Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- Seite 612 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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612 Wolken, Schlachtharfengeschmetter, Der Nebel umschlingt mich mit schmeichelnden Füßen! Hat der Nebel Füße? Können Füße schmeicheln?" Das Fräulein hätte ihn gern inehrmal unterbrochen, es ging aber nicht. Nun aber sagte sie indigniert: „Mit Ihnen ist nicht zu streiten. Sie haben nur Sinn für Ihre Weißwaren, und die kauft Ihnen Doktor Lispel allerdings nicht ab." „Ich würde ihm auch keine borgen," brummte er; dann aber wandte er sich lebhaft zu ihr und ergriff ihre Hand: „Fräulein Bertha, lassen ivir doch den Streit über die Kom-! inenden enden! Entweder Doktor Lispel bekehrt mich, und! dann bin ich der Ihre, oder es öffnen sich Ihnen die Augen, und Sie sind die Meine. Gilt der Pakt?" „Ach, gehen Sie!" sagte sie schmollend unter nicht ernstlichen Versuchen, ihre Hand frei zu machen. „Sie haben keine Ehrfurcht vor dem Genie!" „Gilt der Palt, Bertha?" flüsterte er. Sie nickte errötend ja, inachte nun aber ihre Hand frei und ivandte sich zu ihrer Nachbarin. Da ertönte ein Klingelzeichen. Aus einer dichten Gruppe Herren löste sich ein Herr und bestieg das Podium. Es war ein untersetzter Mann mit etwas kahlem Scheitel und blondem Schnurrbart, der aber gar nicht berühmt aussah. Er machte eine Verbeugung uiid begann: „Meine andächtige Kunstgemeinde! Was Shakespeare, Goethe, Beethoven, Wagner geahnt, wir, die Kommenden, sprechen und führen es ans. Poesie und Musik dürfen nicht für sich allein ivirken, sie müssen ein unteilbares Ganzes bilden — die Pomusik. Sie sollten sich bei einem Dichtwerk von uns Kommenden nicht fragen, ist dies Poesie o d er Musik — es ist beides. . . . Der Genius der Kunst, wie wir sie auffassen, soll zu Ihnen reden. So schwelgen Sie in zu Musik geivordenen Worten, in Pomusik, wie sie der .strahlengekrönte Genius von meinen Lippen ertönen läßt." Manchinal unterstützte der Pianist Mackels den strahlengekrönten Genius, indein er besonders geniale Stellen eben so genial aus dem Flügel begleitete, und so ging die Pomusik vielleicht eine Stunde ihren Gang. Ihre Wirkung auf die andächtige Kunstgemeinde war verschieden. Frau Berger saß während des Vortrags regungslos, mit in den Schoß gefalteten Händen, den Redner andächtig anschauend. Erna hatte ein ganz verzücktes Gesicht aufgesetzt und flüsterte ihrer Nachbarin zu: „Welche Offenbarungen, mir ists, als würde ein Evangelium verkündet." Die jungen Mädchen bis zu den mittleren Jahren verhimmelten alle, wahrend die Herren nicht ausnahmslos so glücklich aussahen. Assessor Rode runzelte die Stirn und versuchte erfolglos, eine selige Miene aufzusetzen. Andere Herren rückten unruhig auf den Stühlen. Einer bohrte sich beim Einsetzen der Musik in das Ohr, als ob er ein Insekt entfernen müsse. Herr Meyer ächzte: „Das halte ich nicht aus. Lasst mich heraus,stMendel!" Dieser lächelte und flüsterte: „Bleib hier, draußen zieht es, und dann bekommst Du wieder Deine Zahnschmerzen." „Mir sind Zahnschmerzen lieber!" Dann geriet er in Wut und sagte ziemlich laut: „Meine Frau kann sich freuen. Ich wollte erst später kommen, und da fabelte sie mir so viel von dem literarischen Genuß vor." (Fortsetzung folgt.» Literarilchr Mittrilungrn. ----- Saronsrosen. Erzählungen und Gedichte für die reifere jüdische Jugend gesammelt und heransgegeben von Robert H ir sch selb, Verlag: Berlin, M. Poppelauer. 1903. Ein Chanukahgeschenk, das von allen Seiten freudig begrübt werden wird, hat Robert Hirschfeld mit seiner Sammlung „Saronsrosen" lBerlin, Poppelauer. 