Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- Seite 619 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Schiller selbst hat darauf hingewiesen, daß das Material zu dem Aussatz ebenso wie einige Hauptstellen aus der Schrift von Decius (das heißt: dem Jenenser Professor Reinhold) genommen ist: Die hebräischen Mysterien oder die ältesten religiösen Freimaurer, Leipzig 1788. Auch diese Schrift ist jedoch nicht selbständig, sondern fußt ans einem englischen Werke von Warburton, das auch Quelle fürLessing's „Erziehung des Menschengeschlechts" gewesen ist. Doch ist es für unfern Zweck nicht von hervorragender Bedeutung, diese Ableitungen und Entlehnungen im einzelnen zu verfolgen. Das von Schiller Aufgenommene muß. wenn es auch ursprünglich nicht von ihm herstammen sollte, als sein Eigentum in Anspruch genommen werden. Der Autor betrachtet das Judentum als Quelle für Christentum und Muhamedanismus, als Verkündigerin der Lehre von der Einheit Gottes für die ganze Menschheit und sagt dann: „Aus diesem Standpunkt betrachtet, muß uns die Nation der Hebräer als ein wichtiges, universalhistorisches Volk erscheinen, und alles Böse, welches man diesem Volke nachznsagen geivohut ist, alle Bemühungen witziger Köpfe, es zu verkleinern, werden uns nicht hindern, gerecht gegen dasselbe zu sein. Die Unwürdigkeit und Verworfenheit der Nation kann das erhabene Verdienst ihres Gesetzgebers nicht vertilgen und ebensowenig den großen Einfluß vernichten, den diese Nation mit Recht in der Weltgeschichte behauptet. Als ein unreines und gemeines Gefäß, worin aber etwas sehr Kostbares aufbewahrt worden, müssen wir sie schätzen; wir müssen in ihr den Kanal verehren, den, so unrein er auch war, die Vorsicht erwählte, nns das edelste aller Güter, die Wahrheit zuzuführen, den sie aber auch zerbrach, sobald er geleistet hatte, was er sollte. Auf diese Art werden wir gleich weit entfernt sein, dem hebräischen Volk einen Wert aufzudringen, den es nie gehabt hat, und ihm ein Verdienst zu rauben, das ihm nicht streitig gemacht werden kann." Das Leben der Israeliten in Aegypten, ihre starke Vermehrung, Absonderung, ihre Lebensweise nach nomadischer Art wird kurz dargetan und gezeigt, wie man, statt sie durch das ganze Land zu verteilen und mit anderen gleich zu behandeln, sie mit Arbeit und Abgaben belastete, eine besondere Provinz ihnen einräumte, die aber für die große Menge Menschen zu eng wurde. Unreinlichkeit und Aussatz waren die Folgen, dieser Aussatz wiederum die Quelle besonderer Bedrückungen, unter anderen auch der Vorschrift, daß die Neugeborenen von den Hebammen erwürgt werden sollten. Die Hebammen kamen | jedoch dem Befehle nicht nach: die Rettung der Hebräer kam durch einen aus ihrer Mitte, der aber srühzeitig ihrer Gesellschaft entzogen und mit ägyptischer Sitte und Sprache bekannt gemacht wurde. Dein: bei den ägyptischen Priestern lernte Moses die Lehre von der Einheit Gottes, selbst den Namen des höchsten Wesens, priesterliche Sitten und Gebräuche, die Lehre von der Beschneidnng. den Unsterblichkeitsglauben, er entnahm von ihnen die heilige Lade, in der das Unentweihte verborgen war und manches andere, durch sie gewann er eine Kenntnis der Naturkräfte und die Befähigung, sich ihrer mit überraschender Geschicklichkeit zu bedienen. Infolge der Ermordung eines Frohnvogtes muß er fliehen. In der Verbannung reift sein Entschluß, sein Volk zu erlösen, zugleich mit dem Plan, dies dadurch zu bewirken, daß er sich als Abgeordneter Gottes ausgab und dem Volke seinen wahren Gott auf eine fabelhafte Weise verkündete. Dann braucht Schiller folgende Worte: „Er legt also seinem Gott diejenigen Eigenschaften bei, welche die Fassungskraft der Hebräer und ihr jetziges Bedürfnis eben jetzt von ihm fordern. Er paßt seinen Jao dem