Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-25 · Heft 52 (25.12.1903) · p. Seite 620

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 52 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
Seite 620 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228580--60453-3297045
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

620 Im erste» „Uebergang des Menschen zur Freiheit und Humanität/'') wird der Süudenfall nicht für einen Fall, d. h. nicht für eine rückwärtige Bewegung, sondern für einen Riesenschritt vorwärts gehalten, weil der Mensch dadurch aus einem Sklaven des Naturtriebes ein freihandelndes Geschöpf wurde, das aus der engen Ruhe des Paradieses in die tätige Weite und die weite Tätigkeit des Lebens versetzt wurde. Im zweiten Abschnitt „Häusliches Leben" ivird durch philosophische Reflexionen das zu ergänzen versucht, ivas die Bibel überspringt. Es wird dargestellt, wie die Begriffe der ehelichen Liebe, Geschwisterliebe, Hoffnung in die Herzen des ersteil Paares und ihrer Kinder eiuzogen. Sehr hübsch wird im dritten Abschnitt, „Verschiedene Lebensweise", Ackerbau und Viehzucht geschildert und gezeigt, wie der Mensch der Natur selbst die verschiedenen Arten der Tätigkeit ablernte und ablauschte. Wie dann Reich und Arm sich sonderte, lvie durch Reichtuni Sittenverderbnis eintrat, und wie gerade „Die Söhne der Freude" die Bastarde der Mächtigen sich au die Spitze größerer Landesstrecken zu stellen suchten. Inhalt des Abschilittes „Aufgehobene Standesgleichheit", leitet dann zu dem letzten Abschnitt „Der erste König" über, als welcher zunächst der stärkste, der beste Jäger berufen war, dem der größte Teil der Bellte zugewiesen wurde, und der sich zunächst gegen den Willen der Beherrschten zum Herrscher ausschivang. Auch in diesem Aufsatz spricht keineswegs blos der Bibelforscher, auch nicht der Historiker, sondern der Poet: Mit einer freilich fast zu kühnen Phantasie ivird der Urzustand der Menschen geschildert. Auch rationalistische Deutungen finden sich, die bei der späteren Fvrschring keine Billigung gefunden haben; so faßt Schiller das biblische Wort „Kinder Elohims" als die Reichen, Begüterten, und die Kinder der Menschen als die Armen, die Knechte auf. Endlich mag auf einen einzelnen Satz hingewiesen werden, der aus Kant von Schiller aufgenommeu ist. Kant hatte gesagt: „Kriegsgefahr ist auch jetzt das einzige, ivas den Despotismus mäßigt;" Schiller bemerkt zivar nicht wörtlich gleich, aber dem Sinne nach ähnlich: „Im Kampfe allein konnte der Mensch seine Vernunft und Sittlichkeit ausbilden."3) Man braucht zur Beurteilung dieses Satzes nur darauf hinzudeuten, daß nicht lange nachher Schillers Anschauung über dieKricgsfurie und die Greuel im Gefolge des Krieges ganz andere wurden, seitdem er in den 90er Jahren alle die Schrecknisse erfuhr, die infolge eines Krieges eintrateu. Den obigen Bemerkungen muß als einer ersten Behandlung eines großen Theinas, die naturgemäß viele kleine Bruchstücke aneiuanderzureiheu hatte, etwas Aphoristisches anhaften; es sind viele Einzelheiten, kein Ganzes. Aber vielleicht zeigen diese Betrachtungen, daß aus einem scheinbar unfruchtbaren Thema sich mancher Gewinn schöpsen, daß manches Unbekannte aus Leben und Dichten Schillers sich dartun läßt. Nur muß man von solchen Einzeluntersuchungen nicht allgemeine Resultate verlangen, und nach Kenntnis von einzelnen h Für Forscher, die jeder Parallele eifrig nachspüreu, sei folgendes bemerkt: Bei Schiller kommt einmal der Satz vor: „Der Kreis, in welchem er sich bewegt hätte, wäre der der Begierde gewesen, von der Begierde znm Genuß, vom Genuß zu der Ruhe, von der Ruhe wieder zur Begierde." In Goethes Faust heißt es bekanntlich: „So taumle ich von Begierde zu Genuß, Und im Genuß verschmachte ich nach Begierde." Die erstere Stelle ist 1790 gedruckt, die letztere 