3 Mark) der reiferen jüdischen Jugend gemacht. Es ist die alte Klage, daß es an Unterhaltungsschriften für die jüdische Jugend fehlt; von dem, was geschaffen wurde — und das ist keine große Zahl — hat nur wenig vor der ernsten Kritik staudgehalten. Vergaß man doch zu sehr das Wort, das Theodor Storm sich für sein eigenes Schaffen formuliert hatte: „Wenn du für die Jugend schreibell willst, so darfst du nicht für die Jugend schreiben! — Denn es ist unkünstlerisch, die Behandlung eines Stoffes so oder anders zu wenden, je nach dem du dir den großen Peter oder den kleinen Hans als Publikum denkst." So wurde in den jüdischen Jugendschriften meistens „die Behandlung des Stoffes" den kindlichen Ansprüchen gemäß „gewendet", anstatt „aus der großen Welt der Stoffe" diejenigen herauszusuchen, die, „wie für den reiferen Menschen, so auch für das Verständnis und die Teilnahme der Jugend geeignet" sind. Daß die Zahl dieser Stoffe nicht so ganz gering ist, beweist der Herausgeber mit den „Saronsrosen". Mit emsigem Fleiß und liebevollem Verständnis für die Wünsche und Bedürfnisse der Jugend hat er diese Erzählungen und Gedichte zum Teil aus „verstaubten und halbvergessenen Blättern", zum Teil aus Sammlungen, die der Jugend schwer oder nicht zugänglich sind, ans Licht gezogen. Daß er sich hierbei nur von ihrem literarischen Werte hat leiten lassen, bezeigen schon die Namen der Erzähler Ludwig Philippson, Julius Rodenberg und S. H. Mosenthal. — Mit der begeisterten Ansprache Philippsons „Freue dich, Jude!" wird die Sammlung eingeleitet; ihr folgt die Erzählung „Die drei Brüder" von Philippson. die uns in das äußere und innere Leben der Juden aus der Zeit nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 recht anschaulich einsührt. „Das Goldstück der Mutter" von Rodenberg und „Tante Guttrand" von Mosenthal, zwei gemütvolle Erzählungen ans dem Leben der Inden im vorigen Jahrhundert, beschließen den prosaischen Teil. Reichhaltiger noch ist die Sammlung der Gedichte, die von den 240 Seiten des Buches fast die Hälfte umfaßt. Sie enthält in vier Abteilungen, „Erbauliches", „Beschauliches", „Zu den Festen", „Erzählendes", einundvierzig Gedichte der besten Namen von Gabirol bis auf I. Löwenberg, Byron und Heine, Chamisso und Bechstein, Geibelund Freiligrath, Mautner, Mosenthal und Kulte, Gustav Jacobsohn und andere. Mit dem Herausgeber hat der Verleger gewetteifert in der vornehmen Ausstattung des Buches, und so ist ein Werk entstanden, das, nach Inhalt und Ausstattung gleich hervorragend, des regsten Jntereffes aller jüdischer Kreise, der Schule wie der Familie, wert ist. Möge der Herausgeber fortfahren in dem Bestreben, Saronsrosen zu pflücken, die in großer Zahl an verborgenen und der Jugend unzugänglichen Stellen verwelken, und mögen diese Erzählungen und Gedichte, nach seinem Wunsche, „gleich den Saronsrosen unter dem liebevollen Blicke der Jugend zu neuem Leben erwachen!" H. F. SprechsaÄ. Verehrlichte Redaktion! Ihrer letzten Nummer (49) brachten Sie freundlichst ein auf die Jahrhundertfeier des Philanthropins bezügliche Notiz. Sie werden inzwischen wohl selbst bemerkt haben, daß Ihnen dabei der Irrtum unterlaufen ist, unserer Anstalt eine vierhundertjährige Dauer statt der hundertjährigen znznschreiben. Dr. F. Michel, Oberlehrer und Schriftführer des Preß-Ausschusses. 4» Sehr geehrter Herr Redakteur! ^fn der Chanukahseststudie (Nummer 50) muß es Spalte 3, Zeile 1 oben heißen: hundert (100) anstatt 1000. Dr. Tobias Cohn. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch witz in Berlin.