Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- Seite 599 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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599 heimelten sie mächtig an und luden sie ein zu immer erneuerter Wiederkehr, zu immer längerem Verweilen." Auch die „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1859, Nr. 45, konstatiert in einem Aufsatze von Kahserling zur Schiller- Feier 1859, Nr. 45, daß Schiller ein Liebling der jüdischen Jugend sei?) Solch allgemeine Aeußerungen sollen nicht eben in Zweifel gezogen werden. Wichtiger jedoch wäre es, um das hier behauptete Nachleben Schillers in der jüdischen Jugend etwa in den 20 er Jahren des 19. Jahrhunderts zu konstatieren, wenn man aus historischen Dokumenten, Briefen, Selbstbiographien, Tagebüchern diesen starkeil Eindruck beweisen könnte. Das dafür vorliegende Material ist freilich äußerst dürftig. In Abraham Geigers Aufzeichnungen spielt Schiller fast gar keine Nolle; der Lieblingsschriftsteller seiner Jugend, Herder, wurde später durch Goethe verdrängt; bei der Lektüre des Briefwechsels zwischen Goethe und Schiller werden zwar zwei Briefe des letzterell hervorgehoben, aber die Wirkung solcher Lektüre war weniger die Begeisterullg für den Autor, als die Sehnsucht nach einenl gleichgesiilnten Freunde?) Etwas größern Einfluß Schillers bemerkt man in Berthold Auerbachs Jugendbriefen. Er, der in seinen höheren Jahren so goethefeste Mann — er war es, der das schöne Wort „goethereif" prägte — erfuhr ganz naturgemäß in seiner Jugend starke Eindrücke voll dem schwäbischen Landsmalln, so daß feine wenigen bisher überlieferten Jugendoerse nach Schillerschem Muster gebildet sind und er seinem Freundschaftsenthllsiasmus in Schillerschen Versen Luft macht?) Dagegen scheint Gabriel Rießer von Schiller keille Anregung empfangen zu haben, der Vater liest und zitiert Jeml Paul; seine Beteiligung an der Schiller-Feier und seine Schillerrede habell mit seinem Judelltum nichts zu tun?) Schweigt so die vorhandene Memoirenliteratur, so gibt es andere Zeugnisse, welche eine große Popularität Schillers in jüdischen Kreisen und seine direkte Einwirkung auf die Dichtung innerhalb dieser Zirkel behaupten. Schon Delitzsch „Zur Geschichte der jüd. Poesie", Lpz. 1836, S. 102 sagt: „Die Bikkure ha Jttim lvurden das Organ der neuen germanischeil Dichterschule in den weitell österreichischen Landen, auf welche Schiller den wichtigsten Einfluß übte." Jelliuek, „Der jüdische Stamm", Wien 1869, S. 21 sagt bei Schilderung einer Talmudschule aus dem 3. Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts: „Der Hörer talmlidischer Casuistik trägt — Don Karlos bei sich und schwankt zlvischell der Gedankenfreiheit des Marquis Posa, für die er besonders schwärmt uild den haarscharfen Distinktionen seines Meisters." Wo aber bestimmte geschichtliche Zeugllisse schlveigen, tritt die Tradition ein. Darüber schreibt luir Herr Dr. Karpeles: „Von der Popularität Schillers im Ghetto, namentlich ür ben Talmudschulen (Jeschiwas), können Sie sich gar keine Vorstellung Ulachen. Man kalln diese nicht hoch genug einschützen und getrost behaupten, Schiller war der Dichter des Ghetto; namentlich gilt dies für Polen und Oesterreich. Diese Tatsache steht so fest, als wenn sie durch tausend Bände Memoiren verbürgt wäre. Jeder einzelne, der aus dem Ghetto hervorgegangen, weiß dies und kann es bekräftigen, und die älteren Bachurim wußten darüber die ergötzlichsten Dinge zu berichten." 