Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- Seite 609 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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609 fort: „Bis zum Jahre 1804, wo ich ihn zum ersten und letzten Male und zwar hier in Berlin sah, da hatte ich ihn nur aus seinen Schriften gekannt, und wie es begreiflich ist, daß wir uns das Bild der Persönlichkeit eines Dichters, den wir kennen und lieben, aus seinen Werken gestalten, so hatte ich ihn mir in seiner Ausdrucksweise feurig und in seinen Reden rückhaltlos seine Meinung aussprechend gedacht. Ich meinte, er müßte so im Laufe eines Gesprächs etwa wie sein Posa in der berühmten Scene mit König Philipp sprechen. Zu meinem Erstaunen nun stellte er sich in seiner Unterhaltung als ein sehr lebenskluger Mann dar, der namentlich höchst vorsichtig in seinen Aeußerungen über Personen war, wenn er durch sie irgend Anstoß zu erregen glauben durfte." Die zweite Berliner Jüdin, die in der Literatur der Uebergangszeit vom 18. zum 19. Jahrhundert eine Rolle spielt, Dorothea Veit, geb. Mendelssohn, deren Roman, wie wir sahen, von Schiller kühl beurteilt wurde, trat, solauge sie dem väterlichen Glauben angehörte, schriftstellerisch nicht hervor- Aber auch in ihren Briefen, nach der Verbindung mit Fr. Schlegel, in denen sie viel literarischen Klatsch erwähnt und Goethes häufig gedenkt, wird Schiller kaum angeführt, auch von seinem Tode ist nicht die Rede; immerhin ist es denkbar, daß sie in die lächerliche antischillersche Gesinnung einstimmte, die in den romantischen Zirkeln Jenas zur Mode geworden war. Ein paar Aeußerungen aus ihrem Tagebnche bekunden nur, daß sie Schiller Hochmut und Grobheit zuschrieb, aber sie überliefert auch als Goethes Ausspruch das Wort, das sich vielleicht gerade gegen die Romantiker richtet: „Ich weiß wohl, es gibt jetzt einige Leute, die behaupten, Schiller wäre kein Dichter! So lange ich aber lebe, soll sich gewiß niemand unterstehen, es zu fagen."fl Weniger als die Genannten trat in den Berliner geistreichen Kreisen Lea Salomon hervor, die Gattin Abraham Mendelssohns; sie gehörte zu denen, die mehr in der Stille des Hauses wirkten, als in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen trachteten. Von ihr sind einzelne Aeußerungen bekannt geworden, an und gegen den berüchtigten Kritiker Garlieb Merkel gerichtet, in denen sie Wallensteins Tod für ein Meisterstück erklärt und, bezeichnend genug, den „erhabenen, himmlischen Charakter" der Thekla „dieses Engels des Lichts und der menschlichen Größe" rühmt. Und da Merkel, keineswegs ihrer Meinung, gegen sie „das Publikum" anführen wolle, verwahrt sie sich entschieden dagegen, daß dieses in solchen Fragen ausschlaggebend sein könne?). Ein anderer, den Berliner Kreisen nahestehender Jude, David Veit, studierte längere Zeit in Jena und sah Schiller manchmal, nicht so oft, wie man erwarten sollte, da er mit Wilhelm von Humboldt, Schillers vertrautem Freunde, sehr viel zusammen, ja sein regelmäßiger Sonntagsgast warb). Während dieser Veit nun seiner Berliner Freundin Rahel Levin Goethesche Gedichte abschrieb, dessen neue Werke und Aufsätze analysierte, die mit ihm geführten Gespräche genau überlieferte, einen Tadel gegen ihn kaum je wagte, fand er es unbegreiflich, daß Schiller an Matthisson Geschmack haben konnte, und lobte mäßig eine Rezension des Jenaer Aesthetikers über einen Gartenkalender * *). Als er Schiller zum ersten Male sah, schrieb er ziemst Dorothea v. Schlegel, Briefwechsel. Herausgegebe» von 1. M. Raich, Mainz 1881, Bd. II, S. 94. *) 2. Juli, 26. August 1799. Hensel, die Familie Mendelssohn, 2. Ausl., 1, S. 77, 82. fl Für das folgende vergl. Briefwechsel zwischen Rahel und David Veit. Aus dem Nachlaß Varnhageus von Ense. 2. Bde. Leipzig 1861. Bes. I, 249, 279, H, 23 lg. 155, 195. lieber David Beit vergl. ferner meine Notiz