Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- Seite 600 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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600 „Unfern Kindern kann nur schaden, wenn wir uns wegwerfen. Glaubst Du vielleicht, daß Dein Ball die Kluft überbrücken kann, welche von den christlichen Mitbürgern aufgerissen wird?" „Ich habe nicht für das Gesamtwohl der Juden zu sorgen, aber das Wohl meiner Kinder habe ich unausgesetzt im Auge. Wer weiß, welche Stellung unsere Kinder noch einnehmen werden, wenn wir mit Söhnen von höheren Staatsbeamten. Militärs bekannt und vielleicht befreundet werden." „Unserer Tochter muß die Stellung ihres zukünftigen Mannes genügen, der voraussichtlich iveder Staatsbeamter, noch Militär sein wird, und unser Heinrich wird ebenso wenig einer Protektion bedürfen, wie die anderen studierenden jüdischen Jünglinge." Sie faßte an ihre Stirn. „Sprich nicht so laut, ich spüre meine Migräne wieder. Soll ich die Einladungen abschicken?" „Schicke sie wem Du willst. Du wirst hoffentlich mit dem einen Male nu Deiner vornehmen Gesellschaft genug bekommen." Er verließ das Zimmer. Der Manu, der ein Heer von siebenhundert Angestellten in straffer Ordnung halten konnte, war der Migräne seiner Frau gegenüber wehrlos. Er hatte nicht die Energie, das monotone, anhaltende, von einer Märtyrermieue begleitete Klagen über eingebildete Leiden als Verstellung zu rügen und durch Nichtbeachtung zu strafe». Er wußte, daß, wenn seine Frau im verdunkelten Zimmer ans dem Divan lag und die Kinder und Dienstboten sich nur flüsternd unterhalten durften, ei» Besuch oder eine telephonische Einladung zu irgend einem Spaziergang sie sofort wieder gesund machte, und hatte nicht die Kraft, diese Tyrannei der Laune, mit der seine Gattin das Unglaublichste durchsetzte, zu brechen. Seine Tochter, die bei der Mutter zurückgeblieben war, warf ihren hübschen Kopf auf. „Ich bin durchaus nicht mit Vaters veralteten Ansichten einverstanden. Gerade ein Mann, wie Vater ihn als unerreichbar für mich hinstellt, wäre mein Ideal. Bei Kindern unserer Zeit ist doch die Religion nicht so wichtig, daß diese für das ganze Leben bestimmend sein sollte." Die Mutter seufzte. „Ich denke ja ebenso wie Du, liebes Kind, aber Vater ist in seinen Ideen noch zu beschränkt. Schließlich jedoch kann und wird er sich nicht dem Drängen der Neuzeit verschließen können, das soll vorläufig unser Trost sein. Nun weiter zu unserer Liste," und eifrig neigten sich die Damen wieder über ihre Papiere. Der Ballabend kam heran. Es war abscheuliches Wetter. Der Sturm peitschte den Regen an die Scheiben der Wagen, die in endloser Reihe am Berger'schen Hanse Vorfahren. Zahlreiche Diener halfen den Ankommenden ans den Winterhüllen und wiesen sie in die Gesellschaftsräume des erste» Stockes, wo die Gäste vom Hausherrn und seinem Sohn empfangen wurden. Herr Berger, der seiner Frau bei den Einladungen freie Hand lassen mußte, nahm gleiches Recht für sich in Anspruch, und, so erschienen auch die Vorsteher seines Geschäfts, sowie verschiedene Jugendfreunde und Landsleute von ihm mit ihren Familien. Diese schienen sich vorläufig noch nicht sehr gemütlich zu fühlen. Plötzlich meldete der Diener mit besonders lauter Stimme: „Herr Baron von Licht, Herr Assessor Rode." Ein schmucker Einjähriger und ein sehr eleganter junger Mann mit schneidigem Schnurrbart traten ein. Sie begrüßten den Hausherrn verbindlich und näherten sich dann den Damen des Hauses, die sie mit sicherm Blick gleich heransgefimden hatte». „Gnädige Frau, gnädiges Fräulein, habe die Ehre," und küßten den Damen die Hand. „Das ist ja reizend, daß Sie sich unserer noch erinnert." „Aber ich bitte Sie," erwiederte die überglückliche Frau Berger, „wir konnten doch die angenehmen Tage, die wir zusammen in Badenweiler verlebt, nicht vergessen!" Mit einem bittenden Blick bemächtigte sich der Assessor der Tauzkarte des Mädchens und zeichnete sich ein. Der Einjährige sagte neckend: „Hugo, Du schreibst lange, lässest Du mir nichts übrig?" Er nahm die Karte. „Natürlich, ein hoffnungsvoller Schüler seiner Regierung, er nimmt fast alles." Mit einer Verbeugung, die Hacken aneinanderschlagend, gab er die Karte dem Mädchen zurück und wandte sich wieder zur Mutter, die den Herrn Baron einigen Damen vorstellte. Mittlerweile unterhielt sich der Assessor mit Erna. „Gnädiges Fräulein, das Wörtchen literarische Abendunterhaltung besagt so viel, daß ich Sie um eine nähere Erläuterung bitten möchte." Erna erwiderte neckend: „Sie werden Ihre Wißbegierde etwas zügeln müssen, Herr Assessor. Wenn es au der Zeit ist, werde» die Programme verteilt, bis dahin sollen die Darbietungen des Abends geheim bleiben. Nur soviel darf ich Ihnen verraten, daß uns ganz neues offenbart wird." „Ah," machte der Assessor. Da glitten die Schiebetüren auseinander und zeigten einen großen, strahlend hell erleuchteten Saal. Im Vordergrund stand ein kleines Podium mit einem Rednerpult, daneben ein Flügel. Die Sitze waren bald von den geladenen Gästen eingenommen. (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. Hochgeehrter Herr! erlaube mir, Sie um gefällige Ausnahme der nachfolgenden Drnckfehlerberichtigungen. da dieselben sachlich wichtig sind, in bezug auf meine Erklärung, ergebenst zu bitten: Es must statt: „schon um die Stimmung sehr weiter (nicht einiger) Volkskreise zu sichern" heißen, „zu schild ern", (nämlich die Stimmung mittelalterlicher Volkskreise). In dem Satz: „daß Herr Dr. Ziegler selbst die Wichtigkeit der wissenschaftlichen Momente zngibt". muß es statt wissenschaftlichen „wirtschaftlichen" heißen. In dem Satz: „wenn er in der Darstellung Liebes Sachlichkeit („tragische" Lagen gibt er wieder zu) vermißt", muß der eingeklammerte Passus lauten („Ansätze" dazu gibt er wieder zu). Endlich ist in dem Passus „die Geschichte der Juden, wie sie (von Juden) leider betrieben ist", statt „leider" „bisher" zu lesen. Cassel, 5. Dezember. Mit größter Hochachtung Ihr ergebenster St ei n h a us en. $ Lriekksltrn der Redaktion. Religion steht über Carriere: Uns ist von dieser Konversion nichts bekannt gewesen; und auch sonst weiß hier niemand etwas davon. In jedem Falle bedauern wir die Sache sehr. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Lauchwitz in Berlin.