Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- Seite 611 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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611 Dagegen mag auf einzelne Poesien hiugewieseu werden. Das Gedicht „Morgengedanken am Sonntag" erinnert an einzelne Psalmstellen. In den „Worten des Glaubens", „Thekla, eine Geisterstimme", „Die Künstler" finden sich neben Stellen aus den Evangelien manche Reminiscenzen aus Psalmen und Propheten; und diese letzteren sind auch in manchen anderen Gedichten paraphrasiert. Eines der charakteristrischsten Beispiele ist Psalm 19, 6: „Und dieselbige geht hinaus wie ein Bräutigam aus seiner Kammer und freut sich wie ein Held zu laufen den Weg," verglichen mit der Stelle im Gedicht „An die Freude": „Froh wie seine Sonnen fliegen Durch des Himmels prächt'gen Plan, Laufet, Brüder, Eure Bahn Freudig wie ein Held zu siegen." Im Gegensatz dazu scheint es mir nicht nötig, die vielfachen Erwähnungen von Engel und Paradies anzuführen (Hölle und Teufel gemahnen doch mehr ans neue Testament) oder die Idee, daß der Mensch der Sünde anheimgefallen oder zu ihr geboren sei, weil hier nur im allgemeinen biblische Vorstellungen, aber nicht einzelne biblische Stellen eingewirkt haben. Für anderes, Tod, Weltgericht, Schutzengel spielt fast ausschließlich das neue Testament eine Nolle, nicht aber das alte, das uns in diesem Zusammenhallge allein interessiert. Das Drama, das die wesentlichste Anregung von dem alten Testament erfahren hat, ist die „Jungfrau von Orleans". Hier handelt es sich nicht bloß um einzelne Anklänge, sondern man muß sagen, die ganze Figur Johannas hat etwas biblisches an sich. Schon Hoffmeister wies darauf hin, daß ihr Verhältnis zu ihren Geschwistern an das Josefs zu seinen Brüdern gemahnt, daß Johanna wie Josef in seinen Träumen das künftige Geschick erkennt, daß sie in diesen Träumen sieht, wie die ihrigen, aber auch Grafen und Fürsten sich vor ihr neigen, ähnlich wie Josef solches vorausschaut (1. Moses, 37. 7). Eine neuere Untersuchung h hat zu dem eben erivähnten noch manches hinzugefügt. So gemahnt ihr Bezwingen des Tigerwolfs, der in ihre Herden fiel, an Simsons Zerreißen des Löwen (Richter, 14, 6), und man wird an 1. Samuel, 17, 33 bis 35 erinnert, wenn es heißt, sie habe dem Wolfe das Lamm entrissen, das dieser schon im blutigen Rachen davontrug, oder an Joel, 3, 18, wenn die Jungfrau ausruft: „Er sei zur Ernte reif, mit ihrer Sichel wird die Jungfrau kommen," — wenn auch freilich für dieses Bild noch deutlicher als die Ausdrucke des Propheten einzelne Wendungen aus der Apokalypse vorzuschweben scheinen. Wie Johanna mit Josef, so hat sie auch Parallelen mit Moses. Während Schiller in seinen Quellen nur eine mittelbare Berufung der Jungfrau durch verschiedene Heilige vorfand, spricht er in seinem Drama, an Moses erinnernd, von einer unmittelbaren Berufung der Johanna durch die göttliche Macht, besonders in der Stelle: „Gehe hin, du sollst auf Erden für mich zeugen!" einer wirklichen Parallele zu 2. Moses 3, 10: „Sv gehe nun hin, ich will dich zum Pharao senden", wo des weiteren auch noch eine Aehnlichkeit darin besteht, daß die Stimme Gottes in der Bibel aus dem feurigen Busch, in dem Drama aus dem heiligen Druidenbaume erschallt. _ (Schluß folgt.) ') Peppmüllcr, Biblisches und Homerisches in Schillers „Jungfrau von Orleans", Archiv für Literaturgeschichte Bd. 2, S. 179—197. Kinder unterer Leit. Roman von Jacob Levy. Kapitel 8. I^^inige Diener verteilten Programme, auf denen mit^Gold ' gedruckt war: „Neue Offenbarungen über das Wesen der Kunst . . . von Dr. Lispel. Beweise am Flügel . . . Pianist Mackels." In der vorderen Reihe saß Frau Berger neben einem kahlköpfigen Herrn mit goldener Brille. Sie flüsterte ihm zu: „Aber Herr Doktor, ich bitte Sie, bringen Sie von nnserin bescheidenen Abend nur nichts in Ihre Zeitung." „Aha," sagte er, satirisch lächelnd: „Das heißt, bringen Sie es nur in die Zeitung." „Seien Sie nicht so boshaft!" Herr Berger war der Kavalier einer mit einem viertel Zentner Juwelen geschmückten, älteren Dame und sagte vorläufig gar nichts. Der Assessor uirterhielt sich angelegentlichst mit seiner Nachbarin, Fräulein Erna. Der Einjährige saß zwischen zwei hübschen Mädchen und sagte, er wünsche, der Quatsch wäre vorüber, und ste wären am Tanzen. Herr Meyer hatte sich mit verschiedenen Bekannten, alles älteren Herren, auf die hinterste Bank niedergelassen und äußerte denselben Wunsch wie der Einjährige, nur daß er das Abendessen anstatt des Balles herbeisehnte. Von den meisten Anwesenden wurden ästhetische Gespräche über die neueste Literatur geführt, und besonders die weiblichen Jahrgänge bis in die vierzig gaben mit aufwärts gedrehten Augen ihr Entzücken über die neuere Richtung überhaupt und die zu erwartenden Kunstgenüsse im speziellen kund. Eine Blondine mit üppig entivickelten Formen bemerkte mit schwärmerischem Augenausschlag zu ihrem Nachbar, einem jungen, eleganten Herrn mit gescheiten Zügen: „Wie freue ich mich, endlich den berühmten Dichter Lispel, den Führer der „Kommenden", zu hören. Seine Gedichte haben mich geradezu fasziniert. Seine Gedanken erheben mich mit Adlersschwingen, bis ich mich ganz als klingende Seele fühle, wie er es so tiefsinnig bezeichnet." Der Herr antwortete verbindlich: „Gnädiges Fräulein, gestatten Sie mir, mich als einen Feind und Widersacher Ihrer klingenden Seele zu erklären. Ihre Seele, soiveit ste nicht klingelt, und deren reizende Hülle entzückt und bezaubert mich, aber das Beivundern Ihrer neueren Dichter, pah! Da sah ich ein Büchlein von Ihrem Doktor Lispel: „Flanuneupfeile in Gedichte gegossen." Das Buch ist in grauer Leinwand gebunden. Auf dem Deckel sind einige krumme Linien, die sich in einem abscheulichen Frauenkopse vereinigen. Oben in der rechten Ecke steht der Titel ganz klein gedruckt in der modernen Schrift, die kein Mensch lesen kann. Nun öffne ich das Büchelchen. Ans der erster Seite lvird mitgeteilt, wer der: Buchschmuck gemacht, wer das Buch gedruckt, wer das Papier geliefert, iver die Typen gegossen. Ich lese weiter. Auf der einen Seite ein Vers von zwei Zeilen, dann eine Seite mit vier Zeilen, und daS geht dann so weiter. Der Inhalt des Büchleins von hundertundfünfzig Seiten lväre bequem auf zwanzig Seiten zu drucken. Aber eigentlich ist es gut, daß mau den Blödsinn nur portionsweise zu sich nehmen kann, sonstj lvürde man ganz verdreht. Dann der Inhalt: Flammende Pfeile, duftende