Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 Hohenzollern'schen Hausordens, im 79. Lebensjahre. Ein zahlreiches Trauergefolge gab Zeugnis von der Beliebtheit, deren sich der Verstorbene in allen Kreisen, den jüdischen, wie den christlichen, der hiesigen Bevölkerung erfreuen durfte. — Geboren am 16. Juni 1825 in Lissa i. P., trat Herr Stillmann am 1. Juli 1846, durch Privatunterricht vorgebildet und nachdem er in Posen seine Prüfung bestanden, in Bentschen in den öffentlichen Schuldienst. Von 1849 bis 1858 amtierte er in Liegnitz und vom 1. Dezember 1859 hier in Nakel. Am 1. Juli 1896 durfte Herr Stillmann in körperlicher und geistiger Frische und unter herzlichster Beteiligung zahlreicher hiesiger und auswärtiger Freunde und Bekannten sein fünfzigjähriges Amtsjubiläum begehen; am 1. Oktober desselben Jahres trat er in den Ruhestand. Während seiner sechsjährigen Amtszeit in Nakel hat er wie der ihm gewidmete Nachruf des Vorstandes der jüdischen Schule, hervorhebt, „in Pflichteifer und großer Bescheidenheit seines Amtes gewaltet und sich viel Liebe und Verehrung erworben. — Auch unser Ortsrabbiuer. Herr Dr. Perlitz, schilderte in seiner Leichenrede den Verstorbenen in seiner langjährigen htngebenden und erfolgreichen Amtstätigkeit, da seine ganze Kraft und sein reines Kindergemüt ungeteilt den Kindern gehörten, — in seinem häuslichen Leben, da er seine treueste Fürsorge der Gattin widmete, und in seinem äußerst bescheidenen und milden Verkehr mit der Außenwelt. Das Andenken an den treuen Lehrer wird in unserer Gemeinde nicht schwinden! o. Breslau, 19. November. Gestern abend fand hierselbst im großen Saale der Lessing-Loge eine von dem Lokalverband des „Esra- Vereins zur Unterstützung a ckerba u tr eiben der Juden in Palästin a" einberusene, zahlreich besuchte öffentliche Versammlung statt. Der Vorsitzende des Lokalverbandes, Professor Dr. Badt, eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Ansprache, in welcher er die erfreuliche Entwicklung des palästinensischen Besiedelungswerkes skizzierte, in Anlehnung an einen Ausspruch Theodor Mommsens eine rationelle Kolonisation als das wirksamste Mittel zur Linderung der Judennot bezeichnete und zum Schluß den Referenten des Abends für die Bereitwilligkeit, mit welcher sie der Einladung des Verbandsvorstandes gefolgt seien, warmen Dank widmete. Hieraus ergriff Herr- Davis Trietsch-Berlin, als Vertreter des Breslauer Zweigvereins ans dem Delegiertentage, das Wort, um zunächst über den bisherigen Werdegang und das imposante Aufblühen des „Esra" zu berichten und sodann seine Ideen über die weiteren Aufgaben des Vereins sowie über die Mittel, welche demselben eine selbständige Tätigkeit, größeren Maßstabes in Palästina, namentlich nach der industrielleil Richtung Hill ermöglichen würde, zu entwickeln. Nach diesen sehr beifällig aufgenommenen Ausführungen betrat Dr. Alfred Nossig-Berlill die Rednertribline. In mehr wie einstüudigem Vortrage beleuchtete er die Hauptprobleme der jüdischen Kolonisatiousarbeit, die kolonialtechnischen Systeme, zwischen denen heute eine Wahl zu treffen sei, ulld entrollte ein Programm der weiteren Palästina-Besiedelung auf Grund einer gemeinsamerl Wirksamkeit aller in Betracht kommendell jüdischen Organisationen. Dementsprechelld behandelte Redner den Gegenstand nicht nur unter dem Gesichtspunkte der eigentlichen Kolonisationsvereine. sondern auch unter den: der anderen im heiligen Lande tätigen Gruppen, insbesondere des Zionismus. Der mit reger Aufmerksamkeit ausgenommene Vortrag gipfelte tu drei, die energische Fortsetzung einer planmäßigen Kolonisatioils-Tätigkeit unter dauerndem Zusammenschluß aller Palästina-Faktoren empfehletlden Resolutionen, welche, wie in Berlin und Hamburg, zum Schluß der Versammlung einstimmig angenommen wurden. Lebhaften Widerhall fand die kernige Ansprache des Herrn Rabbiners Dr. Guttmann, der den Ausführmtgetl Dr. Nossigs volle Anerkennung aussprach, es ihm aber zum Vorwurf machte, daß er in seinem Vortrage allzu sehr den zionistischen Standpunkt ins Auge gefaßt habe. Alle Palästinafreunde, alle, die ein Herz für unsere verfolgten, heimatlosen Brüder haben, hätten ein gleiches Recht und die gleiche Pflicht, an dem Kolonisationstmd Rettungswerke mitzuarbeiten, und die heutige imposante Versammlung, die sich in ihrer Überwiegendelt Mehrzahl aus Nicht- Zionisten zusammensetze. bilde den Beweis, daß Juden aller Anschauungen diesem gemeinsamett Werke das wärmste Interesse entgegenbringen. Als letzter Redner überbrachte Dr. Hirsch Hildesheimer- Berlin zttnächst die Grüße des Zenlralkotnitees des Vereins „Esra" uttd der Propaganda-Kommission des Comite central der Chowewe Zion. Redner verwies sodann auf die bedeutsame Tatsache, daß der Absatz des hauptsächlichsten Kulturobjekts, der des Weittes, und damit die Existenz der 2300 vom Rebenbau lebenden Kolomsten gesichert sei, daß seit diesem Jahre die Orangenpflauzungen zu tragen begannen, daß der fast in allen jüdischen Dörfern gebaute Taback sich bereits einen Markt erobert habe, daß in kurzer Zeit auch die Mandel- und Olivenbäume, die Obstplantagen überhaupt Früchte bringen, ttnd daß die Gemüseanlagett, sowie erst eine Konservenfabrik errichtet sei, reichlich lohnen werden. Der Seidenraupettbau habe sich vorzüglich belvährt; die Spinnerei in Rischon Le Zion brachte im Vorjahre einen Gewinnertrag von über 20000 Franks. Auch die Getreidebauern. welche ihre Ernte mit Leichtigkeit int Lande selbst absetzeu, seien über alle Schwierigkeiten hinweg, wie ja die Kolonisten vott Jarma und Mescha (bei Liberias) schon im zweiten Jahre ihrer Ansiedelung zn voller Selbständigkeit gelangten. Bei aller Vorsicht unb Zurückhaltung dürste ausdas ttachdrücklichste behauptet tverden, daß die Krise, welche die Kolonisation Palästinas gleich allen Unterttehmungen dieser Art durchgemacht hat, vollständig überwunden ist. Nach einem warnten Appell an die Attwesendett, dem „Esra" und dem Palästinawerke ihr Interesse zu betätigen, schloß Professor Badt die Versammlung, deren Bedeutung dadurch erhöht wurde, daß ein stattlicher Kreis neuer Freuitde, die ihm bisher fern standen, sich dem „Esra" anschlossen. u. Bentheu O.-S., 29. November. Auch die hiesigen Gemeindekörperschafteit haben mit überwiegender Majorität den Beschluß gefaßt, zur Erhöhung der gottesdienstlichen Andacht zu Ostern 1904 für die Hauptsynagoge die Orgel einzusührett. Daß die konservatweu Mitglieder gegen diesen Beschluß Front machen — gerade wie in Lissa — ist an und für sich nicht befremdlich, insoweit es sich wettigstens mit Gemeindemitglieder handelt, die es aus inniger Ueberzeugung tun. Aber es ist doch interessant, wenn unter einer au die Gemeiude gerichteten Petition um Aufhebung jenes Beschlttsses sich Unterschriften von Personen finden, denen in jeder Beziehung die Syttagoge und der Gottesdienst gleichgültig ist. Solche Petitionen erreichen nichts, und es ist die Annahme vollständig attsgeschlossen, daß die Gemeindebehörden dett richtig erwogelten Beschluß wieder umstoßen werden. In Beuthen mtb Lissa wird die Orgel eiugeführt — und Berlin polemisiert dagegen. O komische Leute, o närrische Welt! a. Hirschberg i. Schl., 3. Dezember. Jrt der letzten Stadtverordnetensitzung wurde auf Antrag des Magistrats Herrn Stadtrat Getunto Weißstein durch einstimmigen Beschluß der Ehrentitel eines S ta d t ältesten verliehen. Stadtrat Weiß st ein, der seit etwa 1892 dem hiesigen Magistrat als Vorsitzender des Sparkassenkuratoriums und Sparkassendezernent angehört, hat sich, wie dies aus der Mitte der Versammlung atlsdrücklich hervorgehoben imtrbe, um das städtische Sparkaffenwesett große Verdienste erworben und darf daher diese Auszeichnung als dankbare Anerkennung seiner erfolgreichen Wirksamkeit auf den: Finattzgebiete der Stadt betrachten. Unter seitter Leitung sind die Spareinlagen hierselbst von Ende März 1893 bis jetzt von noch tticht 5V~; Millionen Mark aus ttahe an 12 Milliouett Mark gestiegen und konnten in demselben Zeiträume 521 525 Mark Ueberschüsse zur allgemeinett Verwendung für städtische Zwecke überwiesen werden. Es ist, in heutiger Zeit zumal, höchst erfreulich nnb daher wohl auch von allgetneinem Interesse zu sehen, daß die Dienste und Leistungen eines unserer Glaubensgenossen für das bürgerliche Gemeinwohl noch ihre verdiente Ehrung und Wertschätzung erfahren. Ganz besonders aber hat die hiesige Gemeinde alle Ursache, über diese Erfolge ihres angesehenen Mitgliedes hohe Genugtuung zu empfinden, da Herr Stadtrat Weißstein auch ihr schon mehrere Jahrzehnte hindurch, zuerst als Repräsentant und seit 1891 als Vorsteher seine reiche Erfahrung und Begabung leiht und, wie hier gleichfalls im Kastenwesen, so auch tit allen übrigen Beziehungen ihr Gedeihen eifrig zu fördern strebt. Möge es niemals und nirgends an „Männern" in Israel fehlen! it. Diepholz, 29. November. Der Vorstand der hiesigelt israelitischen Gemeinde hat folgendes Glückwunschtelegramm au dett Kaiser gerichtet: „Sr. Majestät dem deutschen Kaiser in Berlin: Eure Majestät bitte ich im Aufträge der israelitischen Gemeinde Diepholz die Versicherung ehrerbietigster Anteilnahme gelegentlich des erfolgten operativen Eingriffs allergnädigst entgegenuehmen zu wotteu. Mit dem alleruntertänigstett Glückwunsch zu dem günstigen Verlaufe der Operation verbindet die israelitische Gemeiltde die ehrfurchtsvollsten Wünsche zn Eurer Majestät alsbaldigen vollen Genesung. Der Vorstattd. Julius Fontheim." Am nächsten Tage erfolgte auf dieses Telegrantm nachstehende telegraphische Antwort: „Potsdant, den