Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228579--60437-3297028- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
67. Jahrgang. No. 51. Der Gemeindevote. Berlin, 18. Oezember 1905. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums" Ikorrelpkmdmrm und Sschrichtm. Deutschland. 8. Berlin, 13. Dezember. Die Protokolle der Generalversammlung des Rabbiner-Verbandes in Deutschland, die am 7. und 8. Juli d. I. in Frankfurt a. M. stattgesunden, sind soeben in einem stattlichen Bande bei I. Kauffmann daselbst erschienen. Spät, aber doch nicht zu spät, um das Interesse weiter Kreise auf die Verhandlungen und Beschlüsse zu lenken. Einzelne Referate wie die von Dr. Rosenak-Bremen über Bekämpfung des Mädchenhandels, von Dr. Werner-München über die Betätigung des Rabbiners an der Lösung sozialer Aufgaben in der Gemeinde, von Dr. Elchelbacher- Berlin über die religiös-sittliche Erziehung der schulentlassenen Jugend, von Dr. Prager-Kassel über die Seelsorge der Strafgefangenen zeigen uns delitlich, daß der deutsche Rabbinerverband seine schwere Aufgabe in den Kämpfen der Gegenwart wohl erfaßt hat. Auch die Beratungen über die Pensions- und Reliktenkasse, die nun hoffentlich bald ins Leben treten wird, sind von großem Interesse. Es ist dringend zu wünschen, daß dieser Institution die Teilnahme, von Gemeinden und einzelnen sich in erhöhtem Maße zuwende, da nur davon die rasche Realisierung des Plans abhängt. ■Ai Berlin. 11. Dezember. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur hat gestern eine sehr würdige Gedächtnisfeier für Johann Gottfried v. Herder in dem dichtgefüllten Saale der Gesellschaft der Freunde veranstaltet. Professor Dr. Ludwig Geiger hielt den Vortrag. In fesselnder und geistvoller Rede entwarf der Vortragende ein lebensvolles Bild von der Bedeutung und weltumfassenden Tätigkeit Herders. Hieran schloß sich eine Schilderung der Verdienste Herders um die Bibel, die er aus der theologischen Sphäre in die literarische gerückt und dadurch dem allgemeinen Verständnis nähergebracht habe. Sein Kampf für die Humanität galt natürlich auch den Juden, und die Beurteilung derselben durch Herder, sowie die Darstellung seiner Beziehungen zu Moses Mendelssohn bildete die zweite Hälfte des hochinteressanten Vortrages, der einen tiefen Eindruck auf das Auditorium machte. — Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Brandenburg a.H. sprach Dr. Ackermann über „Die Arbeiterfrage im Judentum"; Fräulein Dr. Samt er-Berlin über „Die Sage vonr ewigen Juden"; in Frankfurt a. O. dieselbe über „Jüdische Gestalten in der neuen Literatur"; in K o ttbus Dr. Pos ner über „Zacharias Frankels Anteil an den Emanzipationsbestrebungen der Juden in Sachsen", Dr. Manheimer-Oldenburg über „Erziehung in alter und neuer Zeit", Dr. Lewinsky-Hildesheim über „Eine Religionsdisputation in Hannover vor 200 Jahren; in Landsberg a. W. und Thorn Dr. Ackermann über „Das Judentum im Lichte des Vorurteils"; in Mhslowitz Dr. Norden über „Den Charakter König Davids"; in Breslau Professor Dr. Philippson-Berlin über „Das Judentum und der Staat"; in Ham bürg Dr. A.Löwenth al-Hamburg über Björnsons „Ueber unsere Kraft" und „Das Wesen des Judentums"; in Hamm Herr S. Schulmann über „Nathan der Weise", Dr. Adalbert v. Ha n st ein-Hannover über „Jüdische Frauen in deutschen Dichtungen"; in Hörde Dr. Hochfeld-Düsseldorf über „Fragen der Erziehung", Herr F. Heimann über „Das Neue Testament und die Pharisäer"; in Elberfeld Dr. med. Apfel-Barmen über „Ein Jugenddrama Lessings und die Toleranzidee in dessen Dramen"; in Alzey Dr. Simchowitz-Köln über „Zangwills Ghetto-Novellen"; in Frankfurt a. M. derselbe über „Leopold Kvmpert"; in Karlsruhe Geheimer Hofrat Professor Dr. Rosin-Frerburg über „Die Erbordnung und Verwandtschaftsberechnung nach deutschem und jüdischem Recht". — In Nienburg a.W. wurde ein neuer Literaturverein begründet, dem alsbald sämtliche Gemeindemitglieder beitraten. P. Kottlms, 8. Dezember. Am 14. v. M. starb in Groß Lichterselde der Fabrikant Otto Sommerfeld, Inhaber der hiesigen Tuchfabrik „M. und O. Sommerfeld". Der Verstorbene gehörte unserer Gemeinde fast 30 Jahre an und widmete ihr seine reichen Erfahrungen und großen Kenntnisse auch in der Verwaltung. Nach