Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-25 · Heft 52 (25.12.1903) · p. Seite 623

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 52 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
Seite 623 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228580--60456-3297048
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

623 „ist der reine Don Juan, sie sucht immer Mädchen. Uebrigens ist sie hier, sie sitzt bei Frau Meyer." „Aha, die Unzertrennlichen." Frau Meyer erzählte eben von der Unverschämtheit eines Betteljungen, der ihren Kneifer gefunden und mit einem fürstlichen Geschenk nicht zufrieden war. Ihre Nase bog sich nach rechts. „Sie wissen, ich bin die Sanftmut selbst, aber da sagte ich nun doch: heraus! Mein Mann und Selma konnten mich kaum beruhigen." Unter elegischem Nasenschlängeln trank sie ein Glas Wein aus. „Wie geht's Ihrer Tochter, man sieht sie so selten." „Ach, sie nimmt einen Tanzkursus mit und ist so sehr in Anspruch genommen. Den ganzen Tag klingelt das Telephon > Fräulein Selma hier, Fräulein Selma dort." „Ja," fuhr sie vornehm fort, „wenn man so den Mittelpunkt der Gesellschaft bildet, muß man doch seine Pflichten erfüllen." Die Damen, welche die gerühmte Selma kannten, wußten ihre Heiterkeit nicht zu unterdrücken. Eine jedoch, welche der Frau Meyer gewachsen zu sein schien, fragte harmlos: „Wie oft hat Fräulein Selma schon tanzen gelernt?" Frau Meyers Nase züngelte dräuend gegen die vorlaute Frau Oppenheimer, sie ignorierte aber erhaben diese Frage. Unten am Tische, wo Heinrich präsidierte, ging es sehr lustig zu. Dort saßen die Herren und Damen, die noch teilweise kurze Hosen und kurze Kleider trugen, die noch eine unsagbare Heiterkeit entwickeln konnten, wenn einem eine Gabel ans der Hand fiel. Philipp Kühl, jetzt ein Schüler des Polytechnikums, war auch anwesend, da er ein Liebling des Hauses geworden. Er erzählte eben Heinrich flüsternd sein Abenteuer mit Frau Meyer, ihm die Frau zeigend, worüber sich dieser halbtot lachen wollte. „Philipp!" jubelte er, „Du mußt sie nachher fragen, ob sie ihren Kneifer lange nicht mehr verloren." Philipp, der gleichfalls etwas sehr munter war. versprach dies und führte es auch später ans. Entsetzt blickte Frau Meyer auf den gut gekleideten Jüngling, in dem sie den betreffendeil Laufburschen ivieder erkannte. Ehe sie sich aber auf eine Antwort besinnen konnte, war er verschwunden. „Das ist mein Tod!" stöhnte sie, zum ersten Mal seit langer Zeit verblüfft. Kapitel 10. Plötzlich ertönten im Nachtisch die lockenden Klänge einer Polonaise aus dem großen Saal. Wie elektrisiert sprangen die jungen Leute auf. Die Paare fanden sich, und unter dem Kommando des Tanzordners rollte sich die Schlange der Polonaise durch den Saal und die geöffneten Nebenräume. Die Herriir des Hanfes eröffnete den Zug mit Doktor Lispel. Die älteren Herren beteiligten sich gezwungenerweise an der Polonaise. Als dieselbe sich jedoch zum Schluß in einen Walzer auflöste, ließen viele ihre Damen schnöderiveise stehen, sagten auch wohl heimtückisch: „Sie sind wohl müde, meine Gnädige" und führten sie zu einem Sessel. Herr Berger winkte einem Diener, und dieser eilte zu verschiedenen Herren, ihnen etwas zuflüsternd. „Das erste vernünftige Wort, das ich heute höre," sagte Herr Meyer befriedigt, „komm Mendel". Die Herren folgten dem Diener durch den Saal, ein Treppchen herunter in ein gemütlich durchwärmtes Zimmer. Einige Tischchen waren mit Skatapparaten versehen. Selbstverständlich fehlten auch eine Flaschenbatterie und Rauchreqnisiten nicht. ... „Aha!" machten vergnügt die Herren, bald waren einige! Partien im Gange. Der Hausherr war mit dabei, entschul-; digte sich aber im voraus für etwaige Störungen, denen er ' ausgesetzt sei. „Ach was," brummte Doktor Levy, „schließen Sie die Tür, dann werden Sie nicht gestört. Die dort oben tanzen oder! sprechen über Literatur." „Wer gibt?" „Das ist egal, der Vortrag war geistreich." „Eine Karte oder ein Scheit Holz." „Schenken Sie bitte einmal ein, Ullmann." „Danke verbindlichst." „Spielen ivir oder machen wir Komplimente?" „Ich habe zweiundsechzig, Grand ohne vier, danke meine j Herren. Donnerwetter, ein Junge liegt im Skat!"! „Trösten Sie sich, das kann einem passieren, der Frau und j Kinder hat." So saßen die Herren und amüsierten sich und machten einen Tabaksgualnr, daß einer den andern kaum sehen konnte. ' Es trat eben eine Tanzpause ein. Der Weißwarenhändler! Straub führte seine Gegnerin von vorhin, Fräulein Bertha l Lewin, langsam durch den Saal. Die beiden senkten ihre leuchtenden Blicke tief ineinander. Die sonst blassen Wangen des Mädchens waren leicht gerötet, ihr Busen wogte, sie hörte andächtig auf die eindringlichen Worte ihres Kavaliers. „Also die moderne Vorbildung hast Du abgestreist und kannst mich einfachen Menschen lieben," sagte er eben zärtlich. „Ja," sagte sie innig, „ich bin mib werde, wie Du mich haben willst. Ich schämte mich während des Vortrags, daß : ich die Kommenden so bewundern konnte. Ich werde die ein-! fache jüdische Hausfrau." „Du entzückst mich, mein Liebling. Wir wollen uns aber nur von den Auswüchsen des Modernen fernhalten. Das gute j neue wollen wir dagegen mit offenem Herzen und offenem j Geiste aufnehmen, wir sind doch Kinder unserer Zeit."! In derselben Pause promenierte auch Erna mit Assessor i Rode. Erst bewegte sich die Unterhaltung auf künstlerischem Gebiete, bald jedoch war der Assessor des trockenen Tones satt > und begann die Präliminarien zur Festungsbelagerung. Er! erzählte voll seinen hochfliegenden Plänen, von seiner Mutter : und Schwester, die Erna in ihr Herz geschlossen hätten. Er sprach von der Toleranz in den höheren christlichen Kreisen, die Ehen mit Juden geradezu ersehnten, um die Assimilation der! jüdischen Mitbürger rascher herbeizuführeu. i Erna hörte gespannt zu. Sie konnte auch nicht begreifen, daß die Menschen sich der Religion wegen hassen und verfolgen. Und nun gar die gebildeten Menschen! „Was ist denn Religion? Wir sind Juden, weil es unsere Vorfahren auch waren, >vas aber weist heute bei uns auf unsere Konfession hin? Das ist ja abgetan wie bei — „Den gebildeten Christen, gnädiges Fräulein," unterbrach er sie. „Ber uns, die wir Kinder unserer Zeit sind, ist die Religion nur ein leeres Wort, der Unterschied in der Konfession nur eiil Popanz für die unreife Volksmaffe." An den Wänden aber saßen die Mütter und hielten furchtbares Gericht über die spazierende Jugend. lForts. folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.