Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-25 · Heft 52 (25.12.1903) · p. Seite 621

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 52 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
Seite 621 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228580--60454-3297046
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

zu „Koheleth", indem er auf die Klarheit und Durchsichtigkeit des Ausdrucks, die philosophe Tiefe, gepaart mit religiöser Wärme, welche der Arbeit einen eigentümlichen Zauber verleihen, hinweist, so daß er „den ehrerbietigen, philosophischen Ton des Kommentars, rücksichtlich der klaren und fließenden Darstellung, der unter den Kommentaren nicht viel seines Gleichen hat, manchen christlichen Auslegern wünscht." Noch auf seinem Totenbette beschäftigte übrigens den sterbenden Herder der Kommentar Mendelssohns; daneben war es der Prophet Jesaias, aus dem er seelischen Trost schöpfte. Bezeichnend hierfür ist eine wahrheitsgemäße Anekdote. Die Mutter des Sterbenden, die Witwe eines Schullehrers in Moruugen (Ostpreußen), hatte einst an ihren zärtlich geliebten, sechsundzwanzigjährigen Sohn, als er sich auf Reisen befand, die folgenden Worte geschriebene „Mein liebes Kind! Du machst mir manche wehe Stunden, wenn ich answache und an Dich denke, so ist der Schlaf weg, und kann doch nicht mehr tun, als Dich dem großen Gott empfehlen, er wolle seinen Engeln Befehl tun, daß sie Dich ans den Händen tragen und ich habe das starke Zutrauen zu ihm, er werde mein Flehen nicht lassen umsonst sein. Ich wünsche Dir aus Deiner Reise die Worte Jesaias, Kapitel 43, Vers 1, 2, 4: „Der Herr wolle diese Worte tief in Dein Herz schreiben." Eine Nacht vor seinem Tode — am 17. Dezember 1803 — als er sich voll Schmerzen auf seinem Krankenlager unruhig hin- und herwälzte, ließ er sich nun eine Bibel geben, und als er sie ausschlng, bekam er gerade die eben erivähnte Stelle des Jesaias zu Gesicht. Obschon seitdem viele Jahrzehnte verstrichen lvaren, erinnerte er sich doch sogleich des hier angeführten Briefes seiner geliebten Mutter. Die Rührung übermannte ihn, dann aber fühlte er sich außerordentlich erleichtert, und sein Gemüt erheiterte sich, sodaß er zu den beideir ihn behandelnden Aerzten, die ihn am Morgen seines Todestages besuchten, scherzend sägen konnte: „Ich habe heute Nacht in der Bibel Trost gefunden: Eure Wasser- und Feuerkur wird mir nichts schaden." Die Literatur- und Kulturgeschichte, sowie die Biographie großer Männer darf aber keine Schönfärberei treiben und der Grundsatz der Gerechtigkeit und Wahrheit muß über alles gehen. Deshalb soll hier nicht unerwähnt bleiben, daß selbst ein so großer und edler Mensch wie Herder sich von den Vorurteilen seiner Zeit nicht ganz frei zu machen wußte, und nicht immer die Begabung besaß, seine liberalen Theorien in die Praxis umzusetzen. Während er in seinen Briefen einen so liebenswürdigen, freundschaftlicheil und herzlichen Ton anzuschlagen wußte, war er im persönlichen Umgang mit Mendelssohn, besonders als der Verkehr zwischen beiden coram publico, das heißt vor dein „p. I. Publikum und dem hochzuverehrenden Adel," vor sich ging, zugeknöpft, kühl, ich möchte beinahe sagen, beleidigend unnahbar. Er kehrte den evangelischen Kirchenfürsten gar zu sehr heraus und vergaß keinen Augenblick, daß dieser weltberühmte jüdische Philosoph, Denker, Gelehrte und Schriftsteller ihm gesellschaftlich nicht ebenbürtig, sondern nur ein schlichter, einfacher Kaufmann ohne Titel und Würden war. Dies zeigte sich ganz besonders grell anläßlich des Zusammentreffens der beiden im Bade Pyrmont. Herder, der damals Hofprediger in Bückeburg war, erschien im Gefolge des regierenden Grafen von Schanmburg-Lippe. Er konnte es mit seiner Würde nicht vereinen, bei seinen Begegnungeil mit Mendelssohn diesem gegenüber jene Wärme der freundschaftlichen Gefühle uild Empfindungeil zu erwidern, die den