Volke au, dein er ihn verkündigen will; er paßt ihn den Umständen an, unter welchen er ihn verkündigt, und so entsteht sein Jehovah. „In den Gemütern seines Volkes findet er zwar Glauben an göttliche Dinge; aber dieser Glauben ist in den rohesten Aberglauben ausgeartet. Diesen Aberglauben muß er ausrotten, aber den Glauben muß er erhalten. Er muß ihn blotz von seinem jetzigen unwürdigen Gegenstand ablösen und seiner neuen Gottheit zuwenden. Der Aberglaube selbst gibt ihm die Mittel dazu in die Hände. Nach dem allgemeinen Wahn jener Zeiten stand jedes Volk unter dem Schutze einer besonderen Nationalgottheit, und es schmeichelte dem Nationalstvlz, diese Gottheit über die Götter aller anderen Völker zu setzen. Diesen letzteren wurde aber darum keineswegs die Gottheit abgesprochen; sie wurde gleichfalls anerkannt, nur über den Nationalgott durften sie sich nicht erheben. An diesen Irrtum knüpfte Moses seine Wahrheit an. Er machte den Demiurgos in den Mysterien zum Nationalgott der Hebräer; aber er ging noch einen Schritt weiter. „Er begnügte sich nicht blos, diesen Nationalgott zum mächtigsten aller Götter zu machen, sondern er machte ihn zum einzigen und stürzte alle Götter um ihn her in ihr Nichts zurück. Er schenkte ihn zwar den Hebräern zum Eigentum, um sich ihrer Vorstellnugsart zil bequemen; aber zugleich unterwarf er ihm alle anderen Völker und alle Kräfte der Natur. So rettete er in dem Bild, worin er ihn den Hebräern vorstellte, die zwei wichtigsten Eigenschaften seines wahren Gottes, die Einheit und die Allmacht, und machte sie wirksamer in dieser menschlichen Hülle." Diese merkwürdige Darlegung Schillers ist im Grunde weniger eine historische als eine philosophische Abhandlung. Das, worauf es Schiller ankommt, ist eine psychologische Studie, nämlich zu zeigen, >vie der Seele Mosis die Jvee entstammen konnte, sein Volk zn rächen, und wie diese Idee zur Ausführung gelangte. Gerade dieser Teil ist vortrefflich; man kann freilich nicht sagen, so hat sich die Sache wirklich ereignet, aber mau muß dem Autor zngeben, daß sie so hätte geschehen können. Ein anderer bemerkenswerter Zug ist der rationalistische: Schiller nimmt zwar an, daß die Unterredung mit Gott im Dornbusch stattgesunden habe, drückt sich aber vorsichtig aus: „Das Gespräch, welches er mit der Erscheinung im brennenden Dornbusch hielt." Er gibt zwar zu. daß Moses die Wundertaten verrichtet habe, fügt aber bei: „Wie er sie verrichtet und wie man sie überhaupt zu verstehen habe, überläßt man dem Nachdenken eines jeden." Zu diesem Psychologischen und Rationalistischen kommt dann als drittes das Historisch-Merkwürdige hinzu: die angenommene Abhängigkeit von dem Aegyptischen: eine Delitzschiade ante Delitzsch. Einen gewissen Zusammenhang zwischen der jüdischen Entwicklung und der der umgebenden Völker wird kein Einsichtiger leugnen; über die Annahme einer so vollen Abhängigkeit hebräischer Eigentümlichkeiten von ägyptischen Anschauungen und ägyptischem Kultus sich zu ereifern, wie es außer manchen Juden auch der glaubenseifrige Janssen getan hat, der die Willkür, mit der der Historiker die Quellen benutzt, betrübend findet, und doppelt betrübend, „weil sie ohne irgend welche gründliche Vorstudien in ärgerlichster Weise an den heiligen Urkunden sich vergreist," ist znm mindesten geschmacklos. Schon in dieser Abhandlung ging Schiller auf die Bibel ein, obgleich seine Darlegungen viel weniger die Vorgänge erzählen, als die angedeuteten Ereignisse erklären wollen. Eine direkte Hinweisung ans die Bibel erfolgt in der Abhandlung: „Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde." Sie ist ebensowenig selbständig, wie die früher erwähnte; statt Neinhold ist hier der Meister Kant Führer und Wegiveiser. Der Aufsatz zerfällt in vier Abschnitte.