Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228578--60416-3297006- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
67. Jahrgang. Ko. 50. Der Gemeindevote. Berlin, 11. Dezember 1903. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums" korrklpondrnHM und Kschrichtrn. Deutschland. §2 Berlin, 30. November. Am gestrigen Tage fand hier eine Sitzung des engeren Ausschusses für die Gesamtorganisation der Israeliten Deutschlands statt, die von einigen dreißig Mitgliedern aus den meisten Gegenden des Reiches besucht war. Diese Sitzung führte zu einem entscheidenden Ergebnis. Fünfstündige Debatten, an denen sich auch Landtagsabgeordneter Justizrat Cassel beteiligte, überzeugten die Anwesenden von der Notwendigkeit für unsere Glaubensgenossen, ihre Sache nicht ausschließlich bestimmten politischen Parteien anzuvertrauen, sondern selber in die Hand zu nehmen, sowie den Grundsatz der Oeffentlichkeit zu acceptieren, schon damit jeder Verdacht geheimer Verhandlungen. Pläne und Umtriebe vermieden werde. Die von dem engeren Ausschüsse vorgelegten Satzungen für die Gesamtorganisation wurden mit einigen unwichtigeil Abänderungerl angenonrmen und der engere Ausschuß mit der endgültigen Fassung der Satzungen beaustragt. In einem der ersten Monate des kommenden Jahres wird die konstituierende Delegiertenversammlung der Israeliten Deutschlands einberufen werden. ----- Berlin, 6. Dezenlber. Die Tätigkeit des Deutsch-Israelitischen Gem eindebund es für die Erziehung jüdischer Fürsorgezöglinge erfreut sich immer größerer Anerkennung von seiten der höchsten Staatsbehörden. Das preußische Ministerium des Innern hat, wie schon früher die Knabenerziehungsanstalt zu Repzin, so auch jetzt die Fürsorge-Erziehungsanstalt für Mädchen in Plötzensee bei Berlin den Oberpräsidentell und Kommunalverbänden für die Ullterbringung entsprechender Zöglinge bekannt gegeben. Ebenso hat das grobherzoglich hessische Ministerium des Innern den Ausschuß des Gemeindebnndes als Behörde für die Unterbringung jüdischer Fürsorgezöglinge den ihm untergebenen Jnstallzen bezeichnet. Es ist speziell für Preußen das erste Mal, daß eine Staatsbehörde offiziell eine jüdische Institution als mittelbares staatliches Organ betrachtet und behandelt. — Die „Friedri ch-Wilhelm-Vic toria-Stiftung" des Deutsch-Israelitischen Gemeindebulldes sieht sich genötigt, ihre Aufforderung all die jüdischen Gemeindebeamten zu wiederholen, daß sie unsere Glaubensgenossen. die eine Lebellsversicherung beabsichtigen, zl»m Anschluß all die Versicherung „Victoria" bestimmen. Nur durch die hieraus für die „Friedrich-Wilhelm-Victoria-Stiftung" vertragsmäßig erfließenden Einkünfte wird diese in den Stand gesetzt, den in immer weiterem Umfange an sie herantretenden Anforderungen der jüdischen Gemeindebeamtenschaft um Erleichterung ihrer Lebensversicherungen gerecht zu werden. Versäumen diese Beamten, der dringenden Bitte der Stiftung nachzukommen, so schädigen sie dadurch ihren eigenen Stand auf das schmerzlichste. 8. Berlin, 6. Dezember. In der Tagesordnung der heutigen, sehrkurzen und schwach besuchten Repräsentanten Versammlung standell fast nur Geldbewilligungen und verschiedene Rechnungsabschlüsse zur Beratung. DerVorsitzende.Konlmerzienrat Friedlän der, teilte zunächst geschäftlich mit, daß der Gemeindevorstand dem Beschlüsse der Repräsentanten betreffs Festsetzung des Dienstalters der Lehrkräfte an den Gemeindereligionsschulelr beigetreten ist. Eine Zuwendung des Herrn S. Cassirer an das Hospital zur Errichtung einer Bettstiftung im Betrage von 6000 Mark wird genehmigt. Die gemischte Kommission, welche zur Vorberatung der Neubildung des Schul- und Talmud- Toräh-Vorstandes eingesetzt war, hat beschlossen, zwei Gemeinde- Mitglieder — anstatt, wie bisher festgesetzt, nur eines — in den Vorstand zu entsenden und sich auf die Herren Lehrer Max Hanfs und Rabbiner Dr. Weiss e vereinigt. Der Gemeindevorstand hatte die gleichzeitige Wahl beider Herren zur Bedingung gemacht ulld andernfalls die Ablehnung der Wahl in Aussicht gestellt. Der Ausschuß III hat sich der Wahl beider Herren angeschlossen, die heutige Versammlung erhebt ebenfalls keinen Widerspruch dagegen. So ist auch diese Angelegenheit aus den wild ausschäumenden Wogen des offenen MeereS auf dem Wege friedlicher Verständigung in den sturmfreien Hafen gesteuert worden. An Subventionen pro 1908-1904 erhalten debattelos zugebilligt das Israelitische Lehrerinnenheim 300 Mark, die Rkligionsgemeinde Charlottenburg 85 Mark, der Religionsverein Ahawat-torah 1000 Mark. Zur Beschaffung von Inventar für die in der Kaiserstraße errichtete Mädchenschule werden 20000 Mark gewährt. Es folgen alsdann einige Rechnungsabschlüsse pro 1902/03. Die Synagoge Lindenstraße schließt mit einem Mittderverbrauch von 4596,77 Mark ab, der infolge einiger Ersparnisse erzielt werden konnte. Herr Berthold Israel regt bei dieser Gelegenheit an, eine allgemeine Materialienverwaltung für sämtliche Gemeindeinstitutionen nach Analogie einer Brennmaterialienverwaltung einzuführen und aus dem Wege von Submission eine Verbilligung der Materialien zu erzielen. Während die Herren Fränkel, Louis Sachs und Prof. Blaschke das Verfahren als zu umständlich bezeichnen, will Herr S olmitz vom Gemeindevorstand dieser Anregung gern Folge geben, wenn ein Artikel angegeben würde, bei dem sich die Zentralisierung lohne. Der Bericht der Armenkommission ist, wie stets, sehr ausführlich und bietet recht interessante Daten über die umfangreiche Tätigkeit des großen Arbeitsfeldes derselben. Es gingen bei ihr im verflossenen Jahre 6657 Gesuche ein, welche in vier Abteilungen zur Prüfung gelangten und von denen 4254 Gesuche berücksichtigt werden konnten. Die an die Bittsteller gewährten Unterstützungen betrüge»; insgesamt 79531 Mark; unter den Petenten waren 5 über 90 Jahre alt, 47 befanden sich im Alter zwischen 80 bis 90 Jahren. An 429 Personen wurden laufende Unterstützungen bewilligt, dieselben erreichten die Summe von insgesamt 56 873 Mark. Der Fonds für verschämte Arme gewährte Unterstützungen im Betrage von 30 bis 400 Mark. Aus den Stiftungen wurden für Abhaltung von 123 Jahrzeiten 2344 Mark an würdige und bedürftige Personen zur Verteilung gebracht. Um Bewilligung von Badekuren wurden 444 Personen vorstellig, 257 wurden berücksichtigt, wodurch an Kosten 12 567 Mark verursacht wurden. 69 Bittsteller haben die Mittel von 6 bis 36 Mark erhalten, um einen Gewerbeschein lösen zu können; die hierfür ausgegebene Summe belief sich aus 1152 Mark. Die Verbindung mit der Armenkommission der städtischen Gemeinde ist eine rege geblieben, Allfragen und Auskünfte werden beiderseits bereitwilligst ausgetauscht. Die städtische Gemeinde zahlt an 109 Personen jüdischen Glaubens 8440 Mark an Unterstützungen. Die Zentralstelle für jüdische Wohltätigkeitspflege wurde in 6657 Fällen um Auskullst ersucht. Die Einnahmell der jüdischen Armenkommisstou setzen sich aus dem Zuschuß der Gemeinde und freiwilligen Beiträgen zusammen. Der Vermögensstand der Kommission stellte sich aus 938 988 Mark. Der Rechnungsabschluß der Zentralstelle sür die Wohltätigkeitsanstalten weist einen Mehrverbrauch von 230.65 Mark auf, welcher nachbewilligt wird. Der Gemeindezuschub betrug 5500 Mark. Der Referent Herr Adolph Mayer konstatiert bei dieser Vorlage, daß bedauerlicherweise sich immer noch kein einziger der bestehenden Wöchnerinnenvereine entschlossen hat. auch ledige Wöchnerinnen zu unterstützen. Bei der Fürsorgekommissioil, die im Berichtsjahr 129 Fälle zu erledigen hatte, ist ein Mehrverbrauch von 6778 Mark entstanden. Für die Bibliothekkommission lvurde ein Extrafouds von 1000 Mark bewilligt. Der Gemeindezuschuß betrug 14 000 Mark, davon wurden infolge einiger Ersparnisse 1533 Mark zurückgezahlt. Der Abschluß der Kommission zur Beschaffung des Koscherfleisches wurde vertagt, die übrigen Abschlüsse werdell dechargiert. Nach Annahme der Dringlichkeit wurden 400 Mark der Schochare Hatow und Bne Brithgemeinde unter der Bedingung bewilligt, daß diese ihre Religionsschule schließe, da die Großgemeinde selbst in der Straußbergerstraße eine Religionsschule eröffnet hat. Ebenfalls in dringlicher Vorlage werden 2000 Mark zur Anschaffung eines Kinderleichenwagens genehmigt. In die freie Kommission zur Vorberatung der Wahl von Mitgliedern der Verwaltnngskommissionen, die „Versöhnullgskommisston" alias „Friedenskommission" werden die Herren JsidorSachs, Dr.Cohn, LouisSachsund SyndikusDr.Mindeu abgeordllet, vom Gemeindevorstand sind die Herren Simon und Netter in dieselbe delegiert worden. Die Abänderung des Gemeinde- Statuts mußte abgesetzt werden, weil die statutarisch vorgeschriebene