Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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67. Jahrgang. No. 51. Berlin, 18. Dezember 1903. Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8W., Jerusalemer Straße 46/4-9, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Kuhland und die Juden. U Berlin, 15. Dezember. m sich wegen der zum Himmel und zur ganzen Menschheit schreienden Schandtaten, die wir schaudernd miterlebt, wenigstens vor der letzteren zu entschuldigen — dem Himmel kann man ja nicht hoffen, ein X für ein U zu machen — streuen Herr vonPlehwe und die ihm subordinierte russische Bcamtenwelt die Behauptung aus, daß die Juden in Rußland das Hauptkontingent zu den Revolutionären stellen, die rührigsten und verwegensten politischen Verbrecher seien rc. Die antisemitische Presse aller Länder verbreitet die Behauptung weiter, in der Meinung, so an: wirksainsten für ihre antisemitischen Wünsche den Boden zu bereiten. Wir glauben indessen nicht, daß die Welt, so weit sie nicht antisemitisch verdummt ist, auch nur einen Augenblick glauben wird, daß das jüdische Karnickel angefangen, daß das jüdische Lamm dem russischen Wolf das Wasser getrübt habe. Die Welt mit der erwähnten Ausnahme, und vielleicht nicht einmal mit dieser, ist heute klug genug, zu wissen, daß, wenn selbst große Mächte es für klüger halten, mit Rußland Freundschaft zu halten als mit ihm anzubinden, die geknechteten, halb verhungerten, zusammengepferchten russischenJuden nicht aus purer Lust am Revolutioniereil das gefährliche Geschäft unternehmen, in Rußland eine aggressive politische Rolle zu spielen. Wenn das, was Herr von Plehwe und seine Trabanten behaupten, wirklich wahr wäre, daß so viele Juden eine so bedeutende Rolle in der revolutionären russischen Bewegung spielen, dailn wäre das lediglich ein Beweis, daß der Druck auf die Juden ein so furchtbarer ist, daß eine Explosion erfolgen muß und, was vielleicht noch richtiger, daß die revolutionäre Bewegung eine solche Tiefe und Weite gewonnen hat, daß es das Klügste ist, sich ihr anzuschließen, das Klügste und für die gequälten Juden das — Natürlichste. Man spricht ja sonst den Juden so gern Mut und Tapferkeit ab, weiß so viel von ihrer berechnenden Klugheit zu sagen, da liegt doch wahrlich der Schluß nahe: wie groß muß die Verzweiflung der russischen Juden sein, wenn sie, mit dem Mut dieser Verzweiflung ihr Leben aufs Spiel setzend, Angreifer und Attentäter werden! Wie das russische Regierungssystem die verschiedenen Völker und Klassen des Riesenreichs drückt und ihnen den Gedanken an Empörung nahe legen muß, ist nicht unsere Sache zu beleuchten. Wohl aber können wir sehen und verfolgen, wie die Behandlung der Juden in Rußland diese zur Empörung treiben muß. Man weiß, wie mit Hilfe der hohen und der niederen Obrigkeit die Massakres in Kischinew zu stände gekommen sind. Es war nur natürlich, daß die Juden, die ja im allgemeinen nicht auf den Kopf gefallen sind, sich dachten: was gestern in Kischinew geschehen ist, kann, muß, wird morgen hier und da auch geschehen. Sie organisierten eine Selbstwehr, und da das polizeilich verboten ist, kann man tausend gegen eins wetten, daß sie im Geheimen erst recht besteht. In keinem Lande der Welt zwingt die Gesetzgebung so zur Umgehung der Gesetze und zur Gesetzlosigkeit wie in Rußland. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern. Die ganze Welt weiß es. Ganz Rußland handelt danach, und der einzige, der sich in Rußland nach dem Gesetze richtet, ist wahrscheinlich der Zar. In Kischinew wurde:: die Juden glatt niedergemetzelt. Man hatte in der ganzen Welt Mitleid mit den Ermordeten, aber nicht viel Respekt vor den Ueberlebenden, die sich nicht energischer zur Wehr gesetzt hatten. In Homel war die Sache schon anders. Da setzte inan sich kräftig zur Wehr, und man hatte weniger Grund, die Juden von Homel zu bemitleiden, aber in der Welt respektiert man sie mehr. Das erfahren die Juden selbst in Rußland. Die russische Regierung hat sich förmlich Mühe gegeben, den Juden ausländische Ideen beizubringen. Sie hat sie ja zu Zehntausenden jahraus, jahrein ins Ausland gedrängt, und die ärmsten, verfolgtesteu haben meistens in den freiesten Ländern, in England und in den Vereinigten Staaten, ein Asyl gefunden. Hier haben sie die belebende, erfrischende, Körper und Geist kräftigende Luft vollständiger Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetze eingeatinet und in ihren Jargonzeitungen und in Briefen an die ihrigen in Rußland wieder ausgeatmet. Wir wollen einmal eine Probe geben von dem, was die russischen Juden in Amerika gelernt haben und wie sie dem Ausdruck geben. In der „Jewish World", einem Newyorker Jargon-Tageblatt, war vor einiger Zeit unter der Ueberschrift: „Die Schule des Massakres" folgendes zu lesen: „Sagt euren Brüdern jenseits des Meeres, sie solle» wiederhauen. Es ist besser sterben, als in Schmach zu leben. Wir dürfen nicht die Schule des Massakres durchniachen, ohne diese große Lehre uns anzueignen. Jahrhunderte hindurch haben wir den Völkern hohe Ideale emporgehalten. haben wir ihnen gelehrt, wie man lebe und leben läßt. Nach allem, was wir getan haben, werden wir belehrt, wie man totschlägt, und wohlwollende Fremde denken, es sei erfreulich, daß wir auch etwas von dieser Kunst lernen. Wohlan, laßt uns auch lernen! Wir zahlen ja gut genug für den Unterricht im Massakrieren. Wir sollten was lernen. Wir sollten lernen, wieder zn hauen und tüchtig zu treffen. Die Welt lernt langsam, was wir lehrten, und wir, die wir so lange in der Massakreschule gewesen, sind gleichfalls zu saumselig gewesen. Wir hätten schon längst eins und das andere von Notwehr gelernt haben sollen. Wir hätten wissen sollen, wie man dem Feinde antwortet. Wir hätten auf alle Fälle vorbereitet sein müssen. Jetzt wenigstens sollten wir es besser wissen und besser uns vorbereite» an das, was kommen kann.