Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- Seite 606 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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606 den Erfahrungen erzählt, die er aus seinen verschiedenen Wanderungen gemacht, deren Endziel Jerusalem war. Von „Jewish Quarterly Review“ sprechend, möchte ich es nicht unterlassen, auf das besonders reichhaltige literarische Material des laufenden Heftes dieser interessanten englischjüdischen Zeitschrift hier aufmerksam zu machen, zumal es den ersten Teil des nunmehr erscheinenden sechzehnten Bandes derselben bildet. Ein daselbst vorkommeuder Artikel über ein Florentiner „Machsor", das aus zwei kunstvoll ausgestatteten Bänden besteht und im britischen Museum sich befindet, wird sicherlich unter Fachmännern großes Interesse erregen. hgrnscks Artet! über die Khsriläer. Lrlekrucht rines Lsirn. m Januar 1901 ist vorr I. Baumann (ord. Professor der Philosophie in Göttingen) eine Schrift veröffentlicht worden, die also betitelt ist: „Neuchristentum und reale Religion, eine Streitschrift wider Harnack" (und Stendel, nebst einem Katechismus realer Religion). Schon vor geraumer Zeit hat Hermann Cohen, wenn auch indirekt, doch deutlich genug, auf diese Streitschrift hingewiesen. In seiner Einleitung zu Lange's Geschichte des Materialismus (VII. Auflage, S. 517) wird von ihm unter den philosophischen Känipfern gegen Harnacks neueste Lehre — Das Christentilm die absolute Religion. — Baumann namentlich und rühmend hervorgehobeu. Dieser Streitschrift wider Harnack — bei welcher durch ihre streng realwiffenschaftliche Grundlage der konfessionelle Parteistandpunkt gegen alle historischeii Religionen in gleicher Weise ausgeschlossen ist — entstanimt Baumanns Antwort auf Harnack's Pharisäerurteil. Baumann begleitet in der Streitschrift die evangelische Darstellung des Lebens Jesu, wie dieselbe von Harnack in seinem „Wesen des Christentums" gegeben wirb, mit seiner Kritik. Punkt für Punkt wird der Reihe nach beantwortet. Soweit an Harnacks neuer Lehre auch das Judentum ein Interesse hat,'konzentriert sich dasselbe gewissermaßen in dem Urteile Harnacks über die Pharisäer. Die Antwort auf dieses Urteil, welche in der Lesefrucht aus Baumanns Streitschrift derjüdischen Welt hiermit zum erstenmal mitgeteilt wird, erhebt zwiefache Anklage, eine moralische gegen den Theol ogen, eine wissenschaftliche gegen ben Historiker Harnack, und begründet diese Anklagen mit der Charakteristik der Aufgabe, zu welcher die Pharisäer in der Geschichte ihres Volkes berufen waren und wie sie dieselbe auch erfüllt haben. Die Entscheidung über die Anklage gebührt allein dem Tribunal der Wissenschaft. Eben deswegen hat aber auch die Antwort ein gutes Recht auf die ihr in dem jüdischen Teil der Harnackliteratur gebührende Stelle. Drei lange Jahre war sie aus derselben ausgeschlossen. Wie ist das zu erklären? Und hätte die „Antwort" — wenn bekannt — nicht vielleicht die gar überschwängliche Apotheose, die der Persoll Harnacks und seinem Buche dargebracht worden, etwas gemüßigt? Vielleicht hat der Laie auch schon mit diesen Fragen seine Kompetenz überschritten! Nichts hat dem jüdischen Herzen mehr wehe getarr, als Harnacks Pharisäerurteil. In wetten Kreisen der Glaubensgenossen wird die Lesefrucht als eine nur zu lange aufgeschobene Erfüllung einer Gewissens- und Ehrenpflicht angenommen werden. Berlin, 10. Dezember 1903. Mapahchaon Jneiksach. Lrlekrucht aus löaumanns StrMchritt wider tzsrnack (S. 13). Erstens: Harnacks Urteil über die Pharisäer. Von dem Verhältnis zu den kirchlichen Vertretern der Zeit sagt Harnack (S. 66 der Vorlesungen): „In jeden: Volke etabliert sich neben der befugten Obrigkeit eine unberufene, oder vielmehr zwei unberufene. Das ist die politische Kirche und das sind die politischen Parteien. — Die Priester und die Pharisäer hielten das Volk in Banden und mordeten ihm die Seele. Gegen diese unberufene Obri gkeit zeigte Jesus eine wahrhaft befreiende und erquickende Pietätlosigkeit." Zweitens: Die Antwort Baumanns: „Es sind das frevelhafte Worte für einen gelehrten christlichen Theologen. Daß die esraische Gesetzgebung das jüdische Volk vor dem zur Prophetenzeit oft vorgekommenen Abfall zum Heidentum bewahrt hat, wird selbst von Wellhausen zugestanden; daß die Pharisäer ein Nachhall der Makkabäerzeit waren, das Volk vor Hellenisirung (auch mit dem olympischen Zeus) zu erretten, ist gleichfalls allgemeine Ansicht; daß es unter den damaligen Priestern und Pharisäern, die das auch blieben, ernste und fromme Männer gab, hat auch Schürer ausdrücklich anerkannt, sie waren aber nicht der Ansicht Jesu über sich selbst und über seine Auslegung des alten Bundes. Und nun werden diese historischen Parteien als unberufene Obrigkeit gekennzeichnet! Die berufene waren nach Harnack wohl die Römer, von denen nachgerade doch bekannt, wie sie sich zu Herren der Welt gemacht haben und wie sie damals mehr oder weniger in Verrinischer Weise überall hausten." — Johann ißoltfrirö von üjrrörr in seinen Beziehungen zum Judentum und zur Bibel. Zum 100. Todestage des Dichters von Dr. Adolph Kohnt. II. ie hebräische Poesie, wie sie sich in den heiligen Schriften kundgibt, nach allen Richtungen hin dem Verständnis der Zeitgenossen aufzuschließen, erachtete Herder als den schönsten Beruf seines Lebens. Man kann sagen, daß er das „Hohe Lied Salomonis" zuerst gleichsam wieder entdeckte, indem er zuerst den damals gebräuchlichen seltsamen allegorischen Auslegungen gegenüber den poetisch-lyrischen Charakter dieser Schöpfung ins klare Licht gesetzt hat. Gegen ben Wust von törichten Deutungen erhob er sich, um den buchstäblichen und natürlichen Sinn, von der sich jeder unbefangene und des Orientalischen kundige Leser bei der Lektüre des „Hohen Liedes" von selbst überzeugen kann, wieder herzustellen. Diese köstliche hebräische Dichtung betrachtete er als eine Blumenlese und als eine ausgewählte Perlenschnur in der Masse der Liebeslieder wie sie seit Salomos Zeiten in dem Munde des Volkes zu finden waren. Vielleicht sind es auch — wie Herder ausführt — die Ueberreste von Hochzeitsliedern, wie diese in Wechselchören an den Brautfesten gesungeir wurden. Vom ersten Kuß bis zmn letzten Seufzer wird hier die Liebe besungen, einfach und natürlich, bald feurig, bald schmachtend — alles in lieblicher Unschuld —, so sinnig und minnig, daß nur der heuchlerischen Entartung und dem unreinen Sinn diese Blume, aus der die Weisheit Honig zieht, zum Gifte werden kann. Entschieden hat Herder durch seine Uebersetzung und Erklärung einer verständigen Behandlung des „Hohen Liedes" Bahn gebrochen und dasselbe erst wieder menschlich zu leseil gelehrt.