modernen Socrates für ihn beseelte, uild die dieser von Herder mit Fug und Recht erwarten durfte. Ueber die Gründe, welche Herder zu diesem sonderbaren Betragen gegen Mendelssohn veranlaßten, äußert sich der Biograph desselben, Dr. M. Kayserling, in seinem trefflichen Werkes meines Erachtens ein wenig zu scharf. Ich will gewiß nicht Herders Gebühren rechtfertigen, möchte aber darauf Hinweisen, daß in der Seele dieses Dichters neben großen glänzenden, gleichsam fascinierenden Eigenschaften, auch Schwächell und selbstische Triebfedern lebten. Zu den letzteren gehörten der Neid und die Mißgunst, welche nicht wenig dazu beigetrageil haben, ihn auch anderen Geistesheroen, wie Klopstock, Schiller und Goethe zu entfremden. Später freilich sah Herder ein, daß er sich Mendelssohn gegenüber eine arge Blöße gegeben, und bat ihn um Verzeihung. In den feinironischen, aber milden und geistvollen Worten vom 15. März 1781, womit Mendelssohn das damalige engherzige, ja beschränkte Benehmen Herders beleuchtet. Prägt sich in wundervoller Weise das herrliche Charakterbild des Verfaffers des „Phaedon" aus. Mendelssohn verzieh Herder alles, als dieser ihn mit einem trefflichen Artikel, den er in Wielands Zeitschrift „Mercur" dem gemeinsamen Freunde Lessing widmete, angenehm überraschte. Mit wahrhaft überschwenglicher Dankbarkeit quittierte Mendelssohn über dieses würdige literarische Denkmal, dem großen Genius errichtet. Auch im privaten Verkehr war Mendelssohn bemüht, den Ruhm Herders, soweit es in seinen Kräften stand, zu verbreiten. Aus der Fülle der Tatsachen mag hier nur der nachstehende Charakterzug herausgegriffen werden. Einst besuchten Mendelssohn einige französische Edelleute, und versicherten ihm, daß sie die Reise nach Deutschland nur zu dem Zwecke unternommen hätten, um den großen Friedrich und den Philosophen Mendelssohn zu sehen. Ohne darauf zu antworten, fragte er sie, ob sie nicht etwa auch nach Weimar reisen wollten, so die Gelegenheit ergreifend, von Wieland und Goethe, namentlich aber von Herder mit so außerordentlicher Lobeserhebung zu sprechen und auf diese Weise seine eigenen Verdienste in den Schatten stellend. In begeisterter Weise schilderte er die Begabung dieser Geistesheroeu, so daß seine Bewunderer bald merkten, daß dies in der Absicht geschähe, damit sie darüber ihn selbst vergeffen sollten. ^) Der Tod des alten Freundes erschütterte Herder aufs tiesste. In einem Briefe, den er um jene Zeit an den Philosophen Jacobi schrieb, gibt er seinem Schmerz über das unerwartete jähe Ableben Mendelssohns beredten Ausdruck. Schon bei der Nachricht von der Erkrankung des Philosophen urteilt er in einem Schreiben an den genanilten Jacobi: „Deutschland verliert immer in ästhetischem und philosophischem Fach in ihm den ersten Denker." Es kann nicht meine Absicht sein, den Einfluß, welchen Herder aus die moderne Exegese ausgeübt hat zu übertreiben, denn gar manches, was er geschrieben und als das Ergebnis einer mathematisch-wahren, kritischen Forschung hingestellt hat, ist längst veraltet, widerlegt und überholt, aber trotz alledem darf sein unsterbliches Verdienst, welches er sich um das biblische Studium und die Bibelkritik erworben hat, nicht geleugnet werden. Seine Anschauungsweise ist vielfach die herrschende und maßgebende geblieben und sein ganzes Auftreten muß als der Anfang einer neuen Zeitepoche in der alttestamentarischen Bibel-Hermeneutik bezeichnet werden. Seine geistreiche und feine Art wirkte namentlich auf die Jugend, aber auch viele bedeutende Gelehrte nahmen gern und dankbar an seinen Forschungen teil. Ich erwähne hier nur den h „Moses Mendelssohn, sein Leben und Wirken." Zweite vermehrte und neu bearbeitete Auflage. Leipzig, Hermann Mendelssohn. 1888. Seite 243 ff. ') M. Kayserling a. a. O., Seite 533 und Schmidts „Leben und Meinungen Moses Mendelssohns". Seite 3».

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.