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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-18 · Heft 51 (18.12.1903) · p. Seite 605

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 51 (18.12.1903)
Date
1903-12-18
Page
Seite 605 (sequence 7)
Language
German
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605 höchst interessante Bemerkungen über das jüdische Volk enthalten, von denen eine in deutscher Uebersetzung etwa folgendermaßen lautet: „Keine Nation," so heißt es daselbst, „hat einen solchen Heroismus zur Verteidigung ihres Glaubens bekundet, als das jüdische Volk, das während einer Periode von etwa dreizehn Jahrhunderten alle möglichen Leiden und Verfolgungen erlitten hat, um nur seiner ererbten Religion treu bleiben zu können. Ungleich den asketisch lebenden Mönchen, die stets daran gewöhnt waren, auf alle Lebensgenüsse zu verzichten, waren die Juden keineswegs den irdischen Glücksgütern abhold, sondern sie wußten sie vielmehr hoch zu schätzen. Doch gaben sie dieselben bereitwilligst auf, wenn deren Besitz die Bedingung voraussetzte, daß sie die Anhänger eines andern Glaubensbekenntnisses werden sollten. Weit merkwürdiger noch ist die Tatsache, daß das angeborene Genie dieses wunderbaren Volkes, trotz seiner unsäglichen Trübsale, niemals ausgehört hat, zum gemeinsamen Nutzen zu wirken und zu schaffen. Den» zur selben Zeit, als in ganz Europa die Unwissenheit und der Aberglaube die Massen beherrschte, beschäftigten sich die Juden mit verschiedenen wissenschaftlichen Studien, und begünstigten zugleich auch jede fortschrittliche Bewegung mit derselben Beharrlichkeit, mit der sie an ihrem väterlichen Glauben hingen. In der Arznei und dem Finanzwesen waren sie ebenso kundig und erfahren, als in der Philosophie und in einzelnen Naturwissenschaften, und sie können als die ersten angesehen werden, die die Kenntnisse der Araber nach dem westlichen Europa verpflanzt haben." Jüngst erschien eine ausführliche Biographie Benjamin Disraelis (Lord Beakonsfield's), worin deren Verfasser, Mister Brice, der Mitglied des letzten englischen liberalen Ministeriums war, natürlicherweise nicht sehr viel Schmeichelhaftes über diesen seinen vormaligen konservativen Opponenten zu sagen hat Interessant und charakteristisch zugleich sind jedoch folgende Bemerkungen, die der Verfasser der besagten Biographie über Disraeli macht. „Letzterer," schreibt er daselbst, „war ein Abenteurer, er stammte von einer fremden Rasse ab, und auch seine Denkungsart hatte einen fremden ausländischen Anstrich Außerdem besaß er weder Reichtum noch Familieneinfluß, die in der Regel die Erlangung einer großen Karriere fördern helfen, und dennoch gelang es ihm, durch eigene, unbeugsame Willenskraft und talentvolle Tätigkeit eine seltene Höhe in der politischen Welt zu erklimmen. Als englischer Premierminister war er lange der Leiter des mächtigen englischen Weltreiches und seiner alten und stolzen Aristokratie, und selbst Bismarck der ihm das Epitheton „dieser alte Jude" beilegte, bezeichnete ihn auf dem Berliner Kongreß als eine der drei oder vier damals existierenden Persönlichkeiten, die eine fast grenzlose Macht in der Welt besaßen." Heinrich Heine, der vor wenigen Dezennien in England eine noch fast unbekannte poetische Größe war, wird in neuester Zeit hier in einigeil der besten englischen Zeitschriften als vorzüglicher lyrischer Dichter in der deutschen Sprache ab uild zu erwähnt, wo zugleich auch Proben aus seinen poetischen und prosaischen Schriften in englischer Uebersetzung abgedruckt erscheinen. Diese markierte Aufmerksamkeit, die dem Heine.hierzu Lande weit mehr als irgend einem andern deutschen Dichter gezollt wird, ist umsomehr beachtenswert, als er bekanntlich hie und da in seinen prosaischeil Werken keineslvegs in sympathischer Weise von beu Engländern spricht. Wenn letztere aber.trotzdem seine dichterischen Schöpfungen im Original oder in einer Uebersetzung mit Liebe und Aufmerksamkeit lesen, so geschieht dies sicherlich aus dem Grunde, iveil sie dieselben anmutig, klangvoll und anziehend finden. Kürzlich erschienen wiederum in einem englischen Blatte einige Bemerkungen über Heines Aufenthalt in England, worin auch eine kleine Anekdote von ihm erwähnt wird, die wohl nicht allgemein bekannt sein dürfte. Als Heine sich einst eine kurze Zeit in. London aufhielt, machte er dem Baron Rothschild seine Aufivartung, indein er ihm zugleich eine schriftliche Empfehlung überreichte, die er von seinem reichen Onkel in Hamburg. Salomon Heine, mitgebracht hatte. Kurz darauf erhielt Heille eine Einladung, beim Baron zu dinieren, welche Einladung er auch gern anuahm. Während der Mahlzeit wurden verschiedene Weine herumgereicht, worunter sich auch eine spezielle Sorte befand, die unter dem Namen: Lacrimae Christi den Weinkennern rühmlich st bekannt ist. Als Heine nun den letzter« Wein gekostet hatte und vom Baron über seine Meinung darüber befragt wurde, da lächelte er schalkhaft und bemerkte, daß derselbe einen recht passenden Namen hätte. Denn, meinte er, jeder gehässige Christ müßte Tränen vergießen beim Gedanken, daß es einem Juden vergönnt sein sollte, einen solchen vorzüglichen Wein zu genießen. — „Und sein Vater und seine Mutter sagten zu ihm (dem! Samson): Ist denn unter den Töchtern deiner Brüder und deines eigenen Volkes keine Frau zu finden, daß du eine solche heiraten gehst, die den Philistern entstammt ist?" Diese, im Buche der Richter vvrkommenden Worte kamen mir plötzlich in den Sinn, als ich kürzlich in den englischen Zeitungen die Ankündigung las, daß der bekannte jüdische Schriftsteller- Israel Zangwill W mit einer nichtjüdischen Dame verlobt hat. Nun ist aber Zangivill ein feuriger Zionist, der die Gründung eines separaten jüdischen Staates hauptsächlich aus dem Grunde sehnlichst herbeiwünschte und mit großem Nachdruck befürivortete, iveil die Juden dadurch, außer andern Vorteilen auch den haben würden, daß sie nämlich alle für sich abgesondert leben und den Sabbath und ihre Festtage ungehindert beobachten werden können. Doch, bei aller Liebe und Fürsorge für seine Glaubensgenossen, hat Mr. Zangwill keine einzige ihrer Töchter für würdig erachtet, sie als Frau und Lebensgefährtin heinizuführen. Wahrlich, Zangwill ist ein köstlicher Humorist. — lteber Berachja den Natrona'i Ha-Nakdan, den berühmten Autor der in schöner hebräischer Reimprosa abgefaßten Fabelsaminlimg, sind bekanntlich schon mehrere größere und kleinere Abhandlungen von bedeutenden jüdischen wie nicht-jüdischen Gelehrten erschienen, worin das Jahr und der Ort seiner Geburt verschiedenartig angegeben werden. Be- »rerkeuswert ist daher ein von Rev. Professor Gollancz (Prediger in der Bayswater-Shnagoge, London) vor einiger Zeit veröffentlichtes Buch, das, nebst den bisher ungedruckt gebliebenen ethischen Schriften Berachjas, auch eine längere kritisch-gelehrte Einleitung enthält, worin er eine ganz neue Theorie hinsichtlich des wirklichen Geburtsjahres und Geburtsortes des fraglichen Verfassers ausstellt. Dieser Theorie gemäß, lebte letzterer in der ersten Hälfte des 12. (!) Jahrhunderts, und zwar in Lnnel. das im Süden von Frankreich liegt, für welche interessante Annahme Professor Gollancz mehrere einleuchtende Beweise anführt. Das ganze Buch ist in den englischen Fachblättern recht vorteilhaft kritisiert worden. Dr. Hartwig Hirsch selb, der den arabischen Teil der in Cambridge sich befindenden Manuskripte in „Jewisli Quarterly Review“ stückweise veröffentlicht, hat iin vorletzten Heft der Zeitschrift einige höchst 'interessante autvgraphische Fragmente abgedruckt, die hier erwähnt zu werden verdienen. Es sind dies nämlich autographische Bruchstücke des „Moreh Nebuchiiu" und eines andern, bisher unbekannt geivesenen Werkes, das den berühmten hebräischen Dichter Juda Alcharizi zum Verfasser gehabt haben soll. Allem Anscheine nach bildete letzteres Werk eine längere Reisebeschreibnng, worin der Autor von

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