seinen! Wegzüge nahm er seine Lieblingsstudien wieder auf und erwarb sich auf dem Gebiete der klassischen Altertumskunde in der Gelehrtenwelt einen geachteten Namen. Bei der Leichenfeier hob Rabbiner Dr. Maybaunr die Güte, Menschenfreundlichkeit und Wohltätigkeit, Professor Dr. Trendelenburg von der Hochschule in Charlottenburg den Wissensdrang und die reichen klassischen Kenntnisse des Verstorbenen hervor. Seine Anhänglichkeit an die Heimatstadt und Gemeinde bekundete Sommerfeld durch reiche Stiftungen. Es erhielten: die städtischen Behörden 30000 Mark, die israelitische Gemeinde 5000 Mark für Zwecke der Wohltätigkeit, die Arbeiter und Beamten Legate von 100 bis 1000 Mark. Die Leiche wurde in Hamburg verbrannt. — Nach den letzten städtischen Wahlen wurde der verdienstvolle Vorsitzende unserer Gemeinde, Herr Bankier Löwenstein, zum Stadtverordneten gewählt; bisher war nur ein Jude in diesem Kollegium. Kp. Aus -ev Provinz Posen, im Dezember. Kürzlich starb in Znin der Kaufmann M. Leyser. Der Verstorbene hat der Stadt zuerst als Stadtverordneter und dann als Magistratsmitglied lange Zeit treue Dienste geleistet. — Nachdem der bisherige erste Vorsteher der Synagogengemeinde in Schwersenz, Herr Lesser, die Wiederwahl für dieses Amt abgelehnt hatte, ist kürzlich der gegenwärtige Repräsentantenvorsteher, Kaufmann Max Kaatz, zum Führer der Gemeinde gewählt worden. — Der Fabrikbesitzer L. Bärwald in Rakel ist zum Mitglied der Bromberger Handelskammer wiedergewählt worden. — Der Synagogengemeinde in Gollantsch ist von dem Gemeindemitglied Markus daselbst ein Legat von 300 Mark hinterlassen worden, dessen Zinsen alljährlich an seinem Sterbetage an Arme verteilt werden sollen. — Im Alter von 65 Jahren ist in Pinne der Kaufmann Szamatolski gestorben. Derselbe war daselbst ein sehr geachteter Mann und nahm auch mehrere Ehrenämter in der Gemeindewie in der Stadtverwaltung ein. — Die Königliche Regierung zu Posen hat auch sämtliche jüdische Lehrer an einklassigen Schulen sowie die Hauptlehrer au mehrklassigen Schulen zu ständigen Mitgliedern des Schulvorstandes ihrer Schulen ernannt. — Die Synagogengemeinde Lissa hat eine mehrklassige israelitische Religionsschule, die von der Stadtgemeinde etatsmäßig unterhalten wird. Diese Maßnahme wurde bereits zur Zeit getroffen, als die Kommunalisierung der Schulklassen der evangelischen und katholischen Schule mit der ungleich günstiger stehenden Kasse der jüdischen Schule erfolgte. — In Schildberg haben sich bei den letzten Stadtverordnetenwahlen die jüdischen Wähler mit den Polen erfolgreich verbunden. Die jüdischen Wähler haben sich deshalb von den Deutschen abgewendet, weil der dortige Pastor Rhode anläßlich der letzten Reichstagswahl ein sehr judenfeindliches Flugblatt veröffentlicht hat und seitdem, obgleich dies seiner Vorgesetzten Behörde bekannt war, nicht hierfür rektifiziert worden ist. Und dann fällt man über die Juden her, wenn sie sich auf diese Weise ihrer Haut wehren, nachdem man sie von deutscher Seite als Handlanger bei Wahlen insbesondere benutzt und in der schärfsten Art beschimpft hat! ä. Jtiowvazlaw, 10. Dezember. Die ordentliche Generalversammlung des Vereins für Krankenpflege und Leichenbestattung fand unter großer Beteiligung am 5. d. M. statt. Nach dem einleitenden Referate des Vorsitzenden wurde dem Rechnungsführer Entlastung erteilt, der mit ca. 1850 Mark abschließende Etat genehmigt und dann zu den statutengemäß fälligen Wahlen geschritten. Der Vorsitzende Herr M. Herzfeld, welcher den Verein vor ca. 12 Jahren gründete, ebenso der Schriftführer Herr Bankier I. Levy wurden einstimmig wiedergewählt. Für das Amt eines Vorstehers der männlichen Abteilung für Leichenbestattung erhielt Herr N. Lachmann die Majorität. Der 170 Mitglieder zählende Verein gliedert in drei Abteilungen; in einer für Krankenpflege, einer Abteilung für männliche und einer für weibliche Leichenbestattung. — Breslait, 13. Dezember. In einer schlesischen Gemeinde wurde vor kurzem ein angesehener jüdischer Gutsbesitzer wegen seines Glaubensbekenntnisses aus dem Schulvorstande entfernt. Auf die seitens des Ausgeschlossenen an die Schulaufsichtsbehörde gerichtete Beschwerde entschied der Kultusminister, daß es nicht für gerecht-