1808. Hat Goethe, der die Thalia gelesen haben kann, au das Schiller'sche Wort gedacht? ") Es ist nicht ganz richtig, wenn der sonst so gewissenhafte Hoffmeister a. a. O. 160, Schiller sagen läßt: „Krieg sei das unentbehrliche Mittel der Kultur." Stellen keine Urteile abgeben. Lobt Schiller das Werk und die Persönlichkeit Mosis, so ist er bannt kein Judengönner, so wenig er ein Judenfeind ist, wenn er ans die damaligen Juden einen verächtlichen Seitenblick wirft. Wirkliche Verachtung, grundsätzliche Abneigung gegen eine große Glaubensgemeinschaft stand seinem edlen Sinn, seinem reinetl Geiste fern. Er ist ein Denker, der kulturhistorische Probleme erwägt, nicht immer ausgerüstet mit gediegener Kenntnis, nicht ganz frei von Vorurteilen, er besitzt wederAndere verdammenden Glaubenseiser noch religiöse Voreingenommenheit. Ihm waren die Juden, wie so vielen deutschen Schriftstellern, etwas besonderes, weder Freunde noch Feinde. Die deutschen Jude>r aber haben ihm nicht gezürnt wegen seiner Lauheit, sondern haben ihm, soweit sie sich als Deutsche fühlten, gehuldigt wie ihre Sprach- und Volksgenossen, und ihn als nationalen und idealeil Dichter gefeiert Zohsnn Gottfried von Herder in seinen Beziehungen zum Judentum und zur Bibel. Zum 100. Todestage des Dichters von Dr. Adolph Kohnt. III. s bietet einen wahren Genuß dar, auch dem Ideenaustausch von Mendelssohn und Herder zu folgen. Aus einem Briefe Mendelssohns vom 18. Mai 1781 erfahren wir, daß er geivillt war, über „Lessings Charakter" einen Aufsatz zu schreiben, und man kann es n»ir lebhaft bedauern, daß er sein Vorhaben nicht ausgeführt hat — es wäre das gewiß das beste geivesen, was je^über Lessing veröffeiltlicht lvurde. Als der sonderbare Heilige, der Prediger Lavater, in törichter Weise eine gedruckte Aufforderung an Mendelssohn erließ, um diesen zu „bekehren" und sein Seelenheil zu retten, war Herder über das taktlose und fanatische Vorgehen des Judenmissionars sehr ungehalten. Er erklärte Lavater für einen verblendeten Enthusiasten mld Fanatiker, und es ist wohl auf feine, Herders, Initiative mit zurückzuführen, daß Lavater Mendelssohn um Berzeihuilg bat, mit der Begründung, „daß er den Unrechten Weg eingeschlagen habe, um zu zeigen, wie er ihn liebe und hochschätze, und sein Glück in der gegenwärtigen und zukünftigen Welt innigst wünsche." Ueberaus angenehm berührte es Mendelssohn, daß Herder in einem Briefe vom 4. Mai 1781 der Schrift „Jerusalem", welche ein Jahr vorher erschienen lvar, warme Anerkennung zollte. In seinem Dankbriefe gibt Mendelssohn seiner Freude hierüber lebhaften Ausdruck, indem er hervorhebt, daß die Versicherung Herders ihm mehr als ein leeres Kompliment dünke und ihm als reicher Ersatz erscheine „für alle schale Kritik und alles noch schalere Lob, womit die geivöhnlichen Rezensenten diese arme Broschüre verfolgen." Wenn er nur seinen zwei Freunden Herder und Garve nicht mißfalle, so sei seine Eigenliebe schon voll befriedigt. Daß Herder seinem Freunde Mendelssohn zu Danke verpflichtet war, liegt auf der Hand, denn die Einwirkung des „modernen Sokrates" nicht allein auf die theologische Weltanschauung des weimarischen christlichen Geistlichen, sondern auch auf seine Exegese und seine Kenntnis des Hebräischen und der rabbinischen Literatur, ist in den Schriften Herders klar nachzuweisen. Ohne die Pentateuch-, Psalmen- und Koheletübersetzung Mendelssohns wäre jedenfalls das Wissen Herders von der Bibel kein so umfangreiches und gründliches geivesen, wie es in der Tat der Fall war. Deshalb hat auch keiner der christlichen Zeitgenossen des Philosophen die klassische Verdeutschung der Heiligen Schrift durch Moses Mendelssohn mit größerer Wärme begrüßt als der Theologe von Weimar. In seinen „Theologischen Briefen" rühmt dieser den Kommentar

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.