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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-25 · Heft 52 (25.12.1903) · p. Seite 616

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 52 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
Seite 616 (sequence 6)
Language
German
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616 nun mit verschiedenen Werkzeugen, die eiserne Kasse zu erbrechen. 13 Stunden bis 10 Uhr nachts arbeiteten sie daran, von niemandem gestört, obwohl meinem Wohnhause gegenüber eine Polizeistation ist. Als die Leute die Kasse gesprengt hatten, raubten sie alles. All mein Flehen und Weinen beim Polizeivorstand blieb vergebens; er berief sich darauf, er habe keine Ermächtigung." Schmakow suchte durch mehrere Fragen den Anschein zu erwecken, als ob der Zeuge durch seine Ausbeutung Bauern und Arbeiter gegen sich aufgereizt hätte. Es erwies sich jedoch, daß Rudi als Kaufmann allgemein Vertrauen und Achtung genießt. Schon am Donnerstag hatte der Vorsitzende eine neue Methode eingeschlagen. Statt an die Zeugen die üblichen Fragen zu richten, was ihnen von der Sache bekannt sei. fragte er nämlich nur danach, wie hoch der den Juden zugefügte Schaden sei, und ließ andere Fragen nicht zu. Die Vertreter der Civilkläger protestierten gegen diese Fragestellung energisch, worauf sich der Gerichtshof zur Beratung zurückzog. Sein Beschluß erregte allgemeines Staunen und lautet: „Obgleich der Protest der Civilkläger berechtigt ist, hat der Gerichtshof doch beschlossen, ihm nicht stattzugeben". Vermutlich war inzwischen ein Befehl des Justizministers eingetroffen, der diesen Beschluß anordnete. Nun verließen auch die zurückgebliebenen Vertreter der Civilkläger den Saal. Vor dieser Beschlußfassung griff der Rechtsanwalt Schmakow die Vertreter der Civilkläger noch heftig an und betonte, es sei ihm bekannt, daß sie eitlen Stenographen unter sich hätten, der Prozeßberichte an auswärtige Judenblätter schickte; dadurch würde Rußlands Ehre beschmutzt werden, er fordere deshalb ein Einschreiten des Gerichtshofes. Da sich die Vertreter der Kläger inzwischen entfernten, ist der Antrag gegenstandslos geworden. Mit einem Schlage ist jetzt aber auch die ganze Physiognomie der Gerichtssitzungen eine andere geworden. Nun wissen es ja alle, daß die Verhandlungen nur noch aus das eine gewissermaßen vorbestimmte Ziel Hinsteuern: über die auf der Anklagebank Befindlichen das Urteil zu fällen, die wahren Schuldigen jedoch in ihrer unter dem Schutze der Obrigkeit geführten Hetze ruhig fortsahren zu lassen. Niemand zweifelt mehr daran, daß der zweite Teil der Verhandlungen eine leere Formalität ist, jedes echten Wahrheitswortes, jeder Regung des Schamgefühls bar. Und da dieses jetzt allen einleuchtet, so ist das Interesse für die Verhandlungen erlahmt; der Sitzungssaal ist leer geworden, da auch die wenigen Besucher, die es vermocht haben, sich Eintrittskarten zu verschaffen, den Sitzungen nunmehr fernbleiben. . Die Vernehmung der Zeugen geht tu beschleunigtem Tempo vor fick. Die einen fahren fort, die Tragödie wiederzugeben, die anderen stellen die Tatsachen noch frecher auf, da es ja nach dem Fernbleiben der meisten Verteidiger und Vertreter der Civilklage noch weniger Grund giebt, sich zu genieren. Trotz alledem machen auch die Zeugen dieser letzten Kategorie zuweilen sehr wertvolle Aussagen. Ein Schutzmann gab heute auf die au ihn gerichtete Frage: „Warum habt Ihr denn die Plünderer nicht auseinandergejagt?" zur Antwort: „Wieso sollen wir sie denn nicht auseinaudergejagt haben? Wir taten es wohl. Einmal stürzten wir mit dem Polizeileutnant Ossowski auf die Menge und riefen ihr zu: „Was macht ihr denn? Ihr überfallt ja ein christliches Haus!" Als man ihn dann fragte, wie oft er außerdem die Menge auseinanderzutreiben versucht habe, erwiderte er: „Nein, sonst war es ja nicht nötig!" Ein Soldat sagte aus, daß am Tage der Judenexzesse die jüdischen Soldaten nicht in die Patrouillen geschickt worden sind, sondern in der Kaserne belassen wurden. Eine höchst charakteristische und bemerkenswerte Tatsache. Kurz vor dem Exodus der letzten Vertreter der Beschädigten konnten sich noch einige Zeugen über das Verhalten der Polizei äußern. David Malant floh .vor Iden Räubern auf das Polizeikommissariat, von wo die Familie Ciansenkows auf die Gasse schaute. Er bat flehentlich, eingelassen zu werden, die Frau verweigerte ihm jedoch den Eintritt. Weitere Zeugen bestätigten, daß ein gewisser Plomodjealo als Anführer einer ganzen Rotte fungierte. Nach der bereits übermittelten Philippika des antisemitischen Verteidigers Schmakow gegen die Anwälte der Inden, hielten die Anwälte Karabatschewski, Grusenberg und Genossen vor ihrem Rücktritt Plaidoyers, welche die gesamte politische Bedeutung des Prozesses und das Interesse der ganzen Kulturwelt an beffeu Ausgang ins rechte Licht setzten. Am folgenden Tage wurden dann gleich 200 Zeugen verhört, die lediglich über die Einzelheiten der Exzesse aussagten. Inzwischen verlautet, daß man in Kischinew wieder neue Unruhen gegen die Juden befürchtet. $ Die Behandlung, welche deutsche Kaufleute und Handelskreise jüdischen Glaubens in Rußland zu ertragen haben, ist jetzt vielfach Gegenstand der Erörterung in den Tagesblättern, die den dringenden Wunsch aussprechen, daß die Sache bei Abschluß des Handelsvertrags zur Sprache komme. Die „Nowoje Wremja" hat — sicher offiziös — schon dagegen protestiert, „daß Punkte, die den russischen Grundgesetzen widersprechen, im deutsch-russischen Handelsvertrags Aufnahme finden könnten." Leider glauben wir auch nicht an einen Erfolg. Das gegenwärtige Programm der russischen Regierung ist so entschieden judenfeiudlich, daß diese auch nicht das geringste daran in nächster Zeit ändern wird. Traurig ist es nur, daß selbst die liberalen beutfdjeu Blätter die russischen Lügendepeschen Nachdrucken, in denen jedesmal die Anzahl der verhafteten Juden angegeben wird. Selbst die Mitteilungen über die Studentenuuruhen in Kiew waren mit einer konfessionellen Statistik versehen. Es wäre aber zu wünschen, daß die Berichterstattung sich auf alle wichtigen Vorfälle im russischen Reiche gleichmäßig verteile. So wäre zum Beispiel eine eingehende Beschreibung der Vorfälle in Tomsk, ebenfalls mit einer konfessionellen Statistik, sehr wohl am Platze, uamentlid) da die Unruhen in Tomsk einen viel größereil Ulufang hatten als die von Kiew, und in Tomsk gar keine jüdischen Studenten sich befinden. $ Zum Kapitel der Judennaturalisierungen in Rumäniell wird uns von unserem Korrespondenten aus Bukarest geschrieben: „Die Juden freuen sich schon im voraus auf jede Sessionseröffnung, den»l zugleich mir einer solchen winkt ihnen auch das Glück, vielleicht denn doch die Staats- und Bürgerrechte zu erwerben und in dem Lande, wo sie geboren, erzogen und militärpflichtig waren, nicht mehr als Fremde zu gelten. Und die Regierung kargt ja auch gar nicht. Von den vielen Hunderten von Gesuchen, die den Kammern vorliegen, werden ja auch zwei bis drei in jeder Session erledigt, beziehungsweise eine solche Anzahl wird für würdig erachtet, zu Staatsbürgern erlrannt zu werden. Unter den Gesuchen, die während der jetzigen Parlamentssession zur Sprache gelangten, befand sich auch dasjenige des in Jassy sehr angesehenen und vermögenden, jüdischen Bankiers Michel Daniel und es fiel keinem Menschen ein zu zweifeln, daß die rumänischen Kammern ohne weiteres einem solchen Manne die Bürgerrechte einräumen werden. Was aber ergab die Abstimmung! Siebzehn Stimmen pro und nicht weniger als 74 Stimmen contra! Welches Verbrechen mag wohl dieser bedeutende Kaufmann begangen haben, daß sich so ein großer Sturm in einem Glase Wasser vollzog? Nun ein Verbrechen ist es ja schon. Jude zu sein und wenn man noch dazu das Pech hat, über Millionen zu verfügen, und sich rühmen zu dürfen, einen Vater besessen zu haben, der zu den besten Freunden des jetzigen Ministerpräsidenten zählte, sind das nicht Gründe genug, um durchzufallen? Und das nennt man keine chinesische Mauer um sich ziehen, das nennt man sremdeu Kapitalien Tür und Tor öffnen. Der Standpunkt, der von den meisten hier ausgeht, ist, daß man doch nicht jeder: erstbesten zum rumänischen Staatsbürger „avancieren" karrn, bloß, weil das Land das Unglück hatte, daß er hier das Licht der Welt erblicken mußte! Was aber kann diesem weit über die Grenzen Rumäniens bekannten Bankier vorgeworfen werden? Etrva daß er sein großes Vermögen über die Grenze schaffen will! Oder daß er dasselbe hier zu fruktifizieren gedenkt, zum Wohle so vieler Unternehmungen, die einem großen Kapitale eher zugänglich sind, wenn er auch vollständig Herr seiner Situation ist!"

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