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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-18 · Heft 51 (18.12.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 51 (18.12.1903)
Date
1903-12-18
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Bedürfnis in ihren Häuslichkeiten besuchen. Ein Teil der erziehlichen Aufgaben, die der Frauentätigkeit gestellt sind, ist schon im Dezember in der Gründung eines Mädchenklubs zum Ausdruck gekommen. Es ifi an dieser Stelle zu erwähnen, daß der Mädchenklub ein selbständiger Verein geworden ist, der so kräftig gedeiht, daß er in feinem eigenen Jahresbericht über seine vielseitige ausgebreitete Tätigkeit Rechenschaft geben wird. Die „Weibliche Fürsorge" hat sich beständig mit ben allgemeinen Interessen der Frauenfrage und der sozialen Arbeit, die damit zusammenhängt, beschäftigt. Noch ist die Absicht zur Gründung eines Bundes deutscher jüdischer Frauenvereine zu erwähnen, ein Plan, der sowohl die „Weibliche Fürsorge", als auch den Israelitischen Humanitären Frauenverein in Hamburg seit einiger Zeit beschäftigt. Ueber die Ausführung des Projektes ist in diesem Berichte noch nichts Näheres bekannt gegeben. c. Karlsruhe, 12. Dezember. Die jüdischen Lehrer Badens erheben nunmehr gleichfalls Protest gegen die Behauptungen des orthodoxen Flugblatts in folgender Erklärung: „Die Unterzeichneten jüdischen Lehrer in Baden, die neben den Rabbinern des Landes „sich als die berufenen Vertreter der jüdischen Lehre" betrachten müssen, denen die religiöse Unterweisung unb Erziehung der Kinder anvertraut ist, und die ihr verantwortungsvolles und schwieriges Amt in Schule und Gemeinde treu und gewissenhaft wahrnehmen, werfen die im Leitartikel der Nummer 86 des „Israelit" erhobene Anschuldigung: „In keinem Lande wird der Abfall vom altüberlieferten traditionellen Judentum von beu berufenen Vertretern der jüdischen Lehre so gefördert, als hier in Baden" mit tiefer Entrüstung zurück. Desgleichen protestieren wir, soweit wir mit dem Schächteramt betraut )U\b, mit aller Entschiedenheit gegen die in dem genannten Artikel ausgestellte kränkende Behauptung, „daß die Handhabung der Schechita (in Baden) der Gleichgültigkeit ausgeliefert ist." Oesterreich-Ungarn. Cg] Wien, 14. Dezember. Unter dem Vorsitze des Vizepräsidenten Freiherrn v. Seiler fand Samstag Abends im Saale des Wissenschaft?- lichen Klubs die Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus statt. Der Schriftführer Oberinspektor Engel erstattete den Jahresbericht. Baron Doblhoff führte in einerlängeren Rede aus, daß in den letzten Sitzungen des Landtages sich eine förmliche Schreckensherrschast breit gemacht habe. Es dürfe nicht» sagte er, ruhig zugesehen werden, daß unter dem Vorwände der Bekämpfung des Judentums der modernen Bildung und Wissenschaft direkt in das Gesicht geschlagen werde. Tie! zu bedauern sei, daß die Vertreter der Regierung kein Verdammungsurteil gegen den Inhalt und die Form der verübten Ueberfälle des Aerztestandes vorzubringen hatten. Redner beantragte zum Schluffe eine Resolution, in der die Versammelten ihrer Entrüstung über die Angriffe auf die Vertreter des ärztlichen Standes Ausdruck geben. Hofrat Professor Nothnagel, der dann das Wort nahm, bekämpfte den Wunsch nach Auflösung des Vereins. Er empfiehlt die Einsetzung eines Komitees, das darüber zu beraten hätte, wie der Verein sich betätigen solle. Baronin Suttner erklärte, sie sei dem Andenken ihres Gatten schuldig, an dem Verein, den er begründet habe, sestzuhalten. Wenn alle zurücktreten sollten, sie werde ausharren. Die Baronin empfahl, öfters öffentliche Versammlungen abzuhalten, zu denen auch den Feinden der Zutritt zu gestatten sei, selbst auf die Gefahr, gesprengt zu werden. In das vorgeschlagene Komitee wurden gewählt: Baron Doblhoff, Oberinspektor Engel und Nordbahnbeamter Waldstein. Nachdem noch Professor Sebereny den Zusammenhang zwischen Judentum und Christentum dargelegt hatte, wurden schließlich die Wahlen in den Ausschuß vorgenommeu und die Versammlung geschloffen. — Der Geldagent Heinrich Dehler wurde zu einer strengen Arreftstrafe verurteilt, weil er unter dem Vorwand, ein erstes „christliches Kreditinstitut" zu besitzen, armen Leuten ihre Ersparnisse entlockte, unb sie in die bitterste Not versetzte. — Die Prager „Bohemia" brachte vor kurzem folgenden Brief Theodor Mommsens an einen Herrn Dr. E. L., der diesen der „Bohemia" zur Veröffentlichung übergeben hat: Geehrter Herr! Was soll ich Ihnen aus Ihre Frage antworten als was hundertmal gesagt ist und immer vergeblich? Meine Ansicht der Judensrage darf ich Ihnen als bekannt voraussetzen. Inwieweit die Juden