Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- Seite 604 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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vertraten, daß die Angeklagten unschuldig, weil willenlose Werkzeuge der Polizei seien, beschlossen den Antrag einzubringen, esmögederP r oz eß unterbrochen und in das Stadium der Voruntersuchung zurückgeleitet werden, damit die wahren Schuldigen, auch wenn sie hochgestellte Beamte sind, auf dieAnklagebankkommen. DieserAntrag wurdeabgelehnt, worauf die Antragsteller ihr Verte idigeramt n iederleg t en und d en Saal verließen. Wie es heißt, wird das Gericht Gerichtsbeamte als Offizialverteidiger bestellen. Doch besteht der Plan, daß in einigen Tagen die Vertreter der Anklage den gleichen Antrag stellen und in gleichartiger Weise Vorgehen. Die Anwälte sind fest entschlossen, die öffentliche Meinung Rußlands und Europas anzurufen, weil die gegenwärtige Verhandlung eine Komödie ist. die nur veranstaltet wurde, um die Autorität der Polizei vor dem Bankerott zu schützen. Der Gerichtshof erklärte, diese oder ähnliche Anträge können nicht berücksichtigt werden, da von maßgebender Seite die Bestimmung getroffen wurde, alles, was nicht auf die Prozeßführung Bezug habe, von der Verhandlung auszuschließen. Hierauf verließen 15 Rechtsanwälte gemeischaftlich den Saal. Es blieben nur vier Advokaten zurück. Die Verhandlung selbst brachte die Fortsetzung des Kreuzverhörs des Pristaws Ossowskh. Der Zeuge gibt zu, während der Ausschreitungen gehört zu haben, man müsse an den Juden Rache nehmen, weil sie eine Kirche verunreinigt und einen Priester erschlagen hätten. Rechtsanwalt Dr. Großmann: „Was taten Sie, als Sie dieses Märchen während der Unruhen herumerzählen hörten?" Zeuge: „Ich erkundigte mich telephonisch, ob es wahr sei." Zeugin Prokupetz, Tochter eines Opernsängers am Kischinewer Stadtheater, sagt aus, ihr Vater sei anr Ostermontag morgens um 6 Uhr auf die Straße getreten, da sei der Revieraufseher Jurtschenko vorübergekommen und habe ihm gesagt: „Versteck Dich in Deinem Hause bis die Ausschreitungen vorüber sind." Prokupetz habe ihm erwidert: „Ich höre, daß die Juden in ihren Häusern in bestialischer Weise ermordet wurden. Ich ziehe es vor, auf der Straße zu sterben." Ein Polizist drohte ihm mit der Verhaftung. Wir bewogen den Vater, ins Theater zur Probe zu gehen, und versteckten uns im Vaterhaus. Wir hörten, wie die Räuber kamen uud alles zertrümmerten, dabei vernahmen wir, daß einer von ihnen längere Zeit sehr gut auf unserem Klavier musizierte, es müssen also auch bessere Leute unter ihnen gewesen sein. Wir wurden dann entdeckt und gaben den Räubern all unser Geld." Als einen der Ansührer bezeichnete die Zeugin den auf der Anklagebank, sitzenden Kassapow, der aus Verwendung des Agitators Pronin gegen Geldbürgschaft auf freiem Fuß belassen wurde. * Mit den gesetzlichen Vorkehrungen gegen die Einwanderung von „unerwünschter Fremden" in England soll es nun wirklich ernst werden. Die königliche Kommission, die im März 1902 vom Parlamente eingesetzt wurde, um die Mißstände des schrankenlosen Zuzuges von Ausländern zu untersuchen und Maßregeln vorzuschlagen, hat, wie wir seinerzeit gemeldet, im August dieses Jahres das Ergebnis ihrer Beratungen in acht Paragraphen zusammengefaßt, die von ihr als Grundlage eines Gesetzentwurfs empfohlen wurden. In der Hauptsache handelte es sich dabei um Bestimmungen über den Ausschluß Fremder von der Landung in England oder deren Ausweisung aus England. Aus einer Rede, die der Staatssekretär des Innern Mr. Akers Douglas in dieser Woche in Shoreditch hielt, geht hervor, daß die Regierung sich seither mit dem ihr unterbreiteten Material eingehend beschäftigt hat und auch bereits zu bestimmten Beschlüssen gelangt ist. Der Minister kündigte an, daß die nächste Thronrede Aufschlüsse darüber geben wird, in welcher Weise man gegen die Fremdeneinwanderung vorzugehen gedenke. Aus seinen Ausführungen ist aber schon jetzt zu erkennen, was die Thronrede in dieser Beziehung bringen wird. Einem Berichte über diese Rede entnehmen wir Nachstehendes : „Akers Douglas wies darauf hin, daß gegenwärtig 286900 Ausländer in England wohnen; ihre Zahl sei in den letzten 20 Jahren um 150000 gewachsen. 135 300 der Ausländer haben ihren Wohnsitz in London genommell und 54000 allein in Stepney. Der ernsteste Schaden, der durch deu Zuzug der Ausländer erwachse, sei die liebervölkerung und die Verdrängung der eingeborenell Bevölkerung. Alles deute daraus hin, daß ein weiteres Anwachsen der Zahl der Ausländer zu erwarten sei, loenn man die Einwanderung nicht strengen Bedingungen unterwerfe. Gegen den anständigen Ausländer, der sich den Gesetzen füge, sei weiter nichts einzuwenden, als daß er dem Engländer Konkurrenz mache, aber ein großer Teil der Ausländer gebe doch noch dadurch zu Klagen Veralllassung, daß sich die Polizei und die Gerichte mit ihnen zu beschäftigen hätten. Im Jahre 1901 seien von 32 Millionen Engländern 166000 mit Gefängnis bestraft worden. Das entspreche einem Prozentsatz von 0,52. Eine Bestrafung voll Ausländern war dagegen in demselben Jahre in 2880 Fällen notwendig, erreichte also die Hohe von 1,16 v. H. und habe überdies im Jahre 1902 um 50 v. H. zugenommen. Daraus folge, daß der Zeitpunkt für ernste Maßnahmen gekommen sei." Es ist bekannt, daß die Stimmung der^Eugländer gegen die fremden Einwanderer von Jahr zu Jahr unfreundlicher geworden ist. Hauptsächlich hat der wirtschaftliche Wettbewerb, den die im Londoner Lastend zusammengepferchten Aermsten der Armen dem englischen Handwerker machen, zu diesem Stimmungswechsel beigetragen. Dennoch wird sich erst zu erweisen haben, wie ein pol tisches Blatt bemerkt,' ob die Geistesrichtung des freien Engländertums sich bereits so sehr geändert hat, „daß für den heutigen Briten Handelsfreiheit und Verkehrsfreiheit nur noch leerer Schall ist." Lriek aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. er vor etwa einem Jahre im Westen von London gegründete jüdisch-religiöse Verein, von dem ich seinerzeit einige Mitteilung in diesen Blättern gemacht, hat nach einer kurzen Pause seine religiöse Tätigkeit wieder ausgenommen. Obschon seine bisher erzielten Erfolge keineswegs als glänzend bezeichnet werden können, da die Beteiligung an den von ihm veranstalteten Gottesdiensten, die einen ausgesprochen reformatorischen Charakter haben, verhältnismäßig nur gering war, so hat er dennoch einen kleinen Fortschritt aufzuweisen. Letzterer besteht nämlich darin, daß der Verein auch im östlichen Teile der englischen Metropole jeden Sabbatnachmittag einen Gottesdienst nach eigenem Muster, obschon etwas modifiziert, versuchsweise abhalten läßt. Freilich kann dieser Gottesdienst, seiner radikalen Form wegen nicht als das höchste Ideal seiner Art angesehen werden, zumal er in Lokalen stattfindet, wo, infolge der Abwesenheit der üblichen Thorarollen, die echt jüdisch-religiöse Weihe eine fühlbare Beeinträchtigung zu erleiden scheint. Andererseits aber darf man den Umstand nicht unberücksichtigt lassen, der die Grüirder und Leiter des Vereins veranlaßt hatte, einen solchen Gottesdienst ins Leben zu rufen. Letzterer sollte nämlich den Zweck verfolgen, solche Glaubensgenossen anzuziehen und für die Dauer ans Judentum jit fesseln, die nie. oder nur höchst selten einer öffentlichen jüdisch-religiösen Andachtsübung beiwohnen, weil sie ihnen in der bisherigen altmodischen Form nicht recht zusagen will. Dieser Zweck ist jedenfalls löblich und empfehlenswert, und ernste, wohlgemeinte Versuche, ihn ausführbar zn machen, verdienen sicherlich unterstützt zu werden. Vor Kurzem verschied hier der berühmte christliche Historiker, Professor H. C. L e ck y, der Mitglied des englischen Parlaments und auch zugleich einer der bedeutendsten Historiker der Neuzeit war. In einem seiner Werke,, das „History of Rationalism“ betitelt ist, kommen mehrere Stellen vor, die