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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-25 · Heft 52 (25.12.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 52 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. No. 52. Berlin, 25. Dezember 1903. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. ♦ uv Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner £>*♦ Ludwig PHMppson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag vou Rudolf rNosse, Berlin. Sückblick. Berlin, 22. Dezember. enn wir beim Abschlüsse dieses bürgerlichen Jahres an unsere Väter denken, die einst in schweren Zeiten Gutes und Schlimmes in frommer Gottergebenheit und steter Hoffnungsfreudigkeitmit demgenerellen Trostworte zu registrieren pflegten : „Auch das war zum Guten!", so kann das Judentum von dem abgelanfenen Jahre, alles in allem, nur ebenfalls mit diesem oben genannten historischen Seufzer schmerzlicher Ergebung Abschied nehmen. Von dem uns durch die Propheten verkündeten messianischen Ideal, daß einst der Wolf neben dem Lamme weiden werde, waren wir auch im verflossenen Jahre leider noch recht recht weit entfernt. Grauenhafte Bilder hat der zivilisierten Welt erst in den letzten Wochen der Prozeß wegen der Jüdenmetzeleien in Kischinew vor die Augen geführt, und wenn man nicht wüßte, daß die Kultur da unten in Klein-Rußland und Bessarabien überhaupt noch durchweg einen überfirnißten, sonst aber „halbasiatischen" Charakter hat, könnte man mitunter rein an der Menschheit verzweifeln. Aber unser Glaube an ein besseres Selbst, das langsam aber stetig auch aus den Abgründen der Menschheit emportaucht, ist zu tief begründet, unser jüdischer Optimismus zu fest gewurzelt, als daß wir nicht erkennen sollten, daß selbst auf solchem wüsten Boden, der in früheren Jahrhunderten soviel furchtbares Unrecht und so schreckliche Gewalttaten gesehen hat, jetzt auch bereits die Keime des Guten zu blühen aufangen. Innerhalb des deutschen Reiches waren es zunächst die Reichstagswahlen und dann die Landtagswahlen, namentlich in Preußen, welche das Volk an manchen Orten in seinen innersten Tiefen aufwühlten, und viel Aufregung auch für unsere Glaubensbrüder mit sich brachten. Um gleich den Blick über die Folgen und das Ergebnis vorwegzunehmen: das ^Resultat, sowohl der Reichstagstvahlen wie der Landtagswahlen in dem größten Bundesstaate, in Preußen, war für uns zufriedenstellend. Die antisemitische Agitation, so wenig sie als ein in gesellschaftlicher Beziehung immer weiter um sich fressendes Gift irgendwie zu unterschätzen ist. gleicht in politischer Beziehung dem Triebsand, der bald hierhin, bald dorthin weht, es nirgends aber zu festem dauerndem Grunde bringen kann. Auch bei den Reichstagswahlen im Juni standen trotz des allgemeinen und geheimen Wahlrechts den spärlichen Erfolgen der Antisemiten im deutsch-polnischen Osten ganz erhebliche Verluste in Hessen und namentlich im reaktionären Königreich Sachsen gegenüber, wo jetzt nur noch eine Säule des Antisemitismus von entschwundener Pracht zeugt. Auf das erste antisemitische Debüt des Grafen Reventlow antwortete jüngst der Führer der Freikonservativen, von Kardorff, sehr treffend, daß, um den bürgerlichen Frieden im Reiche zu bewahren und einer Revolution vorzubeugen, vor allem der konfessionelle Friede erhalten bleiben müsse. Und damit können ivir in der Tat in Preußen und in allen Bundesstaaten zufrieden sein. Jnl Reichslande Elsaß-Lothringen passierte aus Anlaß der Wahle» ein hier nur der Vollständigkeit wegen zu erwähnender kleiner Judenkrawall. Auch gutes ist zu berichten: In Hessen und in Bayern haben zu unser aller Freude hohe fürstliche Persönlichkeiten ansehnliche Beiträge für die Opfer der Judenmetzeleien in Kischinew, mit dem demonstrativen Ausdruck des Unwillens über diese Barbarei geleistet, und man darf hoffen, daß der Zar bei seiner jüngsten Anwesenheit in Darmstadt, über die wahre Meinung Europas über diese halbasiatischen Greuel aufgeklärt worden ist. Einstweilen steht überall im deutschen Reiche der Handelsvertrag mit Rußland im Vordergründe des öffentlichen Interesses. Abgesehen von den bis aufs Messer scharf geführten wirtschaftspolitischen Kämpfen kann man nur sagen, daß der politische Antisemitismus vielfach nur noch künstlich erhalten wird und daß die Gegner sehnsüchtig nach irgend einem größeren Skandalprozeß, einem Ritualmärcheu rc. ausschauen. Mit allen diesen schönen Dingen hat uns im Deutschen Reiche das abgelaufene Jahr glücklicherweise verschont. Doch darf dies unsere eigene Wachsamkeit nicht einschläfern, und es ist mit großer Freude zu begrüßen, daß unsere Glaubensgenossen ihre Sache nicht mehr bestimmten politischen Parteien anvertrauen, sondern durch die jetzt aus dem Stadium der Vorberatung hinausgelangte Gesamtorganisation der Israeliten Deutschlands selbst in die Hand nehmen wollen. Die Satzungen sind bereits angenommen und da demnächst die Delegierten in Berlin zusammentreten werden, so hat uns das verfloffene Jahr hier wenigstens einen Schritt dem Ziele näher gebracht, unsere Gemeinschaft ebenso gesichert und nach außen voll anerkannt zu sehen wie in anderen Ländern. In England ist der von seiner hohen Würde als Lordmayor von London scheidende Sir Marcus Sainuel im Juni -zum Baron ernannt worden, eine wichtige Auszeichnung in dem auf Titel und Privilegien sehr viel Gewicht legenden England, um so gewichtiger, als der jüdische Lordmayor seinen Glauben stets betont und den Gesandten Rumäniens deshalb vom feierlichen Empfang im Mansion House ausgeschlossen hatte. England ist es auch, das im vergangenen Jahre das von den Zionisten aufs Innigste gewünschte „Nachtasyl" für unsere Emigranten zur Verfügung gestellt hat; es liegt aber leider nicht in Palästina, sondern in Uganda in Ostafrika. Bei den schweren von Rußland, Rumänien, Galizien her unserer Glaubensgemeinschaft drohenden Krisen ist. da Präsident Roosevelt für Amerika bereits eine Beschränkung der Einwanderung angekündigt hat, jede Gelegenheit, jüdische Kolonisten irgendwo dauernd mit Erfolg anzusiedeln, mit Freuden zu

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