eine besondere Nationalität innerhalb der Deutschen behaupten wollen — und Sie wissen, daß das nicht wenige tun — sind sie selbst schuld an den Konsequenzen, die dann, wie irnnier, alle treffen und die am meisten, die es am wenigsten verdienen. Wer innerhalb einer fremden Nation lebt, soll und muß sich ihr assimilieren; und das Widerstreben gegen diese Notwendigkeit ist ebenso widerrechtlich, wie das Zurückweisen derer, die sie gelten lassen wollen. Daß die Barbarei, womit dies jetzt geschieht, ebenso schrecklich, wie der deutschen Sache schädlich ist, ist ebenso sichere wie vergebliche Rede. Wenn irgendwo und irgendwie Juden und Deutsche gemeinschaftliche Sache machen sollten, so wäre es in Oesterreich. Aber wer kann es ändern? Sittliche Epidemien sind noch inkurabler als physische. Ergebenst Mommseu, Charlottenburg, 17. November 1897." Diese Lektion für die Zionisten ist nicht unverdient. Von Sah und Lern. — Am 10. d. M. ist hier im 73. Lebensjahre der Rentier Alexander Büchel gestorben. Derselbe war lange Jahre Vorsitzender des Humanitätsvereins für Gewerbetreibende und Mitglied des Vorstandes in einigen anderen wohltätigen Vereinen. Ehre seinem Andenken!—Bei den Wahlen zur akademischen Lesehalle haben die national-antisemitischen Vereine mit großer Majorität gesiegt. — Irrtümlich ist an dieser Stelle in voriger Nummer die Nachricht von dem Tode des Fabrikbesitzers Dr. Georg Reichenheim gebracht worden. da derselbe zwar noch im letzten Verzeichnis der Mitglieder der jüdischen Gemeinde aufgeführt, inzwischen überaus dem Judentum ausgetreten war. — Au der neuen Synagoge am Wilhelmsplatz in Potsdam wurden nachts sechs wertvolle farbige Fenster eingeworfen; die Uebeltater hatten Glaserkitt für die Wurfgeschosse verwendet. — Geheimer Kommerzienrat Gumpert in Brandenburg a. H. hat den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Der Gymnasialoberlehrer Professor Dr. B. Mendelssohn in Posen hat einen Lehrauftrag für Naturwissenschaften an der königlichen Akademie daselbst erhalten. — Dr. S. Galliner vom Rabbinerseminar zu Berlin wurde zum Prediger und Neligiousschuldirektor in Beuthen gewählt. — In Schrimm wurde Dr. M. S ilberberg-Königsberg zum Rabbiner getvählt. — Im Königreich Sachsen sind im Jahre 1902 31 Uebertritte von Juden, hauptsächlich in Dresden und Leipzig vorgekommen, während zum Judentum nur ein Mitglied der Landeskirche in Chemnitz übertrat. — In Brau usch w eig'haben bei den Landtagswahlen Antisemiten und Welfen gemeinsam eine Niederlage erlitten. — Zum Geheimen Kommerzienrat wurde Kommerzienrat Albert Marburg in Altona, zum Kommerzienrat Fabrikbesitzer Salomon Jacoby in Straßburg ernannt. — Professor Dr. Paul Ehlich, dem berühmten Leiter des königlich preußischen Instituts für experimentale Therapie in Frankfurt a. M, ist die große goldene Verdienstmedaille verliehen worden. Es ist dies die höchste staatliche Auszeichnung, die in Preuen einem Gelehrten oder Künstler zu teil werden kann, und Professor Ehrlich, der sich als Serumforscher einen weltberühmten Namen geschaffen, hat mit ihr seitens des Königs von Preußen eine wohlverdiente große Ehrung erhalten. — Die Stadtverwaltung inNimes hat beschlossen, die Straße Saint Bernard fernerhin Bernard-Lazare- Straße zu nennen. — General Ottoleughi, der bisherige italienische Kriegsminister, hat wieder das Kommando des erstell Armeekorps in Turin übernommen. — In Mo ntec arl o starb dieser Tage im 53. Lebensjahre Baron Arthur Rothschild ein Sohn des 1870 in Paris verstorbenell Barons Nathaniel und ein Vetter des Lord Rothschild. Baron Arthur Rothschild war unvermählt. Er war auch vielfach schriftstellerisch tätig. — In London ist am 3. d. M. eine der angesehensten und besten Männer der Judenheit, Alfred L. Cohen, im 67. Lebensjahre gestorben. Er war für die Interessen des Judentums in hervorragender Weise tätig. Seit Begründung der Jewish Colonisation Association gehörte er dieser Gesellschaft als eines der tätigsten Mitglieder des Verwaltungsrats an. Ehre seinem Andenken. —Der bisherige Stadtverordnete Emile Maurice Marx ist für das nächste Jahr zum Bürgermeister von Brighton gewählt^ worden. Mr. Marx ist erst 27 Jahre alt und darf als der jüngste aller Bürgermeister Englands gelten. Ferner ist bei den kürzlich in ganz England vollzogenen Munizipalwahlen Mr. Jacob R. Grant zum Stadtrat von Liverpool, der zweitgrößten Stadt Englands, gewählt worden. — Die „Peterburgskija Wjodomosti" melden, daß im Ministerium des Innern die Absicht bestehe, 35 Dörfer in Südrußland in Städtchen zu verwandeln und den Juden das Wohnrecht in denselben einzuräumen.

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