Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- Seite 607 (sequence 9)
- Language
- German
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607 In den „Klageliedern Jeremiae" erkennt Herder die schönste Frucht der hebräischen Elegie. Er vernimmt hier den sanften, schwermütigen Ton eines in tiefe Betrübnis versinkenden Patrioten. Er unterläßt es nicht, auf die ergreifende Schönheit der tragischen Bilder, wie auch auf die Mäßigung und Haltung, die sie an sich tragen, hinzuweisen, selbst wenn der Jammer des mütterlichen Herzens oder der trostlose Zustand des Gefangenen geschildert wird. „Wie eine Turteltaube", sagt er, „hört man über dem Grabe des Tempels und Landes die Elegie girren. Wie eine edle und gefesselte Sklavin sehnt sie sich zurück in die Gegenden der Würde und Freiheit. Keine Nation hat schönere Stücke dieser Art. Aber keine Nation hat auch so viel verloren und empfunden als die hebräische, ohne dabei den kindlichen Trost der Zukunftshoffnung aufzugeben." Er reiht diese Klagelieder unter die edelsten Klassen derElegiedie patriotischen. Wo immer er auch den Prophetismus der Hebräer berührt, versteht er stets die nationale Herrlichkeit und die religiöse Kraft desselben in einer begeisternden Weise zu entwickeln. Auch die übrigen Propheten und Sänger Israels verherrlicht Herder in schwungvollen Worten. „Welchen Dichter Griechenlands und Roms", ruft er seinen mit der heidnischklassischen Poesie Abgötterei treibenden Zeitgenossen zu, „wagen wir in Ansehung der erhabenen Moral und des umfassenden Nationalgeistes neben einen Jesaias zu stellen?" Dieser Prophet ist seiner Ueberzeugung nach der größte, originellste, und gedankenreichste unter den großen Propheten: „Er ist der Adler mit dem Sonnenblick und ätherischen Schwung." Das Lied Deborahs hält er für das beste pindarische Heldenlied das die Welt kennt, worin Poesie, Musik und Tanz in schönster Harmonie sich vereinigen. Vom Buche „Koheleth" sagt er in den „Briefen das Studium der Theologie betreffend" u. a.: „Kein Buch ist mir aus dem Altertum bekannt, das die,Summe des menschlichen Lebens, seine Abwechselungen und Nichtigkeiten' in Geschäften, Entwürfen. Spekulationen und Vergnügungen zugleich mit dem, was einzig in dem wahr, dauernd, sorigehend und lohnend ist. reicher, ausdrücklicher und kürzer beschreibt als dieses. Ein Königswerk! Wie denn auch viele Männer aller Geschäfte und Erfahrung, wenigstens in ihrem Alter außerordentlichen Geschmack daran gefunden und darauf auch zuletzt gleichsam ihre Lebensphilosophie reduziert, haben. Was für allgemeine historisch-philosophe Weisheit im „Prediger" sei, ist noch nicht dargestellt, wie sichs gebührte. Wenige Worte in ihm sind das Resultat großer Bücher, Lebensläuse und Weltperioden und, wie es das Ende des Buches rühmt, liebliche Worte der Rechtschaffenheit, der Wahrheit, Stacheln und Nägeln in die Seele." Wie für die Bibel, so hatte Herder auch für die rabbinische Literatur — Talmud und Midrasch — eine aufrichtige Hochachtung und Verehrung. Aus den herrlichen Parabeln, allegorischen Legenden und Gedankenblüten, die auf den Feldern des rabbinischen Schrifttuins in üppiger Fülle blühen, flocht er einen gar lieblichen Blmilenstrauß, dem er den Titel, gab: „Blätter der Vorzeit." Wir würden gern einige dieser Parabeln und allegorischen Legenden in derHerderschen Verdeutschung und Umarbeitung hier Mitteilen. Allein es fehlt uns der Raum. Sie sind so wundervoll, daß sie es wahrlich wert sind, der unverdienten Vergessenheit entrissen zu werden. Wie Herder in Prosa die rabbinischen Sagen und Legenden in deutschem Gewände meisterhaft wieder zu beleben wußte, so war er auch im Vers ein Uebersetzungskünstler, und seine metrischen Uebertragnnge» aus der Bibel legen aufs ireue von dieser Virtuosität in der Handhabung der Sprachen ein beredtes Zeugnis ab. Seine Uebersetzungeir der Psalmen z. B. sind ebenso geschmackvoll ivie verständnisinnig, und verdienen noch heute Beachtung. Es sei mir erlaubt, auf Geratewohl nur ein Beispiel anzuführen, freilich keineswegs das beste, wohl aber das kürzeste. Der Psalm 23 lautet in der Herderschen Verdeutschung also: „Mein Gott, der ist mein Hirt, Wo ich geh' und steh; Wo er mich führt, wie er mich führt. Was fehlt mir je? Jetzt ruh', jetzt lager' ich mich Am Bach der Au: Auf grünender Au, am kühlen Bach Im Morgentau. Dann weckt, dann führt er mich Mit neuem Mut, Richtige» Wegs, sichern Stegs Zn neuem Ent. Und auch im Tal der Nacht — Warum fürcht' ich mich? Meines Hirten Stab, meines Hirten Stab Der tröstet mich. Und hinter Grauen und Nacht, Im dunkeln Tal, Siehe da stehet. Feinde, da stehet Mein Freudenmahl! Siehet, Freudenöles tränst Mein lockigt Haar! Becher du schwebst, Becher du schäumst Als trunken gar. Gut Heil, gut Heil wird stets, Stets um mich sein, Freudig und satt geh' ich alsdann Walhall' hinein. i III. I Was die Stellung Herders zu einzelnen hervorragenden 1 Israeliten seiner Zeit betrifft, so muß hier in erster Linie seiner Beziehungen zuMoses Mendelssohn gedacht werden. Er blickte mit Bewuilderung zu dem um 15 Jahre älteren „modernen Sokrates", dem ebenso milden lvie scharfsinnigen Denker, dem intimen Freund und Vertranten Lessings, empor. Jemehr bei dem größten Populair - Philosophen des 18. Jahrhunderts die scharfe Logik, der kritische Verstand, die eindringende Analyse vorwiegend ivar, desto mehr fühlte sich der phantasiereiche, nach höchster Vollendung strebende Herder zu ihm hingezogen. Bevor er Mendelssohn noch persönlich kennen gelernt, schwärmte er bereits für ihn. Als Jüngling schon begeisterte er sich für den Verfasser von „Phaedon" und der „Morgenstunden", weil Mendelssohn ebenso wie Lessing, „hell an Geist und rein im Herzen", nur die reine Wahrheit suchte und wollte, lvie er in seinen „Zerstreuten Blättern" bemerkt. Speziell der „Phaedon" versetzte ihn in einen Rausch der Begeisterung; er betrachlete diese philosophische Schöpfung als ein für die Menschheit, die Gesellschaft, den Staat und die Philosophie überaus wichtiges Werk, wie er seinem Freund, dem Buchhändler und Schriftsteller Friedrich Nicolai schreibt. Kein Mensch in der Welt meint er, könne den „Phaedon" mit mehr Genuß und mit mehr Herz und Seele gelesen haben als er. Dem Wunsche seines Herzens folgend, beschloß Herder, mit dem Verfasser in brieflichen Verkehr zu treten. Im April 1769 setzte er sich mit ihm in schriftliche Verbindung, und das freundliche Entgegenkommen des gefeierten Philosophen trug noch wesentlich dazu bei, in der Seele Herders die Liebe und Sympathie für Mendelssohn zu erhöhen. Die zivei Schriststeller tauschten feitbem ihre Werke gegenseitig airs. Der seit jener Zeit fortgesetzte rege Briefwechsel zwischen ihnen enthält eine Fülle der anregendsten Ideen und Beobachtungen. Wie diese Korrespon-