9 Die Artikel sind unten verzeichnet. Ein besonderer Eindruck Schillers scheint auf L. Philippson nicht geübt worden zu sein, wenigstens ist meinem Kollegen Martin PH., wie er mir mitteilt, nichts dergleichen bekannt. -) Vgl. Abraham Geigers Leben in Briefen, Hrsg, von L. Geiger. Berlin 1878, bes. S. 30, 32. 9 Berth. Auerbach. Briese an feinen Freund I. A. Frankfurt, 1884, bes. I. S. 8. 9 Jsler, Gebr. Rießers Leben nebst Mitteilungen aus feinen Briefen, Pst. 1867. Einzelnes S. 43, 506, 001. Und derselbe bemerkt: „Für das Kapitel von der Popularität Schillers im Ghetto ist auch charakteristisch, daß fast alle größere Balladen Schillers in verschiedenartigen Parodien und Travestien im Ghetto zirkulierten, von denen auch viele gedruckt sind, ein Zeichen dafür, wie bekannt er gewesen ist. Schließlich will ich Ihnen noch eine Schiller-Anekdote, die Ihnen vielleicht Spaß machen wird, mitteilen: Ein Bachur wird von einem Kollegen erwischt, wie er ein deutsches Buch liest. Der Späher hört ihnl aufmerksam zu, wie er liest: Zu Dionys dem Tyrannen — dem Rosche — schlich — er ist gelosten — Moros, den Dolch — den Chalef — im Gewände — in der Kapote —. Null stürzt der Späher auf den harmlosen Leser los: „Was machst De denn da?" Antwort: „Ich verteutsch mir Schiller!" Außer solchen humoristisch aumuteuden Uebersetznngsversnchen sind aber auch ernstgemeinte und wohlgelnngene zu verzeichnen. Auch hier darf ich mich wieder eines Hinweises von G. Karpeles bedienen: „Die erste Nebersetznng Schillers erschien in der klassischen Zeitschrift „Bikkure ha Jttim", wo M. Letteris uub S. I. Rappaport als Uebersetzer auftreten. Seither ist fast alles voll Schiller ins Hebräische übersetzt worden. Irr der Bibliotlieea Hebraiea-Post-Meiidelssohniana voll W. Zeitlin (Leipzig 1891) werden 21 Nummerrr von Schiller-Uebersetzungen angeführt. Sämtliche Dramen Schillers und auch die meisten seiner Gedlchte sirid ill Galiziell oder Russisch-Polell ills Hebräische übersetzt worderr Ulld bilden noch heute dort die Lieblingslektüre der Jugelld." (Fortsetzung folgt.) Linder unlerer Leit. Roman von Jacob Levy. ^, Kapitel 7. (Fortsetzung.) ^>^err und Frau Leopold Berger beehren sich, Familie Soundso zu ihrer literarischell Abendnnterhaltung mit anschließendem Sollper ulld Ball ergebenst einzuladen." Diese Kärtchen, die in alle Gesellschaftskreise flogen, erregten bei den jüngeren Leutell Freude, bei den älteren dagegell teilweise Unbehagen. Herr Meyer beispielsweise äußerte sich: „Das lvird wieder eine Langeweile mit Kopfweh." „Geh," antwortete seine Frau, „Du hast doch gar keinen Sinll für die höhere Bikdllllg." Die Familie Berger war ebenfalls ill zwei feindliche Lagergeteilt. Die Vorschrifteil des Doktor Weil waren vergessen. Frau Berger, die sich wohl fühlte, genoß mit vollen Zügen das gesellschaftliche Leben der Großstadt, und Erna gab ihren Widerspruch aus, nachdem sie sich überzeugt, daß dieser doch ullbeachtet blieb. Herr Berger sagte mißmutig zu seiner Frau: „Wir haben doch genug Gäste all ullsern Frerlnden und Bekannten, lasse doch die Leute fort, die wir oberflächlich im Bade kennen gelernt und die llns noch nicht einmal eilten Besuch gemacht haben." „Das verstehst Tn llicht," erwiderte feine Frau mit funkelnden Augen, „zu eillem Ball kann man jeden einladen, und Du solltest meine Voraussicht anerkennen, wenn ich junge Leute von Distinktion an unser Haus. Zu. fesseln suche. Wer weiß, lvelchelr Nlltzen dies unfern Kinderll bringen kann!"