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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-18 · Heft 51 (18.12.1903) · p. Seite 608

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 51 (18.12.1903)
Date
1903-12-18
Page
Seite 608 (sequence 10)
Language
German
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608 denz beschaffen war, mag man schon aus dem untenstehenden Schreiben Herders vom 10. Oktober 1779 ersehen, als er dem Denker „Das Buch von der Zukunft des Herrn" übersandte. l) Es liegt auf der Hand, daß sich die beiden Denker nicht allein über theologische und literarische Angelegenheiten, sondern auch über die Frage der? bürgerlichen Stellung der Israeliten in jener Zeit hier und da unterhielten. Bezeichnend in dieser Beziehung ist namentlich ein Brief Mendelssohns vom 20. Juni 1780. Der bittere Humor, der sich in diesem Schreiben des „modernen Sokrates" ausspricht, beweist schlagend, wie schmerzlich die Herabsetzung und unwürdige Behandlung, denen damals noch seine Glaubensgenossen in Deutschland ausgesetzt waren, den Philosophen von Dessau berührt haben. In dieser noch heutzutage^— leider — recht aktuellen Zuschrift heißt es unter anderem: „Ich habe Kinder, die ich erziehen soll. Zu welcher Bestimmung? Ob im Sachsen-Gothaischen bei jeder Durchreise ihren jüdischen Kops mit einem Würfelspiel zu verzollen oder iroend einem kleinen Satrapen das Märchen voll den nicht zu unterscheidenden Ringen zu erzählen, weiß nur der, der uns alle unsere Pfade vorgemessen. Meine Pflicht ist es, sie so zu erziehen, daß sie in jeder Situation sich voll ihrer Seite keine Schande zuziehen, und die ihneil ihre Nebenmenschen unverdient zuwerfen, mit Resignation ertragen." Besonders rege gestaltete sich der briefliche Verkehr zwischen Herder und Mendelssohn seit dem Tode des gemeinschaftlichen Genossen Gotthold Ephraim Lessing. Nicht ohne tiefe Bewegung lesen wir noch jetzt den Brief, welchen der evangelische Geistliche an den israelitischen Kaufmann anläßlich jenes schmerzlichen Verlustes richtete: „Lassen Sie sich," heißt es dort, „lieber Mendelssohn, erbitten, gewissermaßen seinen Platz in mir auszusüllen, und mir etwas näher zu sein, als Sie es silld .... Ihre Gutnlütigkeit, Ihr ullverhohlenes Wohlwollen in Sachen,'wo wir doch , einerlei Zweck im großen und ganzen, wenll auch in so verschiedenen Sphären, zu befördern haben, dies wünsche, dies erbitte ich mir, da ich Sie so innig und ausrichtig hochschätze und liebe und mit jedem Jahr des Lebens lieber gewillne." Der Appell Herders verhallte nicht fruchtlos: „Auch dieses, mein bester, Herder," so schreibt ihm Mendelssohn am 15. März 17810 „ist .'ein Weg der Vorsehung, daß Lessings Tod zwei Gemüter sich einander näherbringen muß . . . Der Tod Lessings! der einzige Mann, an dem ich in mehr als 30 Jahren keine Spur von dieser — weltklugen — Gesinnung wahrgenommen, der so allezeit ungeteilten Herzens, ganz sich selbst gleich — mein Freund und Wohl- 0 Vergl. „Aus Herders Nachlaß", Baud 2, S. 217 ff. und meine Schrift: „Johann Gottfried v. Herder und die Humanitätsbestrebungen der Neuzeit," Berlin 1870, S. 73 ff. „Verzeihen Sie, hochgeschätzter Herr, daß ich Sie mit diesem christlichen Buch beschwere. Es geschieht nicht, Sie7zu bekehren, noch mir von Ihnen als Kunstrichter ein gnädiges Urteil zu erkaufen. Ich übergebe es dem rechtschaffenen Israeliten, den ich von Herzen hochschätze, als ein Zeichen meiner Hochachtung, und als ein Buch in seiner Sprache, in den Bildern seiner Propheten und Lehrer geschrieben. Sie können, mein Herr, der beste Richter sein, ob die Bilder, rein und klar, das bedeuten, was ich sie bedeuten lasse, und ob ich" den Zusammenhang des Buches, der aber auch aus den Ideen Ihrer Nation ist, getroffen. Was bei uns in diesem Fach kahle, leicht zu verdeutelnde, lveit^hergeholte Gelehrsamkeit ist, M bei Ihnen, wie mich dünkt, angenommene heilige Sprache. Nehmen Sie das Buch in dieser reinen stillen Absicht, als von einer guten Hand gegeben, auf, setzen Sie sich beim Lesen in meine, eines christlichen Lehrers, Stelle und verbinden mich etwa, wenn Sie's wert finden, einmal im Stillen mit Ihrer unparteiischen Meinung. Wenn man die Schrift auch ilicfjt etwa als Weissagung, sondern als Gedächtnis und Trost der Zerstörung Israels «betrachtet, ist sie, dünkt mich, recht unschätzbar. Mir indessen,, schier? sie auf ihrer Stelle, und alles zusammen genommen mehr zu sein, wenigstens fand ich nicht Ursache genug, sie meiner Kirche blos als. jenes, zu geben. Ich verbinde , indessen niemand zu meiner Meinung. Leben Sie herzlich wohl nach Seell und Leib." 0 Aus Herders Nachlaß, Band 2, S. 220 ff. täter blieb! Der Tod dieses Freundes, mit dem ich zu leben gleichsam gewohnt war, hat in meinem Herzen eine tiefe Wunde geschlagen, und es ist ein wahres Labsal für meine Seele, daß Sie eine gleiche Lücke in Ihrem Herzen empfinden und solche durch die Annäherung mit dem meinigen wieder auszusüllen gedenken. Haben Sie herzlichen Dank dafür, daß Sie den ersten Schritt getan! Sie sollen mich sicherlich auf halbem Wege treffen. Ich gehe etwas langsam, aber ununterbrochen. Jeder hat seine Weise, und ich habe das Zutrauen zu Ihrer Menschenkenntnis, daß Sie meine kaltscheinende Weise nicht mißkennen werden. Sie ist in Wahrheit mehr gemäßigt als kalt, und Sie werden sie hoffentlich in der Folge der Zeit immer echter und bewährter und Ihrer Liebe würdiger finden . . . Ich hoffe, es soll bei diesem ersten Schritt, den wir zur Freundschaft getan, nicht bleiben, und verspreche Ihnen, allezeit so offenherzig zu sein, als Sie mich jetzt finden. Ich kann Ihnen auf der Laufbahn, auf der Sie so große Schritte getan, nicht folgen, aber ohne Neid kann ich Ihnen meinen herzlichen Beifall zurusen, so oft Sie ihn zu verdienen scheinen. Lieben Sie mich. Brüderchen!'") (Schluß folgt.) Schiller und die yuden. Von Ludwig Geiger. (Fortsetzung.) n der Schillerfeier des Jahres 1859 haben sich auch die Juden beteiligt?) Wenn wir nun aber die unmittelbaren Zeitgenossen fragen, d. h. diejenigen, die während der Lebzeiten Schillers odergleich nach seinem Tode zu Worte kamen, so lassen sich nur sehr wenige Aeußerungen zusammenstellen. Gegenüber den zahlreichen Zeugnissen der Berliner Jüdinnen aus der Zeit der Romantik über Goethe läßt sich für Schiller nur weniges finden. Henriette Herz3), deren Gatte, wie oben angeführt, wenigstens dem Namen nach, Schiller bekannt war, gab nur eine kurze Schilderung von Schillers Aeußerem und fuhr dann 0 Moses Mendelssohns ges. Werke. Band 5, S. 582—587. 0 Ohne eine vollständige Liste der im Schillerjahr entstandenen jüdischen Arbeiten zu geben, sei zunächst erwähnt, was ich selbst gelesen habe: Der schon oben benutzte Aussatz von H. Zirndorf: „Schiller auf dem Boden jüdischer Anschauung in „Der Freitag Abend", eine Familienschrist, herausgegeben von Leopold Stein, Frankfurt a. M. 1859, S. 709-711, 730-732. 738-742. In derselben Zeitschrift, S. 705 ff., ein Gedicht von Minna Cohen: Zur Schillerfeier: „Drei Sterne. Luther, Blücher, Schiller"; daselbst S. 721—729: Die Festrede Leopold Steins: „Zur Schillerfeier. Die Glanzgestirne am Lichthimmel des Geistes". In: „Israelitischen Volkslehrer", herausgegeben von L. Stein und L. Süßkind. 9. Jahrgang, Frankfurt 1859 findet sich von letzterem S. 359—364 ein Aufsatz: „Der Schillertag"; er versucht namentlich Schiller vom Vorwurf des Heidentums zu befreien. Ein Leitartikel der „A. Z. d. I." (also jedenfalls von L. Philippsonj Nr. 47: „Ein Nachwort zur Schillerseier", verherrlicht Schiller als Dichter des Idealismus und führt aus, daß sein Sieg auch der Sieg des Judentums sei, das durchaus auf idealen Grundsätzen sich aufbaue. — Unter den bei Goedeke im Grundriß verzeichneten Hunderten von Reden und Gedichten ist die oben erwähnte Predigt Steins in einem anderen Druck zitiert, ferner eine Rede Gabriel Rießers. Karpeles macht mich aufmerksam, daß nach dem Schilleralbum von Tropus an der Schillerfeier von 1859 außer vielen getauften auch folgende Juden durch Festreden, Gedichte, Toaste usw. sich beteiligt haben: Berthold Auerbach, Livius Fürst, Johann Jacoby, Ludwig Kalisch, Julius Laster, A. Lomnitz, S. Meyer, S. H. Rosenthal, S. Pulvermacher, Gabriel Rießer. August Silberstein, Sigismund Stern (Frankfurt a. M.), Moritz Straßmann, Ludwig Walesrode. — Die Rede von S. R. Hirsch, abgedruckt im Jeschurun (1859), fehlt in dem von mir benutzten Exemplar der Bibliothek der Berliner jüdischen Gemeinde. 0 Henriette Herz. Ihr Leben und ihre Erinnerungen. Heransgegeben von I. Fürst, Berlin 1850.

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