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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-01-04 · Heft 1 (4.1.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 1 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 4. Januar 1907. 71. Jahrgang. No. I. Allgemeine eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsst-llen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Bedaktenr: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philippsorr. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNssse, Berlin. Dje AnchstassVShlen und dir Juden. U Berlin, 1. Januar, eberraschend und seltsam sind die Vorgänge, welche in den letzten Wochen zur Auflösung des Reichstages geführt und vorzeitig die Wähler an die Urnen gerufen haben. Eine Meinungsverschiedenheit über das Maß der für die Kolonialpolitik der Regierung erforderlichen Aufwendungen hat die Regierung zu dem Entschlüsse getrieben, an die Wähler selbst zu appellieren. Sicher ist der Anlaß der Auflösung nicht der innere Grund dafür gewesen; die heftigen Auseinandersetzungen zwischen^dem" neuen Kolonialdirektor Dernburg und dem Vertreter der mächtigsten Partei des Reichstages haben vielmehr gezeigt, daß der Reichskanzler und sein neuer Kolonialdirektor es für ausgeschlossen halten, mit dieser Partei und auf sie gestützt weiter zu regieren. Wenn eine Regierung zur Aufi lösung des Parlamentes schreitet, so geschieht das in parlamentarisch regierten Ländern in der Hoffnung, eine Mehrheit zu finden, auf welche die Regierung sich künftig stützen kann. Das Deutsche Reich gehört zu den parlamentarisch regierten Ländern nicht; einen politischen Grund für die Auflösung zu finden, wird dem unparteiischen Beobachter daher recht schwer sein, zumal man nicht erkennen wird, aus welchem Grunde diesmal Verhandlungen über das Maß derBewilligungen von vornherein aussichtslos gewesen wären. Der delltsche Jude, der sich einer politischen Partei angeschlossen hat, wird ohne weiteres seine Stellung bei den Wahlen selber finden, sofern in seinem Wahlkreise die Partei, zu der er sich bekennt, irgendwelchen Einfluß besitzt. Bei der Zerstreuung unserer Glaubensgenossen und bei der Zersplitterung unserer politischen Parteien werden unsere Glaubensgenossen aber mehr als andere vor die Frage gestellt werden, welcher ihnen innerlich fremden Partei sie als dem kleineren Nebel bei den Wahlen den Vorzug zu geben haben. Da denken wir vor allem im Osten des Reiches an die Frage, ob ein ausgesprochener Antisemit vor dem Polen oder dem Zentrumsmanne den Vorzug verdient. Wir stehen keinen Augenblick an, zu erklären, daß die Selbstachtung einem Juden die Wahl eines Antisemiten an sich und ein für alle Mal durchaus unmöglich macht. Die sogenannten deutschen nationalen Parteien müssen, wenn sie auf jüdische Stinnnen zählen wollen, den Kandidaten der Deutschen so wählen, daß eben alle Deutschen, auch die jüdischen Deutschen, in ihm den Vertreter ihres politischen Willens zu sehen vermögen. Wer die politischen Rechte der Juden negiert, wer sie im Wahlkampfe mit Hohn und Spott überschüttet, wer im Geschäftsleben sie als Schädlinge ausschreit, der soll nicht um ihre Stimmen werben. Rücksichten auf hohe Gönner solcher Kandidaten müssen diesen Erwägungen gegenüber unbedingt zurückstehen. Diese Lehre haben wir aus den Wahlkämpfen der letzten 25 Jahre gezogen und wir müssen auch diesmal au ihr unbedingt sesthalten. Wie aber in den gemischtsprachlichen Bezirken des Ostens, wo man bei der Aufstellung der deutschen Kandidaten die Gefühle der jüdischen Wähler zu schonen hat, die Person des Kandidaten für unsere Stellungnahme von entscheidendem Einflüsse ist, so wird überall die Person und die Gesinnung des einzelnen Kandidaten für den jüdischen Wähler die Entscheidung herbeiführen, ob er ihm seine Stimme und seinen Einfluß auf andere Wühler leihen kann. Wir müssen bekennen, daß wir nicht grundsätzlich es ablehnen dürfen, einem Zentrumsmanne jüdische Stimmen zu gönnen, wenn er sich als das kleinere Uebel darstellt. Es kann der Zentrumspartei im Reichstage die Anerkennung nicht versagt werden, daß sie im Gegensätze zur preußischen Landtagssraktion in Fragen der Gleichberechtigung aller Bekenntnisse nach derselben Richtung wirkt, in welcher die jüdischen Wünsche liegen. Was den sogenannten Toleranzantrag des Zentrums betrifft, so kann ihn im großen und ganzen jeder jüdische Reichstagswähler unterschreiben. Gegen eine Beschränkung oder Abänderung des Gleichberechtigungsgesetzes vom 4. Juli 1869 würde sich die Zentrumsfraktion des Reichstages gewiß jederzeit erklären. Wenn Heißsporne aus den Kreisen der Antisemiten, der Landbündler, der Konservativen oder sonstiger Parteien gegen Zentrumsleute zur Wahl stehen, so wird ein toleranter Zentrumsmann gewiß als das kleinere Uebel erscheinen, mag man auch sonst den Einfluß dieser Partei als Politiker gern auf ein Minimum beschränkt sehen. Für selbstverständlich halten wir es, daß jeder jüdische Wähler es als eine Pflicht der Selbstachtung ansieht, die persönliche antisemitische Richtung eines Kandidaten auch bei der Stimmabgabe nicht zu vergessen. Es wäre Selbsttäuschung, wollte man leugnen, daß in allen Parteien von rechts bis zur äußersten Linken gelegentlich antisemitische Aeußerungen gefallen sind. Rechnen derartige Politiker auf die Achtung jüdischer Wähler, so mögen sie ihren Standpunkt korrigieren und nicht für etwaige Fehler einzelner Juden deren Gesamtheit verantwortlich machen. Darauf muß diesmal ganz besonders geachtet werden, wo so viele homines novi auf den Plan treten. Pflicht der politischen Parteileitungen aber wird eS sein, nicht solche Männer den Wählern vorzuschlagen, welche die eigene Partei durch beleidigende Generalisierung bloßstellen.

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