Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- Seite 615 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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615 Sir Woche. Berlin, 23. Dezember. enZug des Todes führt im abgelaufenen Jahre einen Lehrer irr Israel an, dessen Name unvergänglich fortleben wird, Professor Moritz Lazarus. Ihm folgt eine lange Reihe von Rabbinern und Lehrern, die in ihrem Kreise und über diesen hinaus gutes gewirkt und geschaffen haben: Berlinger- Braunsbach, Bloch -Jarotschin, Blumenthal-Ratibor, Blumenstein-Luxemburg, Braun-Schneidemühl, Gottheit-Newyork, Goitem-Kopenhagen, Jastrow-Newyork, Mielziner- Cincinnati, Piccard-Randegg, Jonas Wehl-Marseille, Moritz Scherbel-Gumbinnen, Dr. Moritz Eisler-Troppau, Wreschner- Lissa, Lehrer I. Bamugart-Stadtlengsfeld, Herrn. Cohn-Berlin, Prof. Dr. M. Hamburger-Berlin, Dr. E. Münzer-Seesen, H. Senger-Nürnberg, M. Stillmann-Rakel, Wißmanrr-Schwabach. Von Vertretern des Rechts sind zu nennen: Justizrat Meyer- Berlin, Justizrat I. Meyer-Dresden, Justizrat Hugo Sachs- Berlin, Rechtsanwalt I. Plotke-Frankfurt a. M. Von anderweitig hervorragenden Männern: Professor Dr. E. Askanasy- Heidelberg, Maler I. Askanasy-Moskau, Schriftsteller Moses Basilewsky - Odessa, Professor Gabriel Bamberger - Chicago, Schriftsteller Dr Martin Bereudt-Berlin, AlfredL.Cohen-London, Gustav Davidsohn-Danzig, Komponist Louis Friedenthal- Görlitz, Baron Jonas von Hirsch-München, Moritz Karpeles- > Wien, Bernard Lazare-Paris, Dr. G. Landau-Nürnberg, Generaldirektor G. Loeser-Lüttich, General Moise-Newyork, I. S. Montefiore-Londou, Dr. E. Merzbacher-München, Prof. Josef Neumann-San Franzisko, Major Raphall-Mexiko, Minister David Reyual-Paris, Moses Reicherson-Newyork, Charles Samuel-London, Eeheimrat E. v. Steiner-Stuttgart, Philipp Wertheim-Berlin. Von Frauen, die durch humanitäres Wirken sich auszeichneten, seien an dieser Stelle nur zwei erwähnt: Baronin Cohn-Oppenheim-Dessau, Madame Finzi- Florenz, die Schriftstellerin Bertha Katscher-Budapest. Das Andenken dieser Toten sei zum Segen für kommende Geschlechter. * Auch die letzte Sitzung des Reichstags vor den Ferien brachte manches Erwähnenswerte. Zwar die schalen Witze des Herrn Liebermann v. Sonnenburg gehören nicht dazu, gleichwohl wünschten wir, daß die unerhörten Angriffe gegen die jüdischen Soldaten, bei dem der stenographische Bericht „Heiterkeit" vermerkt, in einer der nächsten Sitzungen »lach den Ferien gebührend zurückgewiesen würden. Der betreffende Passus in der Rede des antisemitischen Abgeordneten lautete: „Von der Wehrsteuer verspreche ich mir keine hohen Erträge, aber ich schlage vor. eine ganze Klasse unserer Bevölkerung gegen eine hohe Wehrsteuer völlig vom Militärdienst zn befreien, ich glaube, unfere Juden werden selbst nichts dagegen haben. (Heiterkeit.)" Eine solche Auslassung, gleichviel von welcher Seite sie auch kommen mag, darf nicht ohne ernsten Protest bleiben. Daß die antisemitischen Blätter sich die Rede des neugewählten Abgeordneten Dr. B l um enth al- Kolmar nicht würden entgehen lassen, war wohl vorauszusehen. Auf das Meritorische dieser Rede einzugeheu, ist nicht unsere Sache. Aber ein für allemal wollen wir hier bemerken, daß Rechtsanwalt Dr. Blumenthal kein Jude ist. Dies wird natürlich die antisemitischen Zeitungen auch ferner nicht abhalten, ihn als solchen anzugreifen. Eine recht schmerzliche Niederlage haben unsere Gegner bei den Berliner S t a d t v e r o r d n e t e n w a h l e n erlitten. Der letzte Antisemit, Herr Pretzel, ist aus dem „roten Hause" ausgeschieden, und die „herrliche Berliner Bewegung" hat damit einen unrühmlichen Abschluß gefunden. In einer seiner Wahlreden rühmte sich dieser letzte Mohikaner „seiner Bemühungen um die Verminderung der jüdischen Lehrkräfte an den Gemeindeschulen Berlins. Osfiziell hat er darauf keinen Einfluß gehabt, aber hinter den Coutissen ist er tätig gewesen. Ein Besuch beim Justitiar des Provinzial-Schulkollegimns, eine Eingabe an die Negierung und ähnliche Dinge spielen dabei eine Rolle." Nachdem er sein großes Ziel erreicht, durfte sich der letzte Vertreter des Antisemitismus in der Berliner Stadtverordnetenversammlung zur verdienten Ruhe setzen. In Rußland steht noch immer der Kischinewer Prozeß im Vordergrund des Interesses. Durch den Abzug der Rechtsanwälte ist jetzt eine neue Situation geschaffen, die verhängnisvoll für die Juden werden kann. Die Verhandlung am 9. d. Mschloß damit, daß die vier letzten Advokaten, Grusenberg, Pergament, Sokolow und Großmann, die beim Exodus der Verteidiger und Anwälte noch zurückgeblieben waren, um die Interessen der beschädigten Juden zu wahren, gleichfalls ihre Funktionen einstellten irnd den Saal verließen, weil der Präsident bei den Zeugenverhören alle Fragen nach dem Ursprung, dem Zusammenhang und der Organisation der Exzesse ausschloß, um sie nur als Gewaltakte einzelner erscheinen zu lassen. Der Polizeipristaw Rjaboj, der in der Voruntersuchung genaue Angabe über die Plünderungen gemacht und das Protokoll hierüber nnterschrieben hatte, konnte sich plötzlich am 10. d. M. an nichts mehr erinnern und behauptete, nichts gesehen zn haben und nichts zu wissen. Er erklärt auf den Vorhalt des Präsidenten, nur diese seine Aussage sei richtig. Der Zeuge Weinhändler Benzion Lewit sagte aus, der Pristaw Solowkin habe ihn jüngst mit der Sperrung seines Geschäftes bedroht, wenn er vor Gericht gegen die Polizei anssage, er hatte Solowkin vergeblich um Schutz gebeten, als sein Haus geplündert und seine Familie bedroht wurde. Der Polizeipristaw Brzezowsky, der hauptsächlich beschuldigt wird, die ärgsten Plünderungen und Gewalttaten untätig geduldet und sogar unterstützt zu haben, sagte als Zeuge aus. um sich zu entlasten, er selbst sei in Gefahr gewesen, von einem Plünderer ermordet zu werden, der aber hierfür von der Polizei sofort festgenommen und verhaftet wurde. Am Eingang des Gerichtsgebäudes sah man Offiziere und hohe Beamte, die den aus Moskau zurückgekehrten antisemitischen Rechtsanwalt Schmakow freudig begrüßten. Auch mehrere Richter hieben ihn herzlich willkommen. Dagegen herrscht in den Kreisen der Geschädigten und in der ganze»! Judenschast infolge der Wendung im Prozeb eine äußerst gedrückte Stimmung. Alexander Schinidt, Sohn des früheren Bürgerrneisters, sagte aus Grund eigener Wahrnehmungen aus, daß die Polizei den Unruhen gegenüber ganz untätig gewesen sei; ausnahmsweise habe ein des Weges kommender Offizier einem Juden geholfen und einen Ruhestörer verhaftet, der aber von der Polizei wieder freigelassen worden sei. Zeuge Ephraim Goldschmidt bezeichnet den Angeklagten Orlianskh als Hauptführer der Banden. Dieser habe aus der Wohnung des Zeugen vom z»veiten Stock ein Klavier ans die Straße geworsen. Orlianskh habe schon mehrere Tage vor Ostern angekündigl, daß er sich so an dem Zeugen rächen werde. Besonders erschütternd war die Aussage des alten Hirsch Mendel Rudi, der vor einigen Monaten noch zu den »vohlhabeuden Bürgern gehörte und jetzt gänzlich ruiniert ist. Er hatte in seiner Wohnung für 30 000 Rübe Geld und Wertpapiere ausbewahrt. Als er am Ostermontag die Plünderer sich seinen» Hause näher»» sah, sei er zum Gouver»»eur v. Raaben geeilt, um Hilfe zu erbitten. In» Vorzim»ner warteten bereits mehrere Rechtsanwälte zum gleichen Zweck. Ma»» bedeutete ihnen, zu warten, da der Gouverneur erst um 10 Uhr Vor»»»ittag das Bett zu verlassen pflege und dies trotzdem tags vorher Plünderungen stattgefunden hatten und deren Fortsetzung angekündigt »var. Um 10 Uhr erschien ei»» Vertreter des Gouverneurs und sagte militärische Hilfe zu. „Zu Hause angelangt, fand ich die Plünderer in voller Arbeit. Sie hatten »neine Einrichtu»»g verwüstet und bemühten sich