagten im Anslande" abgesetzt werden mußten. Krösell weilt angeblich in London, hat sich aber trotzdem wieder als Kandidat aufstellen lassen." Und eine solche Gesellschaft verlangt die amtliche Uebersetzung der jüdischen Religionsbücher! Und will sich nicht einmal -mit einer offiziellen Nebersetzung begnügen! Denn sie muß genau wissen, was in diesen jüdischen Religionsvorschriften über Ehre und Treue, über Recht und Wahrhaftigkeit in Handel und Wandel enthalten sei. In der Tat, eine Nebersetzung jener Bücher wäre für die Antisemiten aller Richtungen sehr wünschenswert, wenn man nur hoffen könnte, daß die Lektüre derselben ans sie läuternd wirken könnte! Um übrigens jedem das Seine zu geben, müssen wir noch hinzufügen, daß jene Forderung auf dem Parteitag der „Deutschen Reformpartei" in Kassel wieder erhoben, daßman aber schließlich davon Abstand genommen hak, weil man nicht das Vertrauen habe, „daß eine derartige offizielle Uebersetznng einwandsfrei ausfallen werde". Zum Beweise für die Richtigkeit dieses Verdachts zitiert die „Deutsche Reform" ein Wort des Vorsitzenden in der Gerichtsverhandlung gegen den Hamburger antisemitischen Redakteur, der den „Verband Deutscher Juden" so heftig angegriffen hatte. Der Vorsitzende des Hamburger Gerichtshofes sagte nämlich, der Talmud sei ein Riesenwerk, und man dürfe „aus einem solchem Werke, das im Laufe von Jahrhunderten entstanden sei und nicht nur Religionssätze, sondern auch philosophische Gedanken und Lebensregelu enthalte, nicht einzelne aus dem Zusammenhang gerissene Sätze verwerten, ohne den Sinn derselben vielleicht zu verändern oder mißzuverstehen". Auch bemerkte derselbe ferner, daß „eine Anzahl Männer der Wissenschaft die angeführten Talmudstellen anders übersetzen und interpretieren". Er nannte da unter anderen Professor Strack. Und nun hat die „Deutsche Reform" den Mut — um uns höflich auszudrücken — zu bemerken, daß der Hamburger Richter über „dessen arge gerichtliche Niederlagen" sonach wohl nicht unterrichtet sei, da er sich sonst auf diesen Gelehrten nicht berufen hätte. Was soll man dazu sagen? Gibt es da eine Widerlegung, ist da ein ehrlicher Kampf noch möglich? Ja, der Staatsanwalt in dem Hamburger Prozeß ging nach der „Deutschen Reform" noch weiter. Erbetonte: „Talmud und Schulchan Aruch seien nach der Erklärung auch von jüdischer Seite nicht als Einrichtungen der jüdischen Religionsgesellschaft zu betrachten." Und das veranlaßt natürlich die „Deutsche Reform" zu der weisen Bemerkung: „Was auch in den betreffenden Schriften enthalten ist, stets wird ein Hintertürchen gefunden lverden, durch das das Judentum .hindurchschlüpft, und eine amtliche Uebersetznng beziv. „Interpretation" nach Strackschem Muster würde diese Art Beweisführung sanktionieren".

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