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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-18 · Heft 51 (18.12.1903) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 51 (18.12.1903)
Date
1903-12-18
Page
Seite 610 (sequence 12)
Language
German
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610 zu lernen; ob das aber wirklich oder später geschehen ist, läßt sich nicht Nachweisen?) Unter den deutschen Schriftstellern jüdischen Ursprungs aus der folgenden Generation sind Börne und Heine gewiß die bedeutsamsten. Trotzdem möchte ich sie nur streisen, nicht ausführlich behandeln. Der Grund zu diesem Verfahren liegt nicht in dem Bedenken, das mir nach der Darstellung Börnes und Heines im Verhältnis zu Goethe geäußert wurde, es sei nicht angemessen, diese beiden zu den Juden zu rechnen, sondern hauptsächlich in dem Umstande, daß in dieser Skizze im wesentlichen nur die Zeit Schillers selbst berücksichtigt werden soll: Börne aber war, bei dem Tode Schillers, ein Knabe, Heine ein Kind. Daher mag hier mir kurz daran erinnert werden, daß in den „Dramaturgischen Blättern" Börnes einzelne wichtige Kritiken Schillers Vorkommen, unter denen die über „Wilhelm Tell" eine nicht geringe Berühmtheit erlangt hat und daß in seinem „Tagebuch" 1819 bei Anlaß der Kritik von Schillers und Goethes Briefwechsel sich viele wegwerfende Aenßerungen über Schiller, namentlich seine Stellung zürn deutschen Volke, seinen Mangel an Witz finden. Für Heine sei, wiederum nach Karpeles^ Worten, darauf hingewiesen, daß er eine große und unbedingte Verehrung für Schiller empfand, er nannte ihn („Romantische Schule", Bd. I) „das schönste Herz, das jemals in Deutschland gelebt und gelitten." VI. Vielleicht von noch größerem Interesse als die Frage, wie Schiller die Juden beurteilte und von ihnen beurteilt wurde, lst die, ob und wie er jüdische Dinge in seinen Werken besprach, wie er insbesondere die Bibel benutzte und behandelte?) Schiller lernte die Bibel durch seine fromme Mutter kennen. Auch sein Vater zwar war fromm, ein Gebet von ihm hat sich erhalten, aber die eigentliche Frömmigkeit des Hauses wurde durch die Mutter vertreten; der vielbeschäftigte Vater hatte auch wohl gar keine Zeit, dem Sohne Kenntnisse beizubringen und ihm Einzelnes aus seiner Lektüre zu übermitteln. Die Mutter war keine gebildete Frau, sie bedurfte nur geringer geistiger Nahrung aus Büchern, aber was sie las, war religiös, Uz und Gellert toaveit die Poeten, die sie las und liebte. Wenn sie sich der Bibel zuwandte, so mag es freilich mehr das neue Testament gewesen sein, als das alte, aus dem die Mutter den Kindern erzählte; am befcumtefteit ist jene von des Dichters Schwester Christophine berichtete Szene, da die Mutter den Kindern auf einer Wanderung nach Marbach von den Pilgern erzählte, die nach EnlUlaus gingell, wie alle durch diesen Bericht, den sie auf der Spitze des Hügels empfingell, ilmig gerührt wurden, niederknieten und beteten, „dieser Berg wrrrde uns zum Tabor". Aus solchen Gesprächen über die Bibel und aus Hinweisen auf sie mag Schillers (epischer oder dralnatischer) Plan: Absalom, entstandell sein. Im Jahre 1779 brallchte Schiller in einer Rede einige Worte über Absalom: die Geschwister meinten, daß voll deul Jugendwerke manches erhalten sei; die Schwester Nanette forschte 1792 eifrig nach, konnte aber rlichts finben. Auch später hat Schiller nicht allfgehört, aus der Bibel zu schöpfen. Ich bin kein Bibelforscher und muß mich daher auf eüliges beschränken, was ich in der Literatur finde. Zwei Schriftell, die über diesen Gegenstand handelll, sind äußerst *) Ebenso wenig läßt sich eine Beziehung Schillers zu der Schwester der ebengenannlell Sara Grothhus Nachweisen. Varnhagen behauptet eine solche; in Schillers „Kalender" und Ernst Müllers Kommentar dazu finbet man keine Spur davon. ~) Die Literatur ist nicht arm. F. Schnedermann: Biblische Anklänge bei Schiller, Festschrift zum 70. Geburtstag Hildebrands. Leipzig 1894. Joh. Schlurick: Schiller und die Bibel. Leipzig, Progr. 1895. dürftig. Die eine von Anton') geht fast ausschließlich auf das Neue Testament ein und berührt nur gelegentlich einzelne Psalmstellen; die von Goldschmidt?) will zeigen, daß die Ideen der zwei großen Gedichte: Kassandra und das Ideal und das Leben mit der biblischen Anschauung Berührung haben, daß sie das schöne poetische Bild vom Baume des Lebens und der Erkenntnis wiedergeben und weiterführen. Mir scheint trotz der wortreichen Erklärung des Autors seine Absicht mißlungen zu sein, nur ein paar im folgenden erwähnte biblische Anklänge aus den Räubern, die er beibringt, sind dankbar anzuerkennen?) Am Schluß der Vorrede zu den Räubern heißt es: „Der Pöbel hört nicht auf. Pöbel zu sein. Und wenn Sonne und Mond sich wandeln, und Himmel und Erde verfallen wie ein Gewand," so erinnert der Verfasser an Ps. 102, 26, 27, wo es heißt: „Gott habe Himmel und Erde gegründet, sie können fallen." Karl Moor sagt zum Pater: „Sag' ihnen, mein Handwerk ist Wiedervergeltung und Rache ist mein Gewerbe." Diese Worte werden znsammengestellt mit Deuter. 32, 35, „die Rache ist des Herrn". Daselbst: „Es ist Gnade über alle Grenzen"; dafür die Parallelstelle, Klagelieder 3, 22: „Seine Gnade hat kein Ende." Eine Benutzung biblischer Wendungen an den angeführten Stellen wird man nicht leugnen, obgleich ihre Verwendung eine ziemlich freie genannt werden muß. Einiges andere mag im Anschluß an Schluricks obenangeführte Studie vorgebracht werden. Diese außerordentlich fleißige Arbeit geht freilich wie die meisten derartigen Studien zu weit. Unzählige biblische Wendungen und Begriffe sind durchaus in den Volksgeist, in die allgemeine Verkehrssprache übergegangen, sodaß ihre Anwendung weder für eine Lektüre, »och weniger für Verehrung der Bibel zu sprechen braucht. Wenn es z. B. I. Sam. 20. 38 heißt: „Risch wie der Wind", so muß man eben nur wissen, wie ein Blick aus Grimms deutsches Wörterbuch belehrt, daß das Wort „risch" gerade in der Bedeutung „schnell" schon in der inittelhochdeutschen Periode über ganz Mitteldeutschland verbreitet war, daß es in neuerer Zeit von Wieland mehrfach, von Bürger außerordentlich häufig gebraucht wurde, so daß die Stelle in Schillers „Semele" „risch aufhüpfend" in keiner Weise auf eine Benutzung der Bibel führen muß. Von einer Entlehnung aus der Bibel kann man doch nur dann sprechen, wenn Wort und Begriff sich eben nur aus ihr erklären, nicht aber, wie hier und an zahllosen anderen von Schlurick angeführten Stellen, wenn diese sich ans volkstümlichem oder schriftstellerischem Gebrauch herleiten lassen. Schillers Briefe, im Gegensatz zu denen Goethes, zeigen wenige oder gar keine Anklänge aus der Bibel, und gerade dieses Fehlen biblischer Zeugnisse in den vertrauten Aenßerungen beweist ein geringeres Mitleben in jenen alten Urkunden. 0 K. G. Anto», Vergleichung der Religionslehre der Bibel mit Schillers Gedichten: Resignation und die Götter Griechenlands, Görlitz 1849, geht säst ausschließlich auf das neue Testament ein; einzelne Stellen aus den Psalmen werden nur ganz nebensächlich angeführt. -) I. Goldsckwidt, Schillers Weltanschauung und die Bibel. Erläuterungen über Kassandra und das Ideal und das Leben. Berlin 1888. — Der Aussatz von Feßler: Schiller und die Bibel, in dieser Zeitschrift 1895 No 45, S. 534 fg.. 46. S. 547 wurde mir erst bekannt, als diese Studie schon im Druck war. Hervorzuheben ist daraus die Zusammenstellung des Gedichtes „Das Glück" mit Ps. 127 und einer Stelle aus Jesaja; der beiden Motive aus der „Bürgschaft": Der Räuber und des Durstes mit der Erzählung im Buch der Richter 15. 14—20. Andres ist weniger schlagend. — Die größere Arbeit, die Feßler am Schluß seiner Aufsätze ankündigt, ist, wenn erschienen, mir unbekannt geblieben. 3) Goldschmidt, S. 10. Anmerkung.

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