in A. D. B. fl Es ist dieselbe Rezension von der Goethe im Tagebuch 29. Juli 1824 schrieb: „er habe sie für trefflich gefunden". lich kühl, 10. November 1794: „Gestern habe ich Schiller zum ersten Mal gesehen; ich finde Humboldts Urteil sehr wahr: Goethe hat ein allgemein schönes Männergesicht; Schiller nur eine Art davon, und die eine Art, die sich mit dem Angenehmen sehr verträgt, ohne die Stärke zu verlieren." Sonst findet sich über Schiller nur eine sehr merkwürdige Aeußerung (15. Juni 1795): „Macht null der süße Wahn der süßeren Wahrheit Platz, so werden Sie ivisseil, daß ich eben nur aus meiner Eigenlaune verrückt oder begeistert bin und m der Begeisterung fühle ich mich Schiller um soviel näher; allein sich Schillern um soviel näher fühlen, kann höchstens Schillerlästernng heißen, ivelche die Leute von unserer freien Manier sich öfters erlauben, sollte es auch Unsinn heißen, — desto schlimmer für ihn." Verstehe ich den Satz recht, so ist er eher gegen als für Schiller aufzufassen. Er soll bedeuten, daß die goethefesteil freien Menschen nur dann Verwandtschaft mit Schiller empfinden, wenn sie aus ihrer richtigen Bahn gelenkt sind. Rahel Levin selbst, an welche die vorstehenden Aeußerungen gerichtet sind, ist Schiller gegenüber, wenn auch nicht geradezu feindlich, so doch kühl, zumal, wenn man ihre Gesinnung gegen Schiller mit ihrer Goethebegeisterung vergleicht fl. Wenn sie einmal die Lernen lobt, so tut sie dies mehr Goethes, als Schillers wegen und ihrem Ausruf: „Es lebe Schiller, den mein Herz ehrt", steht ihre Billigung des Tieckschen Ansspruches entgegen, daß er. der unser Theater gegründet habe, es auch wieder zu zerstören helfe. Sie spottete über Thekla, sie gab nicht zu, „daß die gute und beliebte Jungfer Orlean" an Werners Luther heranreiche und bezeugte an einer, freilich späteren Stelle (13. September 1827) bei aller Teilnahme für Schiller, daß die ihm ehemals gewidmete Aufmerksamkeit auf Goethe überging. Die Stelle lautet"): „Ich vergötterte Schiller aus diesem Teile, weil er eine lehrsame Seele war, und all seinen Geist dazu gebrauchte; vortrefflichen Treffer hatte, — darin bestand für mich sein Talent; dies vergötterte ich z. B. in seinem Gedicht: die Schlacht. Fast antik in modernster Form, und Stoff: tief ergreifend, weil die Sache in ihrer Einfachheit erfaßt, eben dadurch ihren Graus, die Unabänderlichkeit zeigt. Undenklich schön! So liebt' ich, „Melancholie an Laura", alle an Laura; eines, wo er den Frühling „Lieber Jüngling" anredete. Ich liebte ihn ganz, war voller Freude, ihn soliebenswert und würdig zu finden: Aber da kommt Goethe mit seiner Macht, seinen Zeiten, seiner Vollendung und Vorstellung, Denken, Reife, Vollendung und Gewalt des Ausdrucks, kampfgekämpster Weisheit, beschauender überschauender Melancholie, weiser ausgerungener Heiterkeit, mit seiner vue d’oiseau, mit seinem Sternenbliü, auf deutsch, — von einem Stern herab —, mit der Götterbrust, an der man nicht allein ruht, sondern Ruhe findet, — und allen anderen Dichtern fehlt etwas; — Großes." Mit den drei genannten Frauen Dor. Veit, Henriette Herz, Rahel Levin wird oft die schöne und geistreiche Marianne Meyer (Frau von Eybenberg) zusammen genannt; wie nahe sie Goethe stand, ist bekannt, dieser hatte (wie er 26. Juli 1797 schreibt) dem Freunde gewünscht, diese „berühmte" Dame kennen st Alle Briefwechsel Rahels zu diesem Zwecke durchzuarbeiten, habe ich unterlassen, umsomehr, da jetzt ein großes Werk von Berdrow über Rahel vorliegt, hauptsächlich eine Zusammenstellung aus ihren Briefen, Stuttgart 1909, aus der zwei Notizen benutzt werden konnten, und ferner eine Darstellung von Emma Graf, Rahel Varnhagen und die Romantik, Berlin 1993, S. 61 sg. fl Die Stelle wird bei Graf unvollständig wiedergegeben; hier folgt sie nach dem Original. Briefwechsel von Rahel und Varnhagen, Leipzig 1875, VI, 169.