Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 £2 Berlin, 22. Dezember. Herr Dr. S. Maybaum, der langjährige hochgeschätzte Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde und Dozent an der Lehranstalt sür die Wissenschaft des Judentums, hat, wie wir erfahren, vom Kultusminister den Titel Professor erhalten. Die Auszeichnung ist in Anerkennung der literarischen Verdienste, die sich Dr. Maybaum namentlich auf dem Gebiete der Bibelkritik und der Geschichte des Prophetentums, sowie der Homiletik erworben hat, erfolgt. Es ist das erste Mal, daß ein preußischer Rabbiner in dieser Weise durch den Kultusminister ausgezeichnet wird. «.Berlin, 17. Dezember. Im Verein für -jüdische Geschichte und Literatur setzte heute Herr Dr. S. Ochser in einem zweiten Vortrage das Thema: Judentum und Assyriologie fort. Nachdem er einleitend auf die betrübende Tatsache hingewiesen. daß das Studium der Assyriologie dazu benutzt werde, um das Judentum zu verunglimpfen. gab er eine übersichtliche Zusammenstellung der assyrischbabylonischen Götterwelt und zeigte die Differenz zwischen dieser Götterwelt und dem jüdischen Gotte. An der Weltschöpfung und dem Paradiese, wie auch an zwei Erzählungen „Urväter und Sintflut" legte er ebenfalls die Divergenz in der Bearbeitung nach den biblischen und assyrisch-babylonischen Quellen dar. Das Auditorium folgte den Ausführungen mit großem Interesse und nahm sie mit lebhaftem Beifall auf. —Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Danzig sprach Dr. Freudenthal über „die jüdische Religionsphilosophie"; in Culm Dr. N ord heim er-Schwetz über „Das Kaddischgebet"; in Sch weh Dr. Nordheim er über die „Welt- und Lebensanschauung des Judentums" und „Herder und die Inden"; in Jnowrazlaw Dr. Be r man n-Insterburg über „Tolstoi, ein Essäer"; Dr. Julius Moses-Berlin über: „Morris Rosenfeld, Lieder des Ghetto"; in Forst Rechtsanwalt Zuckermann: „Meine Erlebnisse im Orient"; in Köln Dr. Lewit°Birkenfeld über „Schopenhauer und Kohelet"; Dr. Adolf Brüll-Frankfurt a. M. sprach in Bonn und Neuwied über „Die Stellung des Judentums zum Christentum" und in Sieg bürg über „Die assyrisch-babylonischen Entdeckungen und die Bibel"; Professor Dr. M. Philippson in Stuttgart über „Die Juden in Deutschlands Frühzeit". §2 Berlin, 21. Dezember. Das neunte Heft der „Zeitschrift des Königlich Preußischen statistischen Bureaus" bringt Ziffern über die Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle im preußischen Staate während des Jahres 1902, denen wir die folgenden Daten, welche sich auf die Juden beziehen, entnehmen. Es wurden geboren lebend tot beide Eltern jüdisch. . . 7072 214 Vater jüdisch Mutter evangelisch . . 258 8 „ „ „ katholisch . . . . 56 — „ „ sonstig . . . . . 15 — „ evangelisch. Mutter jüdisch . . 238 7 . katholisch „ . . . . 89 1 ,, sonstig „ „ . . . . 15 1 uneheliche Kinder jüdischer Mütter. . . 294 16 Dies ergibt, die Kinder aus Mischehen erfahrungsgemäß nur zu einem Viertel gerechnet, 7529 Geburten lebender jüdischer Kinder. Dagegen starben Juden über 15 Jahre 4457 --- 1.27 Prozent der G^jamtziffer unter 15 Jahre 1201 — 0,37 „ „ „ Wir sehen also wieder eine sehr günstige Sterbeziffer der Kinder, eine äußerst ungünstige der Erwachsenen; zusammen sreilich ergibt sich mit 0.84 Prozent immer noch ein günstiges Resultat, dem dagegen bei den Geburten mit 0.6 Prozent ein um so ungünstigeres gegenübersteht. Wir nlüffen uns immer vergegenwärtigen, daß 1,1 Prozent erst der Durchschnitt der Bevölkerung ist. Ehen wurden geschlossen beide Teile jüdisch . . . , . . . 2578 Mann jüdisch, Frau evangelisch. . . 187 „ „ „ katholisch . . . 48 . „ . sonstig . . . . 7 „ evangelisch. Frau jüdisch . . 169 „ katholisch , „ . . . 46 „ sonstig 9 Die Eheziffer ist nicht schlecht, rechnet man die Mischehen zur Hälfte, so erhält man 1.02 der Gesamtzlffer der Eheschließungen in Preußen, freilich ohne die Mischehen sind es nur 0,2 Prozent. --- Berlin, 22. Dezember. Im jüdischen Mädchensti ft fand am 17. d. M. anläßlich der Chanukahfeier im Beisein des Vorstandes und einiger Freunde und Gönner der Anstalt neben der üblichen Bescherung auch die feierliche Entlassung der demnächst scheidenden und in den Dienst tretenden Zöglinge sowie eine Prämienverteilung für längere treue Pflichterfüllung im Dienste statt. Im ganzen haben bisher von den ans „dem Stift entlassenen 58 Zöglingen bereits 12, welche 2 bis 9 Jahre in derselben Stellung gut bewährt hatten, die Prämie znerkannt erhalten, ein sprechender Beweis für die ersprießliche Wirksamkeit der segensreichen Anstalt. Bei der Feier hielt der Vorsitzende Direktor Dr. Strelitz eine eindrucksvolle Ansprache an die versammelten gegenwärtigen und ehemaligen Zöglinge. 22 Berlin, 17. Dezember. Am 14. d. M. ist hier der bekannte Hotelbesitzer und Restaurateur Leopold Peltesohn im 64. Lebensjahre gestorben. Derselbe gehörte seit vielen Jahren dem Repräsentanten-Kollegimu der Beth-Hamidrasch-Gesellschaft an und versah gleichzeitig noch vor kurzer Zeit das Ehrenamt eines Synagogenvorstehers. In beiden Stellungen vertrat er stets mit Eifer und warmem Interesse die Angelegenheiten des altehrwiirdigen Instituts. Alle, die ihn kannten, werden dem strebsamen und vortrefflichen Manne ein ehrendes Andenken bewahren. --- SWittemünde, 18. Dezember. Eine konfessionelle Umsatzsteuer ist das neueste auf steuerlichem Gebiete. In Swinemünde ist die evangelische Kirche durch eine Millionenerbschaft in die Lage gekommen, das ihr vom König Friedrich II. verliehene Recht, von jedem Hausbesitzer jährlich einen Taler und bei Grundstücksverkäufen eine Steuer von 1"3 pro Mille einznziehen, entbehren zu können. Die Kirchenvertretung beschloß deshalb, nicht nur aus die Traugebühren, den Klingelbeutel rc., sondern auch auf die erwähnten Abgaben zu verzichten. Das Konsistorium in Stettin hat aber die Haus- und Umsatzsteuer nur für die evangelischen Einwohner aufgehoben. Eine deshalb an den Kultusminister von den jüdischen Hausbesitzern gerichtete Eingabe ist dem Evangelischen Oberkirchenrat überwiesen worden. Nicht nur der Kirchenrat und die Kirchengemeindevertretung, sondern fast alle Einwohner von Swinemünde stehen auf der Seite der jüdischen Hausbesitzer und mißbilligen die Entscheidung des Konsistoriums. ----- Bveslau, 18. Dezember. Der Verein israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen hat seine 25. ordentliche General-Versammlung auf den 27. Dezember 1903 in dem Sitzungssaal der Repräsentanten der Synagogengemeinde anberaumt. Die Tagesordnung: 1. Die 25 jährige Tätigkeit des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen; 2. Bericht über das letzte Vereinsjahr sowie über die Tätigkeit des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche; 3. Rechnungslegung der Kassenverwaltnng; 4. Neuwahl des Vorstandes; 5. Wahl von Delegierten zum nächsten Verbaudstage. 6. Das Wesen des Religionsunterrichtes (Rabbiner Dr. Kaatz-Zabrze); 7. Probelektion über „Amos" (Moops-Breslan); 8. Zur Frage der Fortbildung der jüdischen Lehrer auf dem Gebiete der Religionswissenschaften (Bähr-Waldenburg); 9. Die sozial-pädagogischen Forderungen! der Gegenwart und ihre Verwirklichung innerhalb unserer Glaubens-? gemeinschaft (Witt-Gostyn). M. Schrreidemühl, 15. Dezember. Am 26. Dezember d. I. blickt der hiesige jüdische Frauenverein auf sein 50jähriges, segensreiches Bestehen zurück. Mit Rücksicht auf das Todesjahr des Begründers genannten Vereins, des im März d. I. verstorbenen Rabbiners Brann, hat der Vorstand von einer größeren Jubiläumsfeier Abstand genommen. Am Jubiläumstage, am 26. Dezember, findet in der Synagoge nach der Sabbatandacht eine gottesdienstliche Feier, bestehend aus Gesang und Predigt statt. Nachmittags vereinigen sich die Mitglieder des Vereins zu einer Sitzung. — Der jüdische Fraueuverein zählt augenblicklich 97 Mitglieder und besitzt ein Ver-! mögen von 6500 Mark. Vorsitzende des Vereins ist Frau Bankier; Rosa Berliner. Kp. Ostvowo, 14. Dezember. Am Sonnabend starb in unserem russischen Nachbarort Kali sch nach längerer Krankheit im Alter von; nahezu 80 Jahren der wegen seiner umfassenden Talmndkenntnis, seiner reichen Gelehrsamkeit und strengen Frömmigkeit weithin bekannte Gemeinderabbiner Samson Arnstein. Der Verstorbene, ein geborener Deutscher (er stammte aus Kempen), amtierte in Kalisch gegen 20 Jahre und unterhielt mit dem hiesigen Rabbinat stets freundliche Beziehungen. Heute vormittag fand unter sehr reicher