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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-25 · Heft 52 (25.12.1903) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 52 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
Seite 622 (sequence 12)
Language
German
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622 Dr. Ludwig Philippson, der vor gerade 70 Jahren, im November 1833, in Magdeburg, wohin er soeben als Prediger berufen worden war, einen Zyklus von Vorlesungen über „die fortschreitende Entwickelung der Menschheit" hielt, die jene Grundsätze erweiterten, welche er, gerade gestützt aus Herder, als das wahre Gesetz der Geschichte erkannt hatte und denen er stets treu anhing/) Was Goethe empfand und auch aussprach bei Schillers Tode, tönt auch in unserrn Gemüte nach, indem wir am Saeeulartage Herders seines Genius pietätvoll gedenken: „Denn er war unser! Mag das stolze Wort Den lauten Ruf des Schmerzes übertönen! Es schritt sein hoher Geist gewaltig fort Ins Ewige des Wahren. Guten. Schönen, Und hinter ihn» in wesenlosem Scheine Lag, was die Menge bändigt, das Gemeine. Ihm glühte seine Wange rot und röter Von jener Jugend, die uns nie verfliegt, Von jenem Mut, der früher oder später Den Widerstand der stinnpfen Welt besiegt, Voll jenem Glauben, der sich stets erhöhter Bald kühn hervordrängt, bald geduldig schmiegt. Damit das Gute wirke, wachse, fromme, Damit der Tag dem Edlen endlich komme. Linder unlerer Leit. Roman von Jacob Levy. Kapitel 9. Vortrag nahm auch sein Ende, und da stürzten die Damen zu Doktor Lispel, ihm begeistert dankend. Später wandelten die jungen Mädchen Arm in Arm umher und eine sprach ästhetischer als die andere. Frau Berger bildete den Mittelpunkt der älteren Damen und tat, als ob sie die neuere Literatur gemacht hätte. Der Einjährige steuerte auf den Assessor los und fragte »nt satirischem Ausdruck! „Bist Du auch ein Kommender?" „Quatsch. Wenn ich nicht besondere Absichten hätte, wäre ich schon längst verschwunden." „Ah" Pfiff der Einjährige. „Jawohl. Die Tochter des Hauses hat sich ja erschreckend rasch ans einem Backfisch zu einem bildschönen Weib entwickelt, und ich werde die Festung mit allen erlaubten und unerlaubten Waffen angreifen. Nur muß sie sich die überschwengliche Bildung abgewöhnen." „Hugo, weißt Du, daß sie Jüdin ist?" „Natürlich. Wurde aber eine Christin mit solchem Reichtum, solcher Schönheit und solchem Geiste mich armen Teufel nehmen? Da müßte doch ein Gesandter oder ein Kavalleriegraf kommen." „Hugo, das Mädchen kann mir leid tun. Hoffentlich ist sie wirklich klug und nimmt Dich nicht." Der Hausherr näherte sich einer Gruppe Herren, aus der lautes Gelächter ertönte. „Meine Herren, was halten Sie von der Poömusik?" fragte er schmunzelnd. Ein Zeitungsverleger antwortete mit humoristischem ') „Ludwig Philippson" von Dr. M. Kayserling. Leipzig, Hernian» Meiidelsioh», Seite 46. Lächeln: „Herr Berger, Ihr Souper muß sehr, sehr vorzüglich sein, denn wir haben es redlich verdient." Er lachte laut. „Ganz meine Ansicht. Sie sollen aber befriedigt werden." Mit leiserer Stimme fuhr er fort: „Wenn aber meine Frau und Tochter noch nicht kuriert sind, dann sind sie behext. Aber ich suche meinen Heinrich." Da kam er eben herbei. „Nun, Du Wildfang, ich sah Dich ja den ganzen Abend noch nicht." „Ich war im Hintergründe mit meinen Freunden bei den Herren. Aber Vater, jetzt ist der Assessor Rode viel liebenswürdiger als in Badenweiler. Er ist ein ganz reizender Mensch und will mich fechten lehren." „Siehst Du. mein Sohn, man soll mit seinem Urteil niemals voreilig sein. Doch da scheint Dich Dein Freund Hans zu suchen, geh zu ihm." Heinrich lief zu einem lang aufgeschoffenen blonden Jüngling, der ihm von weitem entgegenrief!" „Du Heinrich, Du sollst zu Deiner Mutter kommen!" Die Jünglinge faßten sich in den Arm und schlenderten zu Frau Berger, die den Freund ihres Sohnes gleich einigen Damen vorstellte: „Herr Hans Lukas, Sohn des Geheimen Regierungrats Lukas." Heinrich zog nach einer kurzenWeile seinen Freund ungeduldig fort. Dieser sagte: „Du Heinz, Deine Mutter stellt mich nur be»i Müttern und Großmüttern vor, jetzt gehen ivir zu den jungen Mädchen und bleiben bei ihnen. Du brauchst aber nicht bei den Vorstellungen die Qualität meines Alten zu verkünden." Heinrich lachte. „Diese Erinnerung wäre bei mir nicht nötig gewesen. Du dürftest doch wissen, daß ich daran nicht denke und mir dies höchst gleichgültig ist," „Ja," sagte Hans, den Arm seines Freundes liebevoll drückend, „ich weiß, daß Du ein rechter Kerl und mein Freund bist." „Hans, sollen wir auch zu den Kommenden gehen?" „Wir können uns auch Ringe durch die Nase ziehen." „Das wäre jedenfalls gescheiter." Sie fingen den gleichfalls eingeladenen Maler Küppers auf, der leise zu Heinrich sagte: „Du, komm morgen zu mir, dann gebe ich Dir eine Bleistiftzeichnung Eurer ästhetischen Vorlesung mit dem übergeschnappten Doktor Lispel. Jetzt gehe ich zu Deiner Schwester, obwohl ich zweifle, daß sie wieder auf der Erde schwebt." Er tat also und freute sich, daß Erna ihm einen Tanz aufgehoben. „Ich war Ihnen doch die kleine Aufmerksamkeit für die reizenden Skizzen in Badenweiler schuldig, die jetzt den schönsten Schmuck meines Zimmers bilden," sagte sie mit lieblichem Lächeln. Der Maler errötete und sah sehr glücklich aus. — Auf das Zeichen eines Gongs öffnete sich die Tür zum Speisesaal. Die Herren suchten ihre Tischdamen und bald erhoben sich die Hände zum lecker bereiteten Mahle. Die Unterhaltung wurde laut. Frau Berger versicherte über den Tisch, sie würde ihrem Salon das Gepräge der Literatur aufdrücken, und bat sich die Mitwirkung des Herrn Doktor Lispel und seiner Schule dazu aus, was dieser auch versprach. „Weshalb sehe ich Ihre Frau Gemahlin nicht hier, wie geht's ihr?" fragte Herr Mendel seinen Nachbarn, der mit einem riesigen Stück Salm beschäftigt war. „Meine Frau," sagte dieser, sich eine Ruhepause gönnend.

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