Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- Seite 614 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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614 begrüßen, und verdient die englische Regierung in jedem Falle Dank für ihr loyales Anerbieten, zu dem sich so leicht keine andere Negierung entschließen dürfte. Am nächsten steht Tausenden warm für jüdisches Wohlergehen empfindenden Herzen »och Italien, wo zwar bei dem schnellen Wechsel aller lediglich auf parlamentarische Kombinationen ausgebauten Ministerien mit dem Ministerium Zanardelli auch unser Glaubensgenosse Ottolenghi aus seiner ehrenvollen Stellung als Kriegsminister ausschied, dafür aber der nicht minder bekenntnistrene Lnzzatti als Finanzminister eingetreten ist. In unserer den Verkehr durch die Zollpolitik hemmenden Zeit hat Luzzatti das jüdische, weil zuerst vom Judentum in der Bibel verkündete Prinzip der freien Bewegung für die bevorstehenden Handelsverträge wieder zu Ehren gej bracht, er ist ein anerkannt äußerst fähiger Finanzminister, der > aber auch in Rom öffentlich seine treue Zugehörigkeit zum Judentum aus Anlaß des Babel-Bibelstreites bekannt hat. Die alte Hauptstadt der Welt, das ewige Rom, sah im verflossenen Jahr nach dem verhültuisniäßig langen Pontifikat des ehrwürdigen Papstes Leo XIII. wieder das Schauspiel einer Papstwahl. Der, wie versichert wird, etwas demokratisch angehauchte neue Papst, Pius X., machte dem intransigent«'» Regiment Rampolla ein von vielen Politikern nicht geahntes schnelles Ende. Als früherer Patriarch von Venedig hatte der jetzige Papst bereits Gelegenheit genommen, auch Juden gegenüber zu zeigen, daß ihm Intoleranz durchaus verhaßt ist. So sehen wir denn überall bereits Lichtstrahlen aus dem dunklen Gewölk heraus sich rosig dämmernd erheben — und hoffen wir. daß auch in Rußland, Rumänien und —O esterreich sich dereinst alles zum besten wenden möge. Solange Kaiser Franz Joseph, der sich ja mit Gottes Hilfe einer in seinem Alter recht rüstigen Gesundheit erfreut, kräftig die Zügel des so vielfach gespaltenen österreich-ungarischen Reiches in der Hand hält, werden sich, wie im verflossenen Jahre, selbst gelegentliche Dissonanzen wohl wieder gelegentlich in Harmonie auflösen; scharf zu bekämpfen ist aber das stetige Vordringen der Christlich-Sozialen sowie die weitere Befestigung der Herrschaft des antisemitischen Oberbürgermeisters Lueger mit seiner Clique von Gemeinderüten. Wie wenig wir mit unserem Optimismus Ursache haben, die Macht der Finsternis zu unterschätzen, zeigte in greller Weise kürzlich das Eintreten selbst der Regierung im niederösterreichischen Landtag für die Dunkelmänner, welche dort gegen die jüdischen Aerzte loszogen, denen Wien soviel verdankt. Diese offizielle Verquickung des Antivivisektionismus mit dem Antiseiiiitisinus ist ein sehr böses Symptom für den immer mehr hervortretenden Mangel an Intelligenz überhaupt in der Leitung des so vielfach zerspaltenen österreichischen Nachbarstaates. Jndeß ist allen Freunden des Lichtes, allen Gegnern der kulturmordenden Finsternis ein gelegentliches Liebäugeln der Regierung mit den Klerikalen und ihrem sozialen Anhang nicht so verhaßt als die in gewissem Sinne zwar intelligente, aber ganz brutale macchiavellistische Politik, welche jetzt in Rußland immer mehr überhand nimmt. Nachdem das in seiner Revanchesehnsucht von Rußland düpierte Frankreich genug und übergenug Milliarden für die russische Expansivpolitik im Osten hergegeben hatte, hielt es Rußland für zeitgemäß, jede scheinheilige Maske der mitteleuropäischen Kultur und dem Völkerfrieden gegenüber abzuwerfen. Auf die Tschinowniks als Leiter — ob aus Witte Plaske oder wieder ein anderer folgt — kotnmt es dabei nicht an, sondern auf das System, nach dem Herr v. Plehwe jetzt offiziell erklärt, er werde den Juden den Aufenthalt in Rußland unerträglich machen. Nach dem macchiavellistischen Grundsätze „die beste Deckung ist der Hieb" sahen wir im vergangenen Jahre sich die Greuel von Kischinew und Homel ungeniert entwickeln, sehen wir jetzt den Prozeß in Kischinew bei verschloffenen Türen sich abspielen, meldet aus Anlaß der alljährlichfiviederkehrenden studentischen Unruhen die russische Agentur aller Welt stets die Zahl der beteiligten Juden. Es liegt eben System darin. Wir, Juden Westeuropas haben allerdings auch im letzten Jahre diesen Verfolgungen nicht tatenlos zugesehen; die Anglo Jewish Association, die Alliance Israelite und der erfreulich erstarkende Hilfsverein der deutschen Juden haben das Ihrige getan, selbst der ärmste Jude hat vielfach für Kischinew sein Scherflein gespendet. Damit ist es aber leider nicht abgetan, und wir stehen vielleicht erst am Vorabend der unheilvollen Wirkungen eines Systems. das unser Ansehen und unsere gesamte Stellung untergraben will. Der russische Absolutismus in seiner jetzigeil Gestalt ist eine schwere Gefahr für ganz Europa, das so gern und so schnell bereit ist, seine Anständigkeit und sein Ruhebedürfnis stets auch bei dem asiatischen Nachbar bereitwillig zu veriiiuten. Es soll aber gerade deshalb Amerika und dem Präsidenten Roosevelt unvergessen bleiben, daß es dem Zaren bald nach den Kischinewer Vorgängen einen Protest wenigstens zu überreichen versuchte. Da die russische Negierung es ablehnte, einen solchen Protest zur Kenntnis zu nehmen, so war damit der diplomatische Zwischenfall erledigt. Etwas half diese Intervention doch, und vielleicht ist auch der Empfang des Dr. Herzl durch Herrn v. Plehwe hierauf mit zurückzuführen. Positive Erfolge hat auch im letzten Jahre übrigens der Zionismus als solcher bisher nirgends erzielt, dagegen schreiten die vom Gesamtjudentum unterstützten jüdischen Kolonien in der Türkei rüstig vorwärts. Ein großer Teil der Presse Europas — es sind meistens gerade Blätter, an denen wenig Juden Mitarbeiten — nimmt von diesen Bestrebungen für den Ackerbau der Inden in Palästina stetig wohllvollende und aufmnnternde Kenntnis. Auch die rumänische Jude »frage erfuhr im letzten Jahre lvieder wohlwollendr Berücksichtigung seitens der Parlamente; im deutschen Reichstage sowohl wie im österreichischen Reichsrat wurden die antiseinitischen Maßregeln scharf von einzelnen Abgeordneten verurteilt, und die Note des amerikanischen Staatssekretärs Hay hat unzweifelhaft wenigstens etwas Erfolg gehabt. Mit Bedauern aber ist im Vergleich zu den sechziger und siebziger Jahren die Zurückhaltung der Regierungen und des diplomatischen Korps, mit Ausnahme Amerikas, auch hier festzustellen, obwohl der Berliner Kongreß doch hierin eine gewisse Verpflichtung durch seine vertragsmäßige Intervention übernommen hat. In Frankreich scheint allerdings die antisemitische Bewegung bereits seit der Rückkehr Dreyfus' in stetigem Abfluten begriffen zu sein. Selbst das zur Zeit schwebende Verfahren auf Rehabilitierung Dreyfus' wird daran nichts ändern. In Algier hatte die Regierung bereits, bevor Präsident Loubet dort im April seine Rundreise antrat, den einzigen antisemitischen Bürgermeister wenige Wochen vor seiner Ankunft beseitigt. Selbst der scharfe Protest des Herrn Druinont verhallte nutzlos. Auch der gesellschaftliche Antisemitismus in Handel und Wandel bringt es in Frankreich höchstens einmal zu einem vorübergehenden Theaterskandal. In den außereuropäischen Landern hat sich die Lage der Juden im letzten Jahre nicht verändert. Ebenso kann für Mitteleuropa der Rückblick auf unsere innere Lage im ganzen nicht unerfreulich genannt werden. Solange Israel in der Pflege seines heiligsten Gutes, seiner Lehre, einig ist, hat es weder seine Feinde und Dränger von außen, noch seine Nörgler von innen zu fürchten, denn das Judentum hat, wie uns das eben mit alter Begeisterung gefeierte Chanukahfest lehrt, schon schlimmere Zeiten des Kampfes nach außen und der inneren Zersetzung siegreich überstanden.