Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- Seite 602 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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602 Zu lange Zeit sind die Inden die einzigen Christen gewesen — die einzigen Leute, die die andere Wange hingehalten haben, wenn man sie auf die eine geschlagen. Es ist Zeit, daß die Jude» Juden werden und wiederhauen. Sagt Euren Brüdern jenseits des Ozeans, sie sollen wiederhaue»." Ist das die Sprache, die man den armen, bedrängten, verelendeten russischen Inden zugetraut hätte? Keiner, der sie je in den ihnen eingeräumten russischen Gouvernements, keiner, der sie bei uns verschüchtert eiuherschleicheir gesehen, hätte ihnelt eine solche Sprache jemals zugetrant. Aber das ist auch nur die Sprache der russischeil Juden von gestern, der Juden, die den russischen Staub von ihren Füßen geschüttelt und tu Amerika gelernt haben. Menschen unter Menschen zu sein. Indessen diese Sprache sickert durch tausend Leitungen über den -Ozean zu den abgesperrten in der russischen Heimat zurückgebliebenen Angehörigen, und sie wandert daheim von Muitd zu Mund, und die russischen Juden von heute kennen bereits die Sprache ihrer freigewordenen Brüder utid sie behalten sie nicht sttr die Juden allein, sondern flüstern sie all den Vielzuvielen ztl, die in Rußland mühselig und beladen. Sind es die Juden, die angefangen haben? Oder trägt die Regierung die Schuld, die die Juden verfolgt, zum Lande hinausdräugt, und die nicht verhindern kann, daß durch tausend und abertausend Oeffnungen her die Luft von außen eindringt und die Unterdrückten erweckt, ihnen Mut einflößt und sie auf den tollkühnen Gedanken bringt, daß es am Ende auch in Rttßlaud besser sein könnte als es ist. Wir wissen nicht, ob es wahr ist. daß die Juden in Rußland die meisten und entschlossensten Anhänger zu der großen revolutionären Armee stellen. Wir sind geneigt, es nicht zu glauben, weil ein bewährter Mann wie Herr von Plehwe, Jgnatielvs gelehriger Sohn, es sagt. Aber wenn es wahr wäre, danit würden wir uns nur deshalb wundern, weil die Juden von Hause aus und nach ihrer Beschäftigung eigentlich nicht das richtige Rebellenmaterial sind. Sonst aber würden wir uns nicht einen Augenblick wundern, daß bei der Behandlung, die sie jetzt in Rußland erfahren, bei den Verfolgungen^ denen sie systematisch preisgegeben werden, sie endlich aufsässig rverden und gemeinsame Sache mit den zahlreichen uuterdrückteit Völkerschaften und Gesellschaftsschichten dort machten. Es gibt für Rußland nur ein Mittel, der revolutionären Bewegung Herr zu werden: mit dein bisherigen System zu brechen, nicht nur den Juden gegeitüber, sondern int ganzett europäischen Rußland. Geschieht das nicht, dann ivird, allerdings auch nicht ohne Beihülfe der Juden, über Rußland ettie politische Katastrophe hereinbrechen müssen, wie sie am Ende des 18. Jahrhunderts über Frankreich hereingebrochen ist, nur wesentlich verschärft und vergrößert. Es werden die tönernen Füße des Kolosses zersplittern und Eitropa auf lange Zeit, wentt nicht für immer, von der Gefahr der Berkosakung befreit sein. Man ist, so wurde neulich gemeldet, in den leitenden Kreisen Rußlaitds sehr besorgt und sieht dem Winter mit Bangen entgegen. In der ganzen zivilisierten Welt hoffen die besten Menschen, Christen und Juden, aus humaneit wie aus politischen Gründen, daß den Völkern Rußlands bald die Morgendämmerung erscheine. Wenn die russischenStaatsmättner nicht schon ganz verblendet sind, dann lenken sie noch in zwölfter Stunde ein. Die zwölfte Stunde ist da und das Schicksal schreitet schnell. Es verlautet, Plehwe selbst hätte in Warschau einer ihm nahestehenden Persönlichkeit gesagt: „Ich habe meitt Spiel verloren!" Die Aufnahme, die er beim Zaren in Skiernetvice gefunden hat, soll überaus kühl geivesen sein. Vielleicht ist das der Anfang einer Weitdung zum Bessern. Bit Woche. Berlin, 15. Dezember, chon die ersten Sitzungen des neuen Reichstags haben sür uns manches interessante Detail gebracht, namentlich die vom 10. d. M., in der der Abgeordnete Bebel das Verhältnis Deutschlands zu Rußland aufs Tapet brachte und sagte: „Was haben wir für Greueltaten erlebt in Kischinew uttter der Duldung der obersten Polizeibehörden! Ein Staat, in dem solche Grausamkeiten unter den Augen der Behörden Vorkommen köitnen, das ist ein barbarischer Staat schlimmster Art." Auch andere russische Greuel brachte er aufs Tapet. Freilich sind das innere Angelegenheiten Rußlands, und kein europäischer Staat wird unter den heutigen Verhältnissen deshalb daran denken, mit Rußlnnd anzubinden, auch wettn er selbst jene russischen Greuel noch so sehr mißbilligt. Wenn aber der Reichskanzler die zügellose Kritik beklagte, die an den inneren Zustäitden des Zarenreiches geübt werde, so wird er sich selbst nicht verhehlen, daß andere Pflichtett ein leitender Minister, und wieder andere ein Volksvertreter oder Zeitungsschreiber haben kann. Auch im ettglischen Parlament wird die russische Politik mitunter nicht minder „zügellos" besprochen als es Herr Bebel tat. Es wäre nur zu wünschen, daß er in diesem Punkte wenigstens Unterstützung auch seitens der andern Parteien im Hause fände, umsomehr, da die Antisemiten ja gewiß die Gelegenheit nicht vorübergeheu lassen werden, ihre natürlich gegenteilige Anschauung zum Fenster hinaus zu schreien. Inzwischen haben sie sich mit den ihnen nahestehenden Gruppen im Reichstage zu einer wirtschaftlichen Vereinigung zusammengeschlossen und daniit dem Hmtse gegenüber sich die Rechte einer Fraktion bewahren wollen. Der Präsident hat sie aber als solche noch nicht anerkannt. Der wirtschaftlichen Vereinigung gehören die drei antisemitischen Gruppen: Refornter, Deutsch-Soziale und Christlich-Soziale, sowie die bayerischen und württembergischen Bauernbündler an. Eütigkeit unter diesen Gruppen wird wohl nur dann stattfinden, wenn es gegen die Juden geht. Aber attch selbst in der Kampfesweise gegen die Inden sind diese Zwerggruppen recht utteinig, wie das Auftreten des Grafen Reventlow in einer Volksversammlung gegen die „Berliner Bewegung", gegen den Grafen Pückler und dessen Arrangeure, deutlich zeigen konnte. * Rußland kann stolz sein auf seine Polizei, wie nachsteheitde Mitteilungen über dett weiteren Verlauf des Kischinewer Prozesses beweisen: Am 1. d. M. begab sich vor Beginn der Verhandlung eine Gerichtskommission in die Gostinayagasse, um das Haus zu besichtigen, wo der Realschüler Beranowitsch ermordet worden ist. Die Lokalbesichtigung bestätigte die Angaben der hierüber im Gerichtssaale vernommenen Zeugen. Durch die Besichtigung des Tatortes wurden auch einige Unrichtigkeiten in den Protokollen des Untersuchungsrichters Freynat erwiesen. Es mehren sich überhaupt die Feststellungen über die ost beabsichtigte Ungenauigkeit der Untersuchungsprotokolle. Zeuge Fischmann bestätigte, daß Richter Freynat einen der Zeugen »nt der Peitsche in der Hand verhörte. Bei der Lokalbesichtigung zeigte Zeuge Israel Rosenmann, wie er sich vor den Mördern rettete, indem er auf einen frei in den Hof ragenden Balkon kroch, und wie die Mörder von unten her versuchten, ihm die Beine abzusägen. Dem Polizeipristaw Solowkin wurde an Ort und Stelle bewiesen, daß er die Mordtaten gesehen habe, was er früher im Gerichtssaal geleugnet hat. In der Verhandlung selbst schilderte Zeuge Rosenmann den Angriff aus das Haus in der Gostinayagasse. wo etwa 100 Personen wohnten. „Als die Unruhen begannen, verrammelten wir .das Tor, das einem am Abend des ersten Tages ausgeführten Angriff